# taz.de -- Pränatale Diagnostik: Menschen mit Downsyndrom bald auf der Roten Liste
> Die gesellschaftliche Akzeptanz für ein abgetriebenes Kind ist höher, als
> für ein behindertes Kind. Diese Haltung birgt eine große Gefahr.
(IMG) Bild: Menschen mit Trisomie 21: Immer öfter konnten einzelne Exemplare erfolgreich auf den ersten Arbeitsmarkt ausgewildert werden
Menschen mit Downsyndrom könnten wohl bald die nächste Spezies sein, die
auf der Roten Liste der bedrohten Arten landet. Dabei gab es in den
vergangenen Jahren so viel Positives zu berichten. Die Lebenserwartung von
[1][Menschen mit Trisomie 21] stieg signifikant, und es konnten immer öfter
einzelne Exemplare erfolgreich auf den ersten Arbeitsmarkt ausgewildert
werden. In der Gastronomie kann man dadurch nun richtigen Orts in den
Genuss des seltenen Naturereignisses von ehrlich freundlichem Service
kommen.
Alle Schutzbemühungen könnten jetzt zunichte gemacht werden. Vor knapp vier
Jahren wurde ein [2][Schwangerschaftstest auf Trisomie 21 als
Kassenleistung zugelassen] – der sogenannte NIPT. NIPT steht für „nicht
invasiver Pränataltest“, mit dem im Blut der werdenden Mutter Hinweise auf
ein Kind mit Downsyndrom gesucht werden. Man wollte dadurch die Anzahl der
invasiven Diagnoseverfahren verringern, wie beispielsweise
Fruchtwasseruntersuchungen, bei denen mit einer Nadel durch die Bauchdecke
gestochen wird.
Der NIPT sollte ausdrücklich keine Routineuntersuchung sein und nur bei
besonderen Risiken in der Schwangerschaft von der Kasse übernommen werden.
Abrechnungsdaten der Barmer Krankenkasse zeigen aber, dass der Test in der
Praxis von den Versicherten als Regelversorgung empfunden wird. Fast jede
zweite Schwangere hat ihn in Anspruch genommen.
In der Folge stieg die Zahl der Fruchtwasseruntersuchungen sogar, da auf
einen „positiven“ nicht invasiven Test ein invasiver folgt. Statistisch
gesehen treiben etwa 90 Prozent aller Frauen, die so erfahren, dass ihr
Kind das Downsyndrom hat, dieses ab. Das fühlt sich übrigens auch für
diejenigen, die das Glück haben, mit dem Downsyndrom leben zu dürfen,
absolut beschissen an.
Ein Register darüber, wie viele das eigentlich sind, gibt es in Deutschland
aus gutem Grund nicht. Man weiß ja nie, wann die nächsten Nazis an die
Macht kommen.
Zu behaupten, 90 Prozent aller Kinder mit Trisomie 21 werden abgetrieben,
ist aber falsch. Noch ist das nicht die Normalität, denn die Zahl bezieht
sich nur auf diejenigen, die ihr Baby vor der Geburt diagnostizieren
lassen. Es gibt immer noch die andere Hälfte aller Frauen, die diese
Untersuchungen nicht machen und bereit sind, ihr Kind so zu nehmen, wie es
ist. Und es gibt auch die Eltern, die einen Test machen, um im Fall der
Fälle gut vorbereitet zu sein.
Schon als ich vor 19 Jahren ein Kind mit Trisomie 21 bekommen habe, musste
ich mich überall dafür rechtfertigen, keinen Test gemacht zu haben. Bereits
damals habe ich das Gefühl bekommen, dass die gesellschaftliche Akzeptanz
für ein abgetriebenes oder bei der Untersuchung getötetes Kind höher ist,
als für ein behindertes. Diese Haltung birgt eine große Gefahr, auch für
alle nicht behinderten Kinder und Jugendlichen, die damit leben müssen, wie
gnadenlos selektiert wird, wer nicht „perfekt“ ist.
## Erwartungshaltung auf ein „normales“ Kind
Es darf nicht sein, dass der Krankenkassenkatalog vermittelt, dass es
normal sei, im Rahmen der allgemeinen Schwangerschaftsvorsorge die
Chromosomen seines Kindes auszählen zu lassen. Natürlich, über einen
Abbruch entscheidet jede Frau selber – aber wie frei ist so eine
Entscheidung, bei dieser Erwartungshaltung auf ein „normales“ Kind? Und wer
untersucht mal, welche schrecklichen Folgen so eine Entscheidung für
werdende Mütter und Väter haben kann?
Ich hoffe von ganzem Herzen, dass der Bundestag dem Antrag mit der
Forderung nach wissenschaftlicher Auswertung der Folgen der Kassenzulassung
des NIPT schnell zustimmt. Es geht hier um Leben und Tod.
Ich plädiere dafür, Menschen mit Downsyndrom die Schwangerschaftsberatungen
machen zu lassen. Die Aktivistin [3][Natalie Dedreux] sagt über sich: „Ey,
das Leben mit Downsyndrom ist cool!“ Und in einer Gesellschaft, in der
jeder Mensch willkommen ist, wird das Leben noch viel cooler sein – auch
für Normalos.
11 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Birte Müller
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