# taz.de -- Argentinien 50 Jahre nach dem Putsch: „Gegen die Industrie in Argentinien“
       
       > Ökonom Letcher erklärt, wie die Militärdiktatur Industrie und Arbeiter
       > systematisch schwächte. Er sieht Parallelen zur Politik von Präsident
       > Milei.
       
 (IMG) Bild: José Alfredo Martínez de Hoz, Wirtschaftsminister in Argentinien während der Militärdiktatur, bei einer Pressekonferenz 1980
       
       taz: Herr Letcher, am 24. März jährt sich der Militärputsch in
       [1][Argentinien] zum 50. Mal. Es folgten eine brutale Diktatur sowie die
       Umsetzung einer neoliberalen Wirtschaftspolitik. Was war das Neue an dieser
       Politik? 
       
       Hernán Letcher: Die Militärs, die sich an die Macht geputscht hatten, sahen
       die organisierte Arbeiterklasse als das zentrale Problem. Daraus leiteten
       sie ein Projekt ab, dessen Ziel es war, die Macht der Arbeiter zu brechen
       und sie dauerhaft in eine untergeordnete Position zu drängen. Zugleich
       identifizierten sie die industrielle Arbeiterschaft als Machtbasis und
       verfolgten deshalb eine klar industriefeindliche Politik. Das unterschied
       sie von früheren Militärregierungen, die die Industrie nicht zerstören
       wollten. Die Diktatur ab 1976 setzte genau dort an.
       
       taz: Welche Rolle spielte dabei Wirtschaftsminister José Martínez de Hoz? 
       
       Letcher: Martínez de Hoz war ein Zivilist und eng mit den wirtschaftlichen
       Eliten verbunden. Der wirtschaftspolitische Kurs kam daher aus dem zivilen
       Teil des Regimes, nicht aus dem militärischen. Das ist einer der Gründe,
       warum es sich um einen zivil-militärischen Putsch handelt. Profitiert haben
       auch die Unternehmer, die in vielen Fällen am Verschwindenlassen von
       Menschen beteiligt oder dafür verantwortlich sind.
       
       taz: Zu welchen Maßnahmen griff Martínez de Hoz? 
       
       Letcher: Zu den wichtigsten Maßnahmen gehörten die Freigabe der Preise, der
       Abbau von Importbeschränkungen und das Einfrieren der Löhne für 90 Tage.
       Dadurch geriet die nationale Industrie massiv unter Druck, während die
       Arbeiterschaft erhebliche Reallohnverluste hinnehmen musste. Der Lohnstopp
       führte zu einem Kaufkraftverlust von rund 30 Prozent sowie zu einem
       Rückgang des Lohnanteils am Gesamteinkommen um etwa 20 Prozent.
       
       taz: Sehen Sie Parallelen zur [2][heutigen Wirtschaftspolitik] des
       libertären Präsidenten Javier Mileis? 
       
       Letcher: In der wirtschaftspolitischen Diagnose gibt es durchaus
       Ähnlichkeiten. Beide verfolgen das Ziel einer Stabilisierung im Dienste
       eines Modells, das nicht auf breite Teilhabe ausgerichtet ist. Milei
       kritisiert die Industrie als ineffizient und setzt auf Weltmarktöffnung und
       damit ebenfalls auf den Abbau von Importbeschränkungen. Auch die
       gegenwärtigen hohen Zinsen und Gewinne des Finanzsektors erinnern an die
       Politik der Diktatur. Zudem kommt es zu Kaufkraftverlusten, wenn auch
       indirekter als während der Diktatur. Etwa durch Reformen des
       Arbeitsmarktes, die Teile des Einkommens der Beschäftigten zugunsten von
       Unternehmen umverteilen. Die Mechanismen unterscheiden sich, die Richtung
       ist ähnlich.
       
       taz: Sie sagten, das Ziel der Diktatur sei es gewesen, die
       Industriearbeiterschaft zu beseitigen. Mileis Politik läuft ebenfalls auf
       eine [3][Reduzierung der Industriearbeiter] hinaus. Ist das Absicht? 
       
       Letcher: Aus unterschiedlichen Gründen sind beide gegen die Industrie.
       Milei geht davon aus, dass Argentinien keine eigene Industrie benötigt. Er
       vertritt andere Interessen und setzt auf die CEOs globaler Tech-Konzerne.
       Daher stammt etwa die Idee, große Rechenzentren in Patagonien aufzubauen.
       Diese Tech-Milliardäre sind zugleich im Rohstoffsektor aktiv, da sie
       Kupfer, Lithium und Seltene Erden brauchen. Dieser Sektor ist weltweit
       besonders dynamisch, und Milei möchte ihn repräsentieren. Allerdings gibt
       es keine argentinischen Tech-Milliardäre dieser Größenordnung. Deshalb
       streitet er sich mit traditionellen Wirtschaftseliten, also jenen, die
       Martínez de Hoz an die Macht gebracht haben.
       
       taz: Gibt es weitere Unterschiede? 
       
       Letcher: Klare Unterschiede bestehen im politischen Rahmen. Milei handelt
       innerhalb eines demokratischen Systems und muss Zustimmung zu seiner
       Wirtschaftspolitik erzeugen, während die Diktatur ihre Maßnahmen mit
       schierer Gewalt durchsetzte. Bislang ist Mileis Kommunikationsstrategie
       sehr erfolgreich. Es ist ihm gelungen, große Teile der Bevölkerung davon zu
       überzeugen, dass sein Kurs funktionieren könnte.
       
       taz: Während der Diktatur lag die jährliche Inflationsrate im dreistelligen
       Bereich. Milei hat sie in seinem zweiten Amtsjahr auf eine zweistellige
       Rate gesenkt. Zweifellos ein Erfolg. 
       
       Letcher: Vieles von dem, was wir heute sehen, ist in Argentinien nicht neu.
       Es erinnert sowohl an die Diktatur als auch an die 1990er Jahre. Milei war
       bislang erfolgreich bei der Inflationsbekämpfung, was jedoch auch mit
       veränderten globalen Rahmenbedingungen zusammenhängt. Martínez de Hoz
       scheiterte unter anderem an externen Faktoren wie einem internationalen
       Zinsschock.
       
       taz: Welche Rolle spielt der Staat in beiden Modellen? 
       
       Letcher: Bei beiden ist der Staat zentral. Allerdings nicht im Sinne einer
       sozialen Absicherung, sondern als Garant für die Kapitalinteressen. Während
       der Diktatur geschah dies direkt, etwa durch die Übernahme privater
       Unternehmensschulden durch den Staat. Heute erfolgt dies indirekter, etwa
       durch politische Maßnahmen, die großen Unternehmen hohe Gewinne
       ermöglichen.
       
       24 Mar 2026
       
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