# taz.de -- Humanitäre Lage im Gazastreifen: Gefangen zwischen israelischem Militär und Hamas-Herrschaft
> Seit sechs Monaten gilt im Gazastreifen eine fragile Waffenruhe. Doch
> Fortschritte hin zu einer dauerhaften, friedlichen Lösung gibt es kaum.
(IMG) Bild: Angriff in einem Camp nahe Deir el-Balah am 25. März 2026
Im Prinzip hat sich bewahrheitet, was einige Palästinenser wie auch
Beobachter mit dem Beginn der Waffenruhe im Gazastreifen am 10. Oktober
2025 befürchtet hatten: Dass das, was damals für den Übergang vereinbart
wurde, zur Dauerlösung wird.
Sechs Monate sind seitdem vergangen. Und zu Beginn veränderten sich die
Dinge rasend schnell. [1][Innerhalb von wenigen Tagen ließ die Hamas alle
zwanzig noch lebenden Geiseln frei], Israel wiederum etwa 2.000
palästinensische Gefangene. Das israelische Militär zog sich auf die
sogenannte gelbe Linie und damit etwa aus der Hälfte des Gazastreifens
zurück. Die andere Hälfte kontrolliert die Hamas, dort lebt auch fast die
gesamte Zivilbevölkerung des Küstenstreifens.
Die Freilassung der Geiseln und Gefangenen sowie der Rückzug des Militärs
waren drei Forderungen [2][aus dem 20-Punkte-Plan des US-Präsidenten Donald
Trump]. Und während sich bereits die Freilassung der getöteten Geiseln wie
auch die Öffnung der Grenzübergänge nach Gaza für Hilfslieferungen
verzögerte, blieb der Großteil der Punkte bislang gänzlich unerfüllt.
## Permanente Verstöße gegen die Waffenruhe
Etwa das „sofortige Kriegsende“. Nach Angaben des Hamas-kontrollierten
Gesundheitsministeriums im Gazastreifen habe Israel zwischen dem 10.
Oktober und Mitte März über 2.000-mal gegen die Waffenruhe verstoßen. Laut
dem Ministerium sollen dabei mindestens 700 Menschen umgekommen sein. Unter
ihnen sind Kämpfer der Hamas, aber auch Zivilistinnen und Zivilisten. Das
katarische Medium Al Jazeera berichtet: An 160 von 182 Tagen während der
Waffenruhe habe es Angriffe Israels in Gaza gegeben.
Erst an diesem Donnerstag soll Berichten zufolge ein Mädchen in einem
Klassenzimmer im nördlichen Gazastreifen von israelischem Militär
erschossen worden sein. Eine Bestätigung des Militärs zu dem Vorfall gibt
es bislang nicht.
Die israelischen Angriffe in Gaza erfolgten teils innerhalb des israelisch
kontrollierten Gebietes, also hinter der gelben Linie, aber auch im
Hamas-kontrollierten Teil. Laut dem israelischen Militär wurden seit Beginn
der Waffenruhe insgesamt vier Soldaten im Gazastreifen getötet.
## Zu wenige Hilfslieferungen
Auch das Thema Hilfslieferungen bleibt kompliziert: Eigentlich sollten nach
dem 20-Punkte-Plan [3][„sofort“ Hilfsgüter „durch die Vereinten Nationen
und das Rote Kreuz“ frei nach Gaza hineinfließen.] Zwar werden tatsächlich
mehr Güter geliefert als noch vor Beginn der Waffenruhe. Die online
verfügbaren Daten, die die israelische Behörde COGAT selbst veröffentlicht
hatte, enden im Oktober 2025.
Doch von Vereinten Nationen veröffentlichte Daten zeigen, dass seit dem 10.
Oktober 2025 insgesamt etwa 272.000 Tonnen Güter nach Gaza kamen. Diese
Zahl bezieht sich auf Hilfstransporte, die von UN-Organisationen betreut
werden. Etwa 60 Prozent dieser Güter seien Lebensmittel. Laut dem
Welternährungsprogramm werden etwa 62.000 Tonnen an Lebensmitteln pro Monat
benötigt, um die rund 2 Millionen Menschen im Gazastreifen adäquat zu
versorgen. Rein durch die UN-gelieferten Hilfsgüter wäre das in den
vergangenen sechs Monaten also nicht gegeben.
