# taz.de -- Medien in Israel: Propaganda für den Krieg und für Netanjahu
       
       > Immer weiter nach rechts driftet die Berichterstattung im israelischen
       > Rundfunk. Wer kritisch berichtet, riskiert Ächtung und Sanktionen.
       
 (IMG) Bild: Kommt in der israelischen Berichterstattung zu kurz: das Schicksal der Menschen auf der gegnerischen Seite – hier im Gazastreifen
       
       Gut eine Woche nach Kriegsbeginn strahlte Israels beliebtester
       Nachrichtensender, Kanal 12, ein Interview mit einem Psychiater aus, der
       Israelis kritisierte, die aufgrund des Konflikts psychische Probleme
       äußerten. Der renommierte Professor und Buchautor sprach von einer „Bande
       Primadonnen“. Anstatt sich zu beklagen, sollten sie den israelischen
       Kampfpiloten dankbar sein. Derselbe Sender strahlte auch Interviews aus mit
       Familien, die in zu Schutzbunkern umfunktionierten Tiefgaragen Zuflucht
       gesucht hatten und heldenhaft darauf bestanden, dass ihre Kinder weiterhin
       Spaß haben.
       
       Seit dem 7. Oktober 2023 sendet das israelische Fernsehen keine kritischen
       Analysen mehr zu den politischen Entwicklungen und der Regierung. Mit einer
       Ausnahme: [1][Kanal 13]. Das Unternehmen wurde kürzlich von einer Gruppe
       linksorientierter israelischer Technologieunternehmer übernommen und
       vertritt seither eine distanzierte Haltung gegenüber der israelischen
       Regierung, auch und vor allem mit Blick auf den jüdischen Terror im
       Westjordanland.
       
       Die große Mehrheit der Bevölkerung konsumiert eine unkritische
       Berichterstattung. So ist es wenig verwunderlich, dass laut [2][einer Mitte
       März vorgenommenen Umfrage] 93 Prozent der jüdischen Israelis den Krieg
       gegen Iran befürworten. 74 Prozent gaben an, die Entscheidungen von
       Premierminister Benjamin Netanjahu zu unterstützen. Die jüdischen Israelis
       vertrauen auch nach mehreren Wochen des zerstörerischen Krieges, der weder
       in Iran noch im Libanon erkennbare Sicherheitsgewinne brachte, weiterhin
       dem Regierungschef.
       
       Und das, obschon Netanjahu Zahlungen an die Hamas tätigte, Geld aus Katar
       annahm und die Verantwortung für [3][das Massaker vom 7. Oktober] sowie den
       längsten Krieg in der Geschichte Israels trägt. Diese Themen werden in den
       etablierten Nachrichtensendern kaum erwähnt. Die Regierung beharrt darauf,
       dass die Verantwortlichen für das Scheitern der Ereignisse vom 7. Oktober
       nahezu ausschließlich in den Reihen der israelischen Verteidigungskräfte
       (IDF) zu finden sind.
       
       ## Unbequeme Fragen unerwünscht
       
       [4][Der Krieg in Iran] wird derweil dauerhaft thematisiert. Die Sender
       hatten einen möglichen US-Angriff erwartet und loben nun regelmäßig den Mut
       der Piloten sowie die militärischen Erfolge der israelischen Streitkräfte.
       Die Diskussionsteilnehmer vermeiden ungemütliche Fragen wie die, ob [5][die
       Zerstörung Irans] und Libanons überhaupt der Sicherheit Israels nützt.
       Regelmäßig zu sehen ist stattdessen der Armeesprecher, wenn er vor
       Journalisten die offiziellen Stellungnahmen vorträgt.
       
       Nach den Attentaten auf hochrangige Offiziere der Revolutionsgarden
       beanspruchte Netanjahu diese militärischen Erfolge zunächst für sich. Als
       klar wurde, dass das iranische Regime durch den Krieg nicht gestürzt werden
       würde, schob Netanjahu die Schuld für die Kriegsentscheidung auf
       Mossad-Chef David Barnea. Die Methode ist banal: Wenn die israelischen
       Streitkräfte oder andere Sicherheitskräfte versagen, trägt Netanjahu keine
       Verantwortung. Wenn sie siegreich sind, erntet er die Lorbeeren.
       
       Todesfälle und Vertreibungen in Iran und Libanon sind selbstredend kein
       Thema im israelischen Rundfunk. Ähnlich wie während des Krieges im
       Gazastreifen werden die etablierten Medien instrumentalisiert. Nach dem
       Massaker vom 7. Oktober besteht ihre Aufgabe darin, die öffentliche Moral
       und die Einheit im Volk zu stärken. Externe Experten kommen nicht zu Wort.
       Es sind jüdische Israelis, die über die Entwicklungen in Israel berichten.
       Nachrichten aus dem Ausland spielen eine untergeordnete Rolle.
       
       Gleichzeitig wird politischer Druck ausgeübt, wenn Medien nicht die
       offizielle Regierungslinie vertreten. Während und nach dem Gaza-Krieg
       starteten regierungsnahe Aktivisten Kampagnen, um Journalisten zu
       schikanieren, die die Regierung oder die israelischen Streitkräfte
       kritisierten. So erhielt der [6][Journalist Guy Peleg] von Kanal 12 nach
       seinem Bericht über die Misshandlung eines palästinensischen Gefangenen
       durch israelische Reservisten Morddrohungen von Anhängern der
       nationalistischen Koalition.
       
       ## Krieg für Netanjahus Wahlkampf
       
       In einem anderen Fall geriet [7][Yonit Levi], Chefmoderatorin von Kanal 12,
       die es wagte, der Regierung mit Blick auf das Aushungern der Menschen im
       Gazastreifen „moralisches Versagen“ vorzuwerfen, ins Visier von
       rechtsgerichteten Aktivisten und Journalisten. Im Januar 2026 kündigten
       Minister von Netanjahus Likud-Partei und andere Knesset-Abgeordnete sogar
       einen Boykott von Kanal 12 an wegen der Berichterstattung über den
       Missbrauchsskandal im fraglichen Gefängnis. Kommunikationsminister Schlomo
       Karhi bezeichnete den Sender als „Propagandaorgan“, das dazu diene, „Lügen“
       zu verbreiten und Israel in Kriegszeiten zu diffamieren.
       
       Infolge dieser politischen Zwänge, darunter aktuell die geplante Kürzung
       der Mittel für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die mögliche Schließung
       des eher linksgerichteten Armeeradios sowie mehr Kontrolle über die
       Berichterstattung von staatlicher Seite, gleiten gemäßigtere und
       verlässlichere Sender (wie Kanal 12) immer weiter nach rechts und gleichen
       zunehmend [8][Kanal 14, dem ultranationalistischen Propagandaorgan der
       Regierung]. Kanal 14 nahm 2021 den Sendebetrieb auf und erreichte während
       des Krieges im Gazastreifen höchste Einschaltquoten.
       
       Kommentatoren und sogar rechtsgerichtete Minister forderten so häufig die
       Zerstörung Gazas, dass eine Gruppe israelischer linker NGOs versuchte, den
       Sender wegen „Anstiftung zu Kriegsverbrechen, Gewalt und Rassismus“ zu
       verklagen – natürlich erfolglos. Der Sender empfängt den Premierminister
       regelmäßig zu schmeichelhaften Interviews in einer seiner
       Flaggschiff-Sendungen, „Die Patrioten“.
       
       Die Chancen auf eine objektive oder kritische Analyse der
       Regierungsmaßnahmen und der darauffolgenden Proteste in Israel schwinden
       zusehends. Der aktuelle Krieg zwischen Iran, Libanon und Israel dient
       Netanjahu als Wahlkampfinstrument und Ablenkungsmanöver. Er will seine
       militärischen Erfolge bei den Wählern vermarkten und sich von seinem
       Korruptionsprozess sowie dem Versagen am 7. Oktober 2023 distanzieren.
       
       7 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Israelischer-Sender-Kanal-13/!6162905
 (DIR) [2] https://en.idi.org.il/articles/63617
 (DIR) [3] /Ein-Massaker-ueberleben/!6161504
 (DIR) [4] https://www.ynetnews.com/category/3083#google_vignette
 (DIR) [5] /-Nachrichten-im-Irankrieg-/!6168505
 (DIR) [6] https://cpj.org/2025/11/israeli-journalist-faces-threats-after-reporting-alleged-sexual-abuse-of-prisoner/
 (DIR) [7] https://www.emma.de/fmt-persons/levi-yonit
 (DIR) [8] https://www.freitag.de/autoren/hanno-hauenstein/wir-werden-euch-vernichten-israels-channel-14-stachelt-zum-genozid-in-gaza-an
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tamar Ziff
       
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