# taz.de -- Geld für Unterbringung von Flüchtlingen: Flucht nach vorn
       
       > Berlins Bezirke erhalten seit diesem Jahr für jeden untergebrachten
       > Geflüchteten Geld. Die bundesweit einmalige Pauschale soll auch für mehr
       > Akzeptanz sorgen.
       
 (IMG) Bild: Unterkunft auf dem Tempelhofer Feld: Geflüchtete brauchen eine funktionierende Stadt
       
       Keine Frage: Die Aufnahme und Integration von Geflüchteten kostet Kommunen
       Geld. Wie wir alle brauchen die Schutzsuchenden Wohnraum, Arbeit, Schul-
       und Kitaplätze, Ärzte – eben eine funktionierende Stadt. Dazu kommen
       fluchtspezifische Bedürfnisse wie Sprachkurse, Beratungs- und
       Betreuungsangebote. Gemeinden, die viele Flüchtlinge aufnehmen, haben
       entsprechend mehr Arbeit und Kosten.
       
       Als Ausgleich und um die Akzeptanz von Geflüchtetenwohnheimen in der
       Nachbarschaft zu erhöhen, hat Berlins schwarz-roter Senat zu Jahresbeginn
       die Gemeinschaftspauschale eingeführt, im Bürokratendeutsch
       „Verstärkungsmittel Flucht“ oder „Mehrbedarfe Flucht“ genannt. Mit ihr
       bekommen die Bezirke für jeden Platz, den sie für die Unterbringung von
       Geflüchteten zur Verfügung stellen, einen festen Betrag – und zwar zur
       weitgehend freien Verfügung. Die Bezirke wüssten am besten, „was nötig und
       wirksam für die Menschen vor Ort ist“, erklärte Sozialsenatorin Cansel
       Kiziltepe (SPD) kürzlich [1][in einem Gastbeitrag] im Magazin Surplus.
       
       Mit der Pauschale, schreibt sie, habe Berlin nicht weniger als den
       „Systemwechsel“ geschafft: weg von einer Abwehrhaltung, die Migranten nur
       als Kostenfaktor sieht, die Einheimischen etwas wegnehmen – hin zu einer
       „Win-win-Situation“, in der das eingesetzte Geld allen zugutekommt.
       
       Tatsächlich ist die neue Pauschale bundesweit einmalig: 165 Euro pro Platz
       in einem Flüchtlingsheim bekommt jeder Bezirk in diesem Jahr, etwas weniger
       (155 Euro) soll es im nächsten Jahr sein. So profitieren erstmals jene
       Kommunen am meisten, die die meisten Flüchtlinge unterbringen: Pankow kann
       in diesem Jahr knapp 980.000 Euro zusätzlich ausgeben, Lichtenberg 830.000
       Euro – und Mitte, das mit 1.552 Plätzen die wenigsten Flüchtlinge
       unterbringt, immerhin noch 245.000 Euro. Dies ergibt sich aus einer Abfrage
       der taz bei den Bezirksämtern.
       
       Die meisten Projekte, die die Bezirke starten oder ausbauen wollen, sind
       Beratungs- und Unterstützungsangebote für Geflüchtete. Einige fördern auch
       Begegnungstreffs und andere Austauschmöglichkeiten mit der Nachbarschaft.
       Und nicht wenige Bezirke nutzen das Geld, um ihre Regelstrukturen zu
       verbessern, etwa beim Jugend- oder Sozialamt, indem sie dort neue, wenn
       auch nur befristete Stellen schaffen.
       
       Charlottenburg-Wilmersdorf etwa steckt seine Gelder unter anderem in die
       psychosoziale Betreuung von ukrainischen Geflüchteten sowie eine
       mehrsprachige aufsuchende Beratung in Wohnungslosenheimen. Zudem will man
       befristet neue Mitarbeiter einstellen. Lichtenberg finanziert mit der
       Pauschale 12 Projekte in Unterkünften – Beratung, Kinder- und Jugendarbeit
       sowie Sozialarbeit – und stellt ebenfalls befristet zusätzliche Mitarbeiter
       ein: in der Volkshochschule, im Bereich Altenhilfe und einen
       „Integrationsmanager“.
       
       ## Das Geld reicht trotzdem nicht
       
       Neukölln wiederum setzt einen Schwerpunkt auf Hilfen für Kinder und
       Jugendliche, und dabei nicht ausschließlich Geflüchtete. Mit der Pauschale
       fördert der Bezirk etwa ein Projekt für Freizeitgestaltung und
       Hausaufgabenhilfe, saniert einen Spielplatz, verbessert Angebote im
       Jugendclub Manege und erweitert Kunstprojekte für Kinder und Jugendliche.
       
       Friedrichshain-Kreuzberg, wo Ende des Jahres [2][die Großunterkunft
       Hasenheide] nahe dem Hermannplatz eröffnen soll, will die
       Gemeinschaftspauschale vor allem dort und in den umliegenden Sozialräumen
       ausgeben. Vorgesehen sind Projekte zur Familienförderung, zur
       psychosozialen Beratung, Gesundheitsversorgung sowie gemeinschaftliche
       Angebote für die Nachbarschaft.
       
       Allerdings gehe der Bedarf „deutlich“ über die zur Verfügung gestellten
       Summen hinaus, sagt [3][Bezirksbürgermeisterin Clara Herrmann] (Grüne) der
       taz. Allein für den Standort Hasenheide habe man im Bezirksamt Kosten in
       Höhe von 2,1 Millionen Euro für den Aufbau der nötigen sozialen
       Infrastruktur ermittelt. „Wir brauchen verbindliche Finanzzusagen durch das
       Land, um sowohl die Angebote in der Unterkunft als auch die soziale
       Infrastruktur vor Ort für alle Bewohner*innen der Nachbarschaft
       ausbauen zu können“, fordert Herrmann.
       
       Auch andere Bezirke kritisieren bei aller Freude über das zusätzliche Geld,
       dass die Hilfe den tatsächlichen Bedarf nicht einmal annähernd abdecke.
       „Insbesondere vor dem Hintergrund aktueller Einsparungen, etwa im
       [4][Bereich von Sprach- und Integrationskursen], wird deutlich, dass die
       Pauschale zwar eine punktuell hilfreiche Entlastung darstellt, jedoch nicht
       ausreicht, um den vielfältigen und weiterhin wachsenden Herausforderungen
       in vollem Umfang gerecht zu werden“, sagt Martin Peters, Leiter der
       Stabsstelle Integration in Spandau. Auch die Pankower
       Bezirksbürgermeisterin Cordelia Koch (Grüne) weist darauf hin, „dass ein
       Teil der Mittel derzeit dafür eingesetzt werden muss, Kürzungen aus anderen
       Landestöpfen und bestehende Finanzierungslücken abzufedern“.
       
       Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die neue Hilfe nicht nachhaltig sei.
       „Sobald die Mehrbedarfe Flucht im nächsten Doppelhaushalt nicht mehr
       berücksichtigt werden, bricht alles wieder zusammen, was zwischenzeitlich
       aufgebaut worden ist“, moniert Lichtenbergs Bezirksbürgermeister Martin
       Schaefer (CDU). Deswegen könnten auch nur befristete Stellen geschaffen
       werden. Dies ist für die Bezirke immer problematisch: einerseits, weil die
       Arbeit nach dem Ende einer solchen Stelle weiter anfällt, andererseits,
       weil die Besetzung befristeter Posten oft sehr zeitaufwendig ist.
       
       Dass die Pauschale im kommenden Jahr gleich wieder sinkt, versteht
       ebenfalls niemand. Ohnehin sei der Betrag willkürlich festgelegt, heißt es
       aus Pankow. „Eine dauerhaft tragfähige Finanzierung sollte deshalb
       transparent begründet und verlässlich ausgestaltet sein“, sagt Cordelia
       Koch.
       
       ## Wer hat’s erfunden?
       
       Sozialsenatorin Kiziltepe räumt ein, dass die Förderung verbesserungsfähig
       ist. Die 165 Euro pro Platz seien ein guter Anfang, schreibt sie im
       erwähnten Beitrag. „Gleichwohl ist die ausgezahlte Summe zu niedrig und
       muss perspektivisch erhöht werden, auch bei knappen Kassen.“ Dass der
       Betrag im kommenden Jahr niedriger ausfällt, erklärt ihr Sprecher damit,
       dass man im „fachlichen Austausch“ festgestellt habe, „dass insbesondere im
       ersten Umsetzungsjahr ein höherer Verwaltungsaufwand in den Bezirken
       entsteht“.
       
       Bei aller Kritik findet die Idee tatsächlich so viel Anklang, dass gleich
       mehrere Politiker sie für sich reklamieren. Laut Kiziltepe hat die
       gemeinnützige Gesellschaft Berlin Governance Platform „die Idee
       vorangetrieben und weiterentwickelt, und die Stadt Berlin hat sie
       aufgegriffen und hartnäckig daran gearbeitet, sie praktisch umzusetzen“.
       
       Aber auch Pankows Bezirksbürgermeisterin Koch will sich seit 2023
       öffentlich für den „Grundgedanken“ starkgemacht haben, die Finanzierung von
       Integration an die realen Unterbringungszahlen zu koppeln. Noch deutlicher
       ist man in Neukölln. Ein Sprecher bezeichnet den dortigen
       Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) gar als „Initiator dieser Idee“.
       Allerdings habe Hikel eine Pauschale von 1.000 Euro pro Flüchtling
       gefordert.
       
       15 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.surplusmagazin.de/berlin-gemeinschaftspauschale-canselkiziltepe-gesineschwan-integration-gefluchtetenunterkunfte-finanzierung/
 (DIR) [2] /Neue-Fluechtlingsunterkunft-in-Kreuzberg/!6094652
 (DIR) [3] /Wahlkampf-in-Friedrichshain-Kreuzberg/!6163435
 (DIR) [4] /Kuerzung-von-Integrationskursen/!6162037
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Memarnia
       
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