## Koordination mit Israel noch immer kompliziert
Hilfsorganisationen berichten außerdem gegenüber der taz, dass die
Koordination der Lieferungen mit Israel noch immer äußerst kompliziert sei.
Es werde also weniger geliefert als möglich wäre.
Seit vergangenem Sommer lässt Israel immerhin wieder kommerzielle
Transporte in den Gazastreifen zu. Und im Gegensatz zu Hilfsorganisationen
dürfen diese auch sogenannte Dual-Use-Güter einführen. Dazu gehören etwa
Generatoren zur Stromerzeugung mithilfe von Kraftstoff, aber auch Zelte, in
denen Metallteile, also Zeltstangen, enthalten sind. Die Einfuhr dieser
Dinge als Hilfsgüter wird, das bestätigte jüngst eine Organisation der
Vereinten Nationen gegenüber der taz, bis heute oft nicht genehmigt.
Das verbessert zwar grundsätzlich die Versorgungslage. Doch die kommerziell
eingeführten Güter werden auf den Märkten verkauft, die Preise bestimmen
Angebot und Nachfrage. Und die Mehrheit der Menschen im Gazastreifen hat
keine Arbeit mehr, Ersparnisse können außerdem nur mit hohen Abzügen von
den Bankkonten ausgezahlt werden. Viele haben kaum Geld, um sich gesund zu
ernähren.
## Problematische Ernährungslage und akute Hungergefahr
Die Integrated Food Security Phase Classification(IPC)-Skala, die die
Ernährungssicherheit in einem Gebiet misst, prognostizierte im Herbst für
den Gazastreifen weiterhin ein hohes Niveau an „Food Insecurity“. Demnach
habe etwa die Hälfte der Bevölkerung keine ausreichenden finanziellen
Mittel für eine ausgewogene Ernährung, knapp 30 Prozent seien sogar akut
hungergefährdet.
Und nach wie vor landen außerdem manche der als Hilfsgüter eingeführten
Lebensmittel auf den Märkten. Augenzeugen berichten der taz, dass der
Aufdruck „Not for Sale“ – „Nicht zum Verkauf“ – teils deutlich sichtbar
ist.
Hinzu kommt die Besteuerung: Seit vergangenem November zieht die Hamas
wieder vermehrt Steuern von der Bevölkerung ein. Etwa auf Zigaretten und
Treibstoff oder auch auf Lebensmittel wie Hühnerfleisch. Ghaith Al-Omari,
Analyst beim US-amerikanischen Thinktank Washington Insitute for Near East
Policy, erklärte dazu bereits im November: Damit ziele die Hamas darauf ab,
sowohl nach innen als auch nach außen zu zeigen, dass man an ihr nicht
vorbeikommt. Und warnte: „Je länger die internationale Gemeinschaft wartet,
desto mehr gräbt sich die Hamas ein.“
## Hamas agiert gegen Zivilbevölkerung
Genau das ist in den vergangenen sechs Monaten passiert. Fast jede Woche
gibt es neue Berichte über das Vorgehen der Hamas gegen die eigene
Zivilbevölkerung.
So sanken im vergangenen Dezember die Temperaturen zügig ab, mit dem Winter
begann auch die Zeit des Regens. Hunderttausende Palästinenserinnen und
Palästinenser lebten – und leben bis heute – in Zelten, die gegen die
Winterkälte kaum Schutz bieten. Diese inoffiziellen Camps finden sich etwa
in den Innenhöfen von ehemaligen Regierungsgebäuden oder in den von
internationalen Organisationen genutzten Häusern, aber auch am Strand oder
auf ehemals landwirtschaftlich genutzten Grundstücken.
Ein solches an einem ehemaligen Regierungsgebäude gelegenes Camp stürmten
nach Informationen der taz Mitte Dezember maskierte Männer. Nach Berichten
von Augenzeugen schossen sie in die Luft, zerstörten Zelte, zwangen die
Menschen dazu, ihre temporäre Unterkunft zu verlassen. So berichteten es
Augenzeugen der taz.
Aus der Notunterkunft wurde innerhalb weniger Stunden eine Art
Polizeistation mit kleinem Gefängnis. Das ist kein Einzelfall, es gibt
weitere ähnliche Fälle: Zivilisten kamen in oder an Gebäuden unter, auf die
die Hamas dann Anspruch erhebt.
## Hamas duldet keine Kritik
Die Hamas geht außerdem hart gegen ihre Kritiker vor: Immer wieder werden
Menschen, die es gewagt haben, sich öffentlich gegen sie zu äußern,
festgenommen. Immer wieder werden Kritiker getötet oder misshandelt.
Aktivisten wie Hamza Howidy, ein aus Gaza nach Deutschland geflohener
Palästinenser, oder der palästinensische Christ Ihab Hassan,
[4][dokumentieren die Fälle auf ihren Social-Media-Konten]. Nicht alle
lassen sich unabhängig überprüfen. Doch sie decken sich mit Berichten, die
die taz aus Gaza erreichen und mit Recherchen vor Ort.
Auch auf den Straßen ist die Hamas wieder deutlich sichtbar: Die sogenannte
Sahm-Einheit patrouilliert öffentlich, die Mitglieder sind meist maskiert
und bewaffnet, teils aber auch in zivil anmutender Kleidung.
## Massive Verschlechterung der Lebensbedingungen
Die Situation, so könnte man das zusammenfassen, ist wieder wie vor dem
Krieg. Nur dass zwischendrin etwa 70.000 Menschen in dem von Israels
Militär mit großer Brutalität geführten Krieg umkamen, dass etwa 80 Prozent
der Gebäude beschädigt oder zerstört sind und das Gebiet des Gazastreifens,
in dem sich Palästinenser aufhalten dürfen, halbiert wurde.
Manche hoffen weiter auf den Trump-Plan – und vor allem auf die
Internationale Stabilisierungsmission (ISF). Sie wurde mit der Resolution
2803 vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen offiziell genehmigt. Sie
soll den Gazastreifen entmilitarisieren und sichern, „vor allem durch die
Unterstützung bei der Entwaffnung, den Schutz der Zivilbevölkerung sowie
die Ausbildung und Beratung der im Aufbau befindlichen palästinensischen
Polizeikräfte“, so schreibt es etwa das Middle East Institute.
Seit der Resolution im vergangenen November ist aber kaum etwas passiert.
Im Januar stellten die USA Major General Jasper Jeffers als Kommandeur der
ISF vor. Details wie etwa das Budget sind weiter unklar. Und es haben zwar
mehrere Staaten, darunter Indonesien und Marokko, Bereitschaft
signalisiert, Truppen für die ISF zu entsenden. Doch auch hierbei sind
keine echten Fortschritte bekannt.
Die Menschen im Gazastreifen harren also weiter aus: ohne echte Zukunft,
ohne echten Fortschritt, gefangen zwischen israelischem Militär und
Hamas-Herrschaft.
## Hamas soll auf Vorschlag zur Entwaffnung reagieren
Bis zum Ende dieser Woche, so berichtet es Times of Israel, soll die Hamas
auf einen Vorschlag zur Entwaffnung seitens des Gaza-Friedensrats
reagieren. In der vergangenen Woche hatte der Hohe Vertreter des Rats für
Gaza, Nikolay Mladenow, Vertreter der Hamas im ägyptischen Kairo getroffen.
Fundamentale Änderungen seitens der Hamas, so Times of Israel, sollen dabei
nicht mehr einfließen dürfen. Der Plan sieht einen achtmonatigen Zeitrahmen
vor, in dem die Hamas die Waffen niederlegt und palästinensische
Technokraten die Kontrolle übernehmen, bis sich schließlich Israels Militär
aus ganz Gaza zurückzieht.
Und wenn sie nicht darauf eingeht? [5][„Er, der nicht den Fluss
überschreitet, wird im Meer ertrinken“, schreibt Mladenow etwas kryptisch
auf X.] Nach einer erwarteten baldigen Lösung klingt das nicht.
10 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Nach-738-Tagen-in-Hamas-Gefangenschaft/!6119852
(DIR) [2] /Friedensplan-fuer-Gaza/!6114978
(DIR) [3] /Versorgungslage-im-Gazastreifen/!6116779
(DIR) [4] https://x.com/HowidyHamza/status/2041905119906668606?s=20
(DIR) [5] https://x.com/nmladenov/status/2040027059259322704?s=20
## AUTOREN
(DIR) Lisa Schneider
(DIR) Hisham Al-Masri
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