# taz.de -- Frankreichs Rechte und der ÖRR: Öffentlich-rechtliche Medien vor dem Großinquisitor
> Ein Untersuchungsausschuss sollte die Finanzierung der
> öffentlich-rechtlichen Medien in Frankreich debattieren. Doch die
> Anhörungen endeten im Streit.
(IMG) Bild: Charles Alloncle hat eine Mission – auf dem Weg zum Untersuchungsausschuss am 8.April 2026
Schon lange sind in Frankreich die öffentlich-rechtlichen Medien der
extremen Rechten ein Dorn im Auge. Ihre Vertreter*innen kommen dort in
der innenpolitischen Berichterstattung, in den Diskussionen am runden Tisch
und auch in den Talkshows schlechter weg als bei den privaten Sendern, vor
allem jenen, die [1][vom ultrakonservativen Medienunternehmer Vincent
Bolloré] kontrolliert werden.
Um zu beweisen, wie berechtigt die Kritik sei, wurde auf [2][Antrag von
rechts] im vergangenen Oktober eine parlamentarische
Untersuchungskommission geschaffen. Sie sollte prüfen, ob die öffentlichen
Gelder korrekt verwendet werden.
Unter der Leitung ihres Vorsitzenden Jérémie Patrier-Leitus von der
Regierungspartei Horizons und des Sprechers Charles Alloncle von der
Rechtsnationalen Partei UDR (Union des Droites pour la République) wurden
Hearings organisiert.
Die von diesem Ausschuss zu Befragungen eingeladenen
Medienvertreter*innen waren unter Androhung von Strafen
verpflichtet, zu erscheinen und unter Eid auszusagen. Das verlieh dieser
Kommission, wie sich rasch herausstellte, den Charakter eines Tribunals.
## Spesen und Spitzengehälter
Dass sich das Parlament im Detail mit der Verwendung der öffentlichen
Mittel beschäftigt, ist nicht nur legitim, sondern notwendig.
Spesenausgaben und Spitzengehälter gaben Anlass zu Misstrauen und Neid. Der
Kommissionssprecher Alloncle trat darum in der Rolle eines Chefanklägers
an, für den die Schuld der Angeklagten im Voraus feststand. In mehreren
Zeitschriften der extremen Rechten wurde Alloncle deswegen auf den
Titelseiten gefeiert.
Seine voreingenommene Art, die vorgeladenen Direktionsmitglieder und
Medienstars der öffentlichen Sender in die Mangel zu nehmen, wurde aber
selbst dem Kommissionsvorsitzenden peinlich. Hoffte er denn wirklich, dass
die von ihm derart Befragten gestehen würden, dass sie das Geld der
Steuerzahler zum Fenster hinausgeworfen oder sich selber und befreundete
Produktionsgesellschaften dabei auch noch bereichert hätten? Sein
aggressives Vorgehen wirkte kontraproduktiv. Da sich Alloncle mit seiner
Aggressivität wie ein Inquisitor aufspielte, wurde er unglaubwürdig.
In 70 Hearings wurden mehr als 200 Personen aus dem Medienbereich
vorgeladen. Oft stieg im Verlauf der zu Verhören durch Alloncle ausartenden
Befragungen nicht nur der Pegel der Lautstärke. Der Abgeordnete und
Kommissionssprecher glaubte, mit seinen Angriffen seine prominenten
Gegenüber in den live übertragenen Hearings bloßstellen zu können. Mehrfach
aber erwiesen sich seine Informationen als ungenau oder als Fake-News.
## „Jérémie, was tust du da?“
Als ihn der Vorsitzende Patrier-Leitus korrigierte und ihm zum Beispiel
erklärte, dass die Produktionsgesellschaft Mediawan der Unternehmer Xavier
Niel und Matthieu Pigasse keineswegs einer ausländischen Gruppe gehöre, wie
er behaupte, suggerierte der in Wut geratene Alloncle, Patrier-Leitus sei
wohl selber an Mediawan finanziell beteiligt, was dieser empört in Abrede
stellte, um dann das Mikrofon des außer Kontrolle geratenen Sprechers stumm
zu stellen.
Die Fernsehzuschauer, die diese groteske Szene Anfang Februar mitbekamen,
hörten nur noch, wie Alloncle sagte: „Nein aber wirklich, Jérémie, was tust
du da?“ Der Satz ist inzwischen in Frankreich zu einem Kalauer geworden.
Zwischen dem Vorsitzenden und dem Sprecher der Kommission ging danach gar
nichts mehr. Alloncle beschwerte sich, er sei ein Opfer der Zensur.
Patrier-Leitus dagegen hielt ihm in einem Rundfunkinterview vor, er sei
politisch zu voreingenommen und interessiert: „Will er politische Ziele mit
diesem Untersuchungsausschuss verfolgen? Macht er das alles, damit 2027
Jordan Bardella (Parteichef des rechtsextremen Rassemblement National, Anm.
RB) Präsident der Republik wird?“
Und meint auch bei Alloncle Karrierepläne ausmachen zu können: „Hat er vor,
unter (dem eventuell zum Staatschef gewählten) Jordan Bardella
Kulturminister zu werden?“ Bardella und Marine Le Pen möchten die
öffentlichen Sender privatisieren.
Was als politisch trockene, aber vom Parlamentssender direkt ausgestrahlte
Kommissionsarbeit begann, endete mit einer tragikomischen
Auseinandersetzung und einem absehbaren Fiasko. Dass nämlich am Ende des
Monats, wie eigentlich geplant, ein Schlussbericht im Namen der gesamten
Kommission veröffentlicht wird, ist sehr fraglich. Eines aber ist klar
geworden: Wenn in Frankreich im nächsten Frühling [3][die extreme Rechte
bei den Präsidentschaftswahlen an die Macht kommt], geht es den
öffentlich-rechtlichen Sendern an den Kragen. Was dramatisch wäre für die
bereits bedrohte Meinungsvielfalt.
Die öffentlich-rechtlichen Medien sind ohnehin bereits in der Defensive.
Derzeit wehren sich die in separaten Unternehmen organisierten Fernseh- und
Rundfunksender gegen eine Reform, die vorschlägt, France Télévision und
Radio France in eine einzige Holding zusammenzulegen. Hinter dem Anliegen,
die Sender einer ändernden Medienlandschaft anzupassen, scheint die Absicht
durch, die Kosten zu senken. Und die private Konkurrenz neidet den
„Öffentlichen“ die Werbeeinnahmen.
10 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Rudolf Balmer
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