# taz.de -- Die Wahrheit: Odyssee der Silberrücken
       
       > Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung (239): Zootiere wie
       > Gorillas verbringen ihr langes Leben in vielen verschiedenen Zoos.
       
 (IMG) Bild: Die Duisburgerin Safiri mit ihrem Kind Foto: dpa
       
       Viele Zootiere durchleben eine wahre Odyssee, weil sie ständig in andere
       Zoos abgegeben werden müssen, um Inzucht zu vermeiden, oder weil ein Zoo zu
       viele von einer Art hat und ein anderer zu wenig, sodass man Tiere tauscht.
       Im Westberliner Zoo hat man immer wieder Gorillas angeschafft. Die meisten
       starben nach kurzer Zeit.
       
       Zoodirektor Klös holte 1984 den Gorilla „Fritz“ in den Zoo; er wurde 1963
       in Kamerun geboren und als „Wildfang“ nach Europa verbracht. Zunächst in
       den Münchner Tierpark. Als er im Alter von 55 starb, hatte er als damals
       ältester Gorilla in Europa eine zivilisatorische Tour de Force hinter sich.
       Im Westberliner Zoo blieb er jedoch nur ein halbes Jahr – bis 1985. Er
       sollte dort die Gorillaweibchen Fatou und Dufte decken, doch er biss sie
       nur – und wurde schnell wieder in den Nürnberger Zoo zurückgeschickt.
       
       Es war ein „Blind Date“ gewesen, das „Matching“ für die drei hatte das
       europaweit tätige Heiratsinstitut EEP (Europäisches
       Erhaltungszuchtprogramm) und dort der Stammbuchführer für Gorillas besorgt
       – im Sinne einer positiven Euthanasie. Die soziale Kompetenz steht dort
       nicht im Verkupplungsprogramm, das inzwischen für die 500 in europäischen
       Zoos lebenden Gorillas algorithmisch optimiert wurde.
       
       Die Wissenschaftsjournalistin Jenny von Sperber schrieb eine „Biographie
       eines faszinierenden Menschenaffen: Fritz, der Gorilla“ (2022). Vielleicht
       war die Tierschützerin ihm seine „Lebensgeschichte“, die nicht schön war,
       schuldig? Sie rekonstruierte sie vorwiegend mit Erinnerungen an ihn von
       Pflegerinnen, Oberpflegern, Zoodirektoren, Zookuratoren, der EEP und
       gorillaaffinen Zoostammgästen, und manches musste sie sich ausdenken, vor
       allem die kurze Zeit seines Kameruner Lebens in Freiheit. In