# taz.de -- Abstimmung in Argentinien: Schwarzer Tag für den Gletscherschutz
> Bisher waren Bergbau und Ölförderung verboten, 16.000 Gletscher
> geschützt. Jetzt soll die Ausbeutung von Rohstoffen Priorität haben – die
> Branche boomt.
(IMG) Bild: Der Perito-Moreno-Gletscher in Patagonien
Bagger frei für den Bergbau, weniger Schutz für die Gletscher. In
Argentinien stimmte das Abgeordnetenhaus in der Nacht auf Donnerstag für
eine Reform des Gletscherschutzgesetzes. 137 Abgeordnete stimmten dafür,
111 votierten dagegen bei 3 Enthaltungen. Der Senat [1][hatte bereits
zugestimmt]. Vor dem Kongressgebäude hatten seit Mittwochmorgen zahlreiche
Personen gegen die Reform protestiert. Immer wieder war es dabei zu
Auseinandersetzungen mit den Polizeikräften gekommen.
Bisher waren jeglicher Bergbau und jede Ölförderung [2][auf und um
sichtbare Gletscher sowie unterirdische Eisformationen verboten]. Damit
waren über 16.000 Gletscher und periglaziale Formationen – Landschaften mit
Dauerfrostboden – geschützt, die 39 Wassereinzugsgebiete entlang einer
Strecke von 5.000 Kilometern in den Anden speisen und die Wasserversorgung
von Millionen von Menschen sichern. Durch die Reform wird den Provinzen die
Kompetenz übertragen, die Eiszonen festzulegen, in denen Bergbauaktivitäten
zulässig sind.
[3][Der Bergbau in Argentinien boomt.] Die internationalen
Bergbauunternehmen haben es auf die Lithiumvorkommen in den Salzseen im
Norden des Landes abgesehen. Und auf die Kupfervorkommen in den Anden, in
denen zahlreiche geschützte periglaziale Formationen vorkommen, die ein
Hindernis bei der Ausbeutung der Bodenschätze sind. Allein die geplanten
Projekte zum Kupferabbau in der Provinz San Juan werden auf ein
Investitionsvolumen von 2,7 Milliarden Dollar geschätzt. Von den
Abgeordneten aus den Bergbauprovinzen kamen bei der Abstimmung die
entscheidenden Stimmen.
„Diese Gesetzesreform haben die Bergbauunternehmen verfasst“, kritisierte
der gemäßigte Abgeordnete Maximiliano Ferraro das Vorhaben während der
Debatte. „Der Bergbau ist in Argentinien wichtig und mit
Umweltschutzmaßnahmen vereinbar, aber nicht um jeden Preis“, fügte er
hinzu. Die linke Abgeordnete Myriam Bregman erklärte: „Wir stehen vor einer
neuen kolonialen Offensive, einem Rückfall zum Rohstofflieferanten, einem
wahren Plünderungsprojekt.“ Die Abgeordneten der Regierung und ihrer
Verbündeten hatten auf ihre Reden verzichtet, um den Sitzungsverlauf zu
beschleunigen, hieß es.
## Argentiniens Regierung trickste bei öffentlicher Anhörung
Wenige Tage vor der Abstimmung hatte im Kongress eine öffentliche Anhörung
stattgefunden. Dafür hatten sich knapp über 100.000 Personen angemeldet,
die alle hätten gehört werden müssen. Mit Verfahrenstricks beschränkte die
Regierung die Zahl der Anzuhörenden auf 200, die an zwei Tagen ihre
Aussagen und Einwände vortragen konnten. Gegen die restriktive Auswahl
wurde bereits Klage eingereicht. Ebenso gegen den zuständigen
Staatssekretär für Bergbau, der vor seinem Eintritt in die Regierung als
Rechtsanwalt Bergbauunternehmen vertreten hatte.
„Dieser Gesetzentwurf zielt auf Rechtssicherheit für Investoren ab. Doch es
wird Hunderte von Klagen geben, die Prozesse werden sich über lange Zeit
hinziehen, und für jeden Gletscher, der angetastet werden soll, werden
Tausende von Beschwerden eingereicht“, [4][brachte Andrés Napoli], Direktor
der Stiftung für Umwelt und natürliche Ressourcen FARN, den Tenor der
Anhörung auf den Punkt.
Das Gletscherschutzgesetz war nicht nur eines der wenigen
Umweltschutzgesetze in Argentinien, die diese Bezeichnung verdienen. Es war
mit der breiten Unterstützung zahlreicher ziviler und Umweltschutzgruppen
im Jahr 2008 im Kongress eingebracht und von beiden Kammern ratifiziert
worden. Allerdings verhinderte die damalige Präsidentin Cristina Kirchner
mit ihrem Veto das Inkrafttreten. 2010 wurde das Gesetz dem Kongress erneut
vorgelegt, der abermals zustimmte. Präsidentin Kirchner ließ die Frist für
ein erneutes Veto verstreichen, sodass das Gesetz in Kraft trat.
Im Jahr 2019 bestätigte der Oberste Gerichtshof nicht nur die
Verfassungsmäßigkeit des Gesetzes, sondern bekräftigte, dass Gletscher und
die Periglazialzonen öffentliche Güter sind. Und: dass in
Konfliktsituationen kollektive Rechte wie der Zugang zu Wasser Vorrang vor
individuellen Interessen haben. Ein Urteil, auf das sich die angekündigten
Klagen stützen werden.
9 Apr 2026
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## AUTOREN
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