# taz.de -- Roman über postapokalyptisches Berlin: Neustart auf Nektar II
       
       > In dem Zukunftsroman „Der Gräber“ ist die Welt weitgehend zerstört. Durch
       > das postapokalyptische Berlin geistern alte Bekannte aus Otrembas
       > Erzählungen.
       
 (IMG) Bild: Aus den Trümmer das Neue
       
       Hendrik Otremba ist so etwas wie ein (pop)kultureller Tausendsassa. Der
       Sänger [1][der Münsteraner Post-Punk-Band Messer] arbeitet auch als
       bildender Künstler und unterrichtet kreatives Schreiben am Zentrum für
       literarische Gegenwart der Universität Zürich. Neben poetischen Songtexten
       und Essays über Popmusik – unlängst erschien ein schmaler Band über die
       Krautrockheroen Can – ist Otremba seit einem Jahrzehnt zudem als Romanautor
       hervorgetreten.
       
       Die verschiedenen Felder befruchten sich bei ihm in mannigfaltiger Weise.
       So etwa, indem Figuren aus dem Roman „Kachelbads Erbe“ in den Songtexten
       von Messer auftauchen, deren Cover wiederum Bilder Otrembas zieren, während
       zugleich Gemälde entstehen, deren Themen mit Motiven der Prosa
       zusammenhängen. Otrembas Gesamtwerk ist mithin ein multimedialer
       Zusammenhang, über den er Auskunft gibt in seinen Poetikvorlesungen an der
       Universität Münster, die letztes Jahr unter dem Titel „Das dronische
       Erzählen“ erschienen.
       
       Sein neues Werk trägt einen evokativen Titel: „Der Gräber“. Das Buch fügt
       sich ein in den literarischen Kosmos Otrembas, da alte Bekannte aus
       früheren Erzähltexten sowie aus Songtexten von Messer ihren Auftritt machen
       in seinem nunmehr vierten Roman. Zugleich vollzieht Otremba eine kühne
       Wende, denn die Handlung des Romans ist angesiedelt am Ende des 22.
       Jahrhunderts, in einer weitgehend zerstörten Welt, die dennoch unsere
       desaströse Gegenwart überdeutlich durchscheinen lässt.
       
       ## Archäologe der Zivilisation
       
       Durch die desolaten Landschaften, die von einem Dritten Weltkrieg und
       ökologischen Katastrophen zerstört sind, zieht einsam der titelgebende
       Protagonist – der Gräber also, Oswalth Kerzenrauch mit Namen. Seinen
       Beinamen hat er erhalten, da Kerzenrauch als eine Art Archäologe unserer
       Zivilisation repräsentative Dinge aus den Trümmerstätten der Gegenwart
       birgt. Diese gehen ein in das Museum der ausgelöschten Vergangenheit, das
       seine Freundin Elisabeth kuratiert.
       
       Die Menschheit hat nämlich die verwüstete Erde weitgehend verlassen, um
       sich auf dem Planeten Nektar II anzusiedeln, wo man nochmals von vorne
       beginnt. Ein Neustart, der ohne die Fehler auskommen soll, die unseren
       Planeten ins Verderben stürzten. Das Zivilisationsmuseum soll auf der neuen
       planetaren Ansiedlung als Erinnerung wie Mahnung an die ursprüngliche
       Heimat der Menschheit dienen.
       
       Kerzenrauch nun stammt aus unserer Gegenwart und ist unsterblich. Was wir
       als Leser und Leserinnen einfach akzeptieren müssen als dramaturgische
       Setzung Otrembas. Sein Protagonist kann durch diesen Trick jedoch zum
       Erzählvehikel werden, das die desolate Welt des späten 22. Jahrhunderts mit
       unserer Zeit verknüpft.
       
       ## Vermaledeite Gegenwart und zerbrochene Zukunft
       
       Otremba erzählt von einer zerbrochenen Zukunft mithin auf zwei gebrochenen
       Zeitebenen: Das Hier und Jetzt des Gräbers zwischen den längst von Flechten
       überwucherten Ruinen von Berlin changiert beständig mit einer noch heilen
       Vergangenheit, die natürlich unsere vermaledeite Gegenwart ist.
       
       Doch das ist nicht die einzige erzählerische Finesse des Romans. Dieser
       lässt sich auf mehreren Ebenen lesen: zunächst als eine Art
       retro-futuristische Psychogeografie von Berlin, die, ganz im Sinne der
       dystopischen Hollywood-Fantasien über von der Natur wiedereroberte
       Großstädte, vom Leben und Überleben in den zerstörten Vierteln wie
       Kreuzberg, Neukölln oder Mitte erzählt.
       
       Des Weiteren ist „Der Gräber“ ein in mancherlei Hinsicht berührender
       Vater-Tochter-Roman, muss doch der unsterbliche Kerzenrauch nicht nur das
       Heranwachsen, sondern auch das Altern und Sterben seiner geliebten Tochter
       Luzie beobachten, was Otremba Gelegenheit bietet, einiges Tiefgreifende
       über Eltern-Kind-Beziehungen zu sagen.
       
       ## Ist es das unausrottbar Böse in uns?
       
       In erster Linie aber ist „Der Gräber“ eine Kontemplation des Destruktiven
       im Menschen. 1834 fragt Georg Büchner in seinen sogenannten
       Fatalismus-Brief: „Was ist es, das in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?“
       Otrembas Buch geht demselben Rätsel nach, nämlich der Frage, ob die
       menschliche Destruktivität allein äußeren, sozialen oder sonstigen Faktoren
       geschuldet ist oder ob nicht vielmehr ein unausrottbar Böses in uns waltet.
       
       Diese drei Sinnebenen verschachtelt der in Vorausschauen und Rückblicken
       komponierte Roman in wechselnden sprachlichen Stilregistern auf
       beeindruckende Weise. Ablesbar ist das beispielsweise an der virtuosen
       Handwerkskunst, mit der das Wort- wie das Motivfeld des Grabens in den Text
       eingearbeitet wurde.
       
       Die Schilderung von Sexszenen wiederum, von denen es im „Gräber“ mehr gibt
       als in früheren Büchern, gehört nicht unbedingt zu den schriftstellerischen
       Stärken Otrembas, dafür aber glänzt er etwa bei den Schilderungen von
       Folterszenen oder in den Beschreibungen der postapokalyptischen
       Stadtlandschaften. So etwa in seiner nachhallenden Schilderung des infolge
       der Kriegshandlungen umgefallenen Berliner Fernsehturms.
       
       Dass der Autor das alles einkleidet in eine spannende, von überraschenden
       Wendungen geprägte Handlung, macht „Der Gräber“ zu einem erneut
       lesenswerten Baustein im multimedialen Gesamtkunstwerk des Hendrik Otremba.
       
       16 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kratermusik-Album-der-Band-Messer/!6001149
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uwe Schütte
       
       ## TAGS
       
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Gegenwartsliteratur
 (DIR) Zukunftsvision
 (DIR) Dystopie
 (DIR) Postapokalypse
 (DIR) Popmusik
 (DIR) Musikerinnen
 (DIR) Umweltzerstörung
 (DIR) Can
 (DIR) Neues Album
 (DIR) Postpunk
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Buchessay über Krautrockband Can: Im Mosaik der Echokammern
       
       Hendrik Otremba hat ein kluges Buchessay über die Kölner Krautrockband Can
       geschrieben. Er macht ihr komplexes Werk für jüngere Menschen verständlich.
       
 (DIR) Aus Solidarität mit den Bäumen: Wenn der Wald ruft, antwortet Musik
       
       Einem Wäldchen in Berlin-Neukölln droht die Abholzung. Martin Hossbach hat
       zur Gegenwehr „Emmi Aid“ initiiert, ein Album mit 57 Songs für den Wald.
       
 (DIR) „Kratermusik“ Album der Band Messer: Beim Kraterfunk lebendig gegessen
       
       Surreale Songtexte mit Humor: Die Band Messer zeigt sich janusköpfig. Auf
       dem neuen Album „Kratermusik“ hält sie alles in der Schwebe.