# taz.de -- ©Tom geht in Aktivrente: „Jeder kann zeichnen“
       
       > Der Wahrheit-Cartoonist Tom Körner geht in Aktivrente. Mit der
       > taz-Chefinnenredaktion spricht er über sein Bestiarium an Figuren und
       > seinen Humor.
       
 (IMG) Bild: Erst ein bisschen Quatsch machen: der selbst erklärte Prokrastinierer in seinem Arbeitszimmer
       
       taz: Lieber ©Tom, wie bleibt man lustig, wenn die Welt explodiert? 
       
       ©Tom: Indem man politische Themen meidet. Ich könnte beim Blick auf die
       Nachrichten jeden Tag schreiend aus der Wohnung laufen. Wenn ich noch
       politische Karikaturen zeichnen müsste, wäre das hart. Ich kann keine Witze
       über einen Krieg machen, ich will die Leute einfach zum Lachen bringen. In
       meinen Strips greife ich deshalb eher gesellschaftliche Themen auf, die ich
       beobachte.
       
       taz: Wie das pöbelnde Kind im Fahrradsitz? 
       
       ©Tom: Zum Beispiel. In meinem Wohnumfeld tauchten plötzlich diese
       Fahrradsitze auf. Auf dem Weg ins Büro sah ich oft so einen Knirps, mit
       einem Helm wie ein Eimer auf dem Kopf, der beim Bremsen gegen Mutter oder
       Vater stieß. Oder Kinder, die den Rucksack der Eltern direkt vor der Nase
       hatten. Die armen Kinder in diesen Plastikdingern!
       
       taz: Ah, sie pöbeln, weil sie Opfer sind? 
       
       ©Tom: Ja, die haben mir leidgetan und dann habe ich mich gefragt, was in
       ihnen vorgeht. Wenn man wie bei den Peanuts Kinder wie Erwachsene denken
       und sprechen lässt, wird es sehr lustig, weil man dadurch die Erwachsenen
       spiegelt. So kann man auch dem kleinen Jungen im Fahrradsitz eine gewisse
       Aggressivität geben, die er als herumgeschuckeltes Opfer durchaus haben
       kann. Und wenn er einmal schimpft, dann schimpft er auch weiter – das kann
       ich dann nicht mehr zurückdrehen.
       
       taz: Wie kamst du überhaupt zum Comiczeichnen? 
       
       ©Tom: 1989 hatte ich gerade mein Studium abgebrochen, war 29 und hatte
       einen schlimmen Akquisejob. Ein Freund gab mir den Tipp: Werd doch
       Cartoonist. Ich hatte immer schon ein bisschen gezeichnet, alle meine
       Schulhefte vollgemalt. Das Berliner Stadtmagazin Zitty hat damals viel
       veröffentlicht, klassische Ein-Bild-Cartoons. Nachdem ich die Nasen meiner
       Protagonisten kleiner und runder gemacht hatte, haben sie meine Cartoons
       auch gedruckt. Und als ich dann in einem Comicladen anfing zu jobben,
       tauchte bei einer Ausstellungseröffnung [1][Lilian Mousli] auf.
       
       taz: Deine Vorgängerin auf dem Comicstrip-Platz. 
       
       ©Tom: Sie wurde losgeschickt, um in der Szene herumzufragen, wer Lust
       hätte, etwas zu machen. Ich bin dann sofort nach Hause, habe geschaut, wie
       groß das Format ist und was ich damit anfangen kann. Auf die Idee, nach
       einem anderen Format zu fragen, bin ich gar nicht gekommen. Also habe ich
       ein paar Ein-Bild-Cartoons von mir auf drei Bilder gestreckt, sauber
       ausgearbeitet und nachts noch in den Briefkasten der taz gesteckt. So fing
       das an.
       
       taz: Neben dem touché hast du bis 2008 für die taz auch politische
       Karikaturen gemacht. Anfang 1990 hattest du der taz eher zufällig eine
       geschickt – und am nächsten Tag war sie auf der Seite drei. 
       
       ©Tom: Das war volle Absicht! Kurz nach der Wende kam heraus, dass ein
       CDU-Politiker der DDR, Wolfgang Schnur, sein Ehrenwort gegeben hatte,
       nichts mit der Stasi zu tun zu haben – und hatte er dann eben doch. Das
       erinnerte mich sofort an Uwe Barschel.
       
       taz: [2][Der hatte 1987 fälschlich beteuert, nicht hinter der
       Schmutzkampagne gegen seinen SPD-Gegner in Schleswig-Holstein zu stecken –
       und brachte sich später um.] 
       
       ©Tom: Also malte ich den Portier des Hotels Beau Rivage in Genf, der die
       telefonische Zimmerbestellung für Wolfgang Schnur laut wiederholt: „Ein
       Einzelzimmer mit Bad bitte.“ Ein ziemlich böser Witz. Ich habe ihn der taz
       gefaxt, und am nächsten Morgen war er in der Zeitung. Dann rief mich die
       Fotoredaktion an und fragte, ob ich nicht einmal pro Woche eine
       Politkarikatur machen wolle. Ich zeichnete damals schon regelmäßig für die
       Zitty.
       
       taz: Wann hast du dich dann von den tagespolitischen Themen verabschiedet? 
       
       ©Tom: Durch die taz sind viele auf mich aufmerksam geworden. Für den
       UniSPIEGEL habe ich viele Jahre lang einen ganzseitigen Comic gemacht,
       andere haben die touchés nachgedruckt. Irgendwann musste ich priorisieren –
       und habe das abgegeben, was am anstrengendsten war. Manche Karikaturen
       musste ich so schnell machen, die sind handwerklich oft eine Katastrophe.
       
       taz: Gibt es Karikaturen von damals, für die du heute Ärger bekommen
       würdest? 
       
       ©Tom: Dieser Barschel-Witz – also ein Witz über einen Selbstmord – wäre
       heute bestimmt nicht mehr okay. Damals ging das einfach so durch. Aber
       sonst fällt mir nichts ein.
       
       taz: Du hast einen sehr unschuldigen Humor, der nie nach unten tritt,
       überhaupt nicht böse. Hast du dir das vorgenommen – oder ist das einfach
       dein Humor? 
       
       ©Tom: Das ist vermutlich einfach mein Humor. Wenn ich mal etwas Böses
       gemacht habe, dann habe ich Nazis in die Hölle geschickt. Das ist ein
       Gegner, den man treten kann. Ansonsten schaue ich mich um, sehe jede Menge
       seltsame Leute und lasse die in meinen Strips miteinander agieren. Die sind
       aber alle ein Teil von mir – ich denke sie mir ja aus. Das sind
       gewissermaßen meine Kinder, egal wie sie sind, und deshalb gehe ich
       wahrscheinlich liebevoller mit ihnen um.
       
       taz: Kannst du eine Situation schildern, in der dich jemand konkret zu
       einer Figur inspiriert hat? 
       
       ©Tom: Ralf Sotscheck.
       
       taz: Unser Irlandkorrespondent, Wahrheit-Ehrenmitglied. Okay – der liegt
       nahe. 
       
       ©Tom: Der hat über Jahre den Nichtraucher dermaßen schlecht gemimt – das
       war wirklich unfassbar. Das musste ich einfach aufgreifen. Aber sonst mache
       ich das nicht. Ich will nicht, dass mein Umfeld Angst hat, von mir
       gezeichnet zu werden.
       
       taz: Was ist die langlebigste deiner Figuren? 
       
       ©Tom: Das ist die Post-Oma – zusammen mit dem Teufel. Den Teufel mochte ich
       immer, auch wegen dieser alten, oft psychedelischen Höllendarstellungen
       voller Monsterfiguren. Ich bin katholisch aufgewachsen, und ich finde, man
       sollte die Hölle nicht den Pfaffen überlassen. Auf die Post-Oma kam ich
       durch ein preußisches Postamt bei mir um die Ecke, mit Beamten, die einen
       wie Dreck behandelt haben, und durch die Wilmersdorfer Witwen. Daraus ist
       diese etwas berlinernde, aggressive Figur entstanden. Das Setting
       funktioniert bis heute, obwohl es das alles so gar nicht mehr gibt.
       
       taz: Machst du dir Notizen, wenn du deinen Alltag beobachtest? 
       
       ©Tom: Ich versuche, möglichst viel aufzuschreiben, damit ich nicht so viel
       vergesse. Gerade habe ich Besuch, und die haben mit anderen zusammen einen
       Garten. Heute Morgen hat mein Freund laut gelacht, als er in die Chatgruppe
       für den Garten geschaut hat. Da hatte jemand geschrieben, dass der neue
       Kompost gekommen sei – er sehe „wundervoll“ aus, ganz „samtig“! So etwas
       schreibe ich mir dann auf, das passt wunderbar zu einer Gartenserie im
       Frühling.
       
       taz: Hast du Figuren auch mal aufgegeben? 
       
       ©Tom: Ja, die Frösche. Dafür werde ich bis heute beschimpft, aber
       sprechende Tiere sind mir zu disney, das ist einfach nicht mein Genre.
       
       taz: Hast du Angst vor Klischees? 
       
       ©Tom: Darüber denke ich nicht viel nach. Habe ich Klischees?
       
       taz: Eigentlich nicht – außer vielleicht die Baumumarmerin. 
       
       ©Tom: Aber es gibt sie wirklich! Ich habe einen ganzen Stapel Post mit
       Artikeln über Baumumarmerinnen. In den Alpen gibt es sogar einen eigenen
       Wanderpfad dafür. Manchmal schicken mir Fans auch Fotos von sich selbst,
       wie sie einen Baum umarmen. Seit das auch Männer machen, heißt es
       „Waldbaden“. Aber stimmt schon – vielleicht ist die Figur ein bisschen
       auserzählt. Andererseits: Wenn mir gar nichts einfällt, stelle ich die
       Baumumarmerin einfach an einen Baum und schaue, was passiert. Dann kommt
       ein Förster, ein Holzfäller – oder ein Vogel kackt runter.
       
       taz: Hast du einen festen Zeichenalltag? Morgens aufstehen, Kaffee,
       loslegen – oder bist du eher der Prokrastinierer? 
       
       ©Tom: Ich bin eindeutig Prokrastinierer. Früher hieß das
       „Last-Minute-Mann“. Bevor ich anfange zu zeichnen, trinke ich natürlich
       Kaffee, aber ich muss auch im Internet herumgucken, alles lesen, was ich
       noch lesen will, ein bisschen Quatsch machen. Dann müssen noch die Stifte
       gefüllt werden, geschaut werden, ob sie gut schreiben. Aber sobald ich
       anfange, die Rähmchen zu zeichnen, geht es los. Dann ist nichts mehr
       wichtig – auch das Telefon nicht.
       
       taz: Hat die Wahrheit schon mit dir geschimpft, weil es so lange gedauert
       hat? 
       
       ©Tom: Millionenfach.
       
       taz: Hat sich die Wahrheit aus deiner Sicht in den letzten 30 Jahren
       verändert? 
       
       ©Tom: Das Selbstbewusstsein der Wahrheit finde ich sehr gut. Es ist lange
       her, aber es gab Zeiten, da stand immer alles auf der Kippe – auch mein
       Job. Dass die Wahrheit jetzt so selbstverständlich in der Zeitung ist, ist
       sehr wichtig und sehr gut. Wer hat so etwas sonst noch?
       
       taz: Warum heißt dein Comicstrip „touché“? 
       
       ©Tom: Den Namen bereue ich sehr! Ich musste mich ganz schnell für einen
       Titel entscheiden, er sollte halt oben links hinpassen, und weil die ersten
       Witze immer so knappe Erwiderungen waren, kam ich auf touché. Das kommt aus
       dem Fechten. Aber es ist halt Französisch und keiner hat es kapiert und
       keiner kann es richtig aussprechen. Alle denken, ich würde so heißen. Das
       ist mir so auf den Sack gegangen. Ich hätte ihn einfach TOM nennen sollen.
       
       taz: Wie hat sich touché über die Jahre verändert? 
       
       ©Tom: Die Figuren haben sich deutlich verändert. Die Nasen sind
       geschrumpft, und die Figuren sind beweglicher geworden. Mehr Mimik, bessere
       Körpersprache, mehr Ausdruck. Das gibt mir mehr Möglichkeiten und
       unterstützt die Komik. Das ist ein normaler Lernprozess, wenn man viel
       zeichnet. Manche Fans finden aber den Stil der alten, steiferen Figuren
       cooler.
       
       taz: Was hast du dir zeichnerisch für deine Aktivrente vorgenommen? Neue
       Projekte? Den Streifen in der wochentaz noch virtuoser gestalten? 
       
       ©Tom: Ich möchte erst einmal meine Sammlung von Streifen bis zur 10.000
       vervollständigen. Neu ist, dass ich künftig nur noch mit Farbe in der taz
       arbeite. Gleichzeitig brauche ich die Strips weiterhin in Schwarz-Weiß für
       die Bücher. In Farbe kann ich zum Beispiel jemandem einen roten Kopf geben
       – das geht in Schwarz-Weiß nicht. Da muss ich aufpassen. Sonnenuntergänge
       funktionieren aber auch in Schwarz-Weiß, da kann man mit Wellenlinien
       arbeiten.
       
       taz: Wir kriegen hier noch einen Crashkurs, wie Zeichnen eigentlich geht! 
       
       ©Tom: Fangt einfach damit an! Zeichnen macht so viel Spaß. Leute sagen
       immer, sie könnten das nicht – das ist totaler Quatsch. Jeder kann
       zeichnen. Kinder zeichnen ja auch, also können wir das ebenfalls. Selbst im
       hohen Alter kann man das noch lernen. Es muss ja nicht exakt sein. Früher
       habe ich mich mit Häusern abgemüht, aber irgendwann habe ich angefangen,
       „Tom-Häuser“ zu zeichnen. Die sind krumm und schief, aber sie passen zu
       meinen Figuren.
       
       taz: Und was machst du in Zukunft mit der Zeit, in der du unter der Woche
       keine Streifen mehr zeichnest? 
       
       ©Tom: Ich habe mein Büro aufgelöst und alles in mein Arbeitszimmer zu Hause
       geholt – das muss ich jetzt sortieren und ausmisten. Ich will weiter
       zeichnen, aber etwas Druck aus dem Kessel nehmen. Ich möchte wegfahren,
       Leute besuchen, denen ich das seit Jahren verspreche, und ein bisschen mehr
       von der Stadt sehen. Und wenn ich mich irgendwann sehr langweile, komme ich
       wieder zur taz und bettle darum, wieder montags bis freitags gedruckt zu
       werden.
       
       taz: Das kannst du jederzeit machen! Bist du der taz eigentlich wegen
       irgendetwas gram? 
       
       ©Tom: Nein. Die taz ist sehr vielschichtig, und deshalb ist immer etwas
       dabei, das man mag. Ich habe wirklich nichts zu meckern. Ich bin sehr
       dankbar, dass ich jeden Quatsch zeichnen konnte – und es ja samstags auch
       weiterhin kann.
       
       9 Apr 2026
       
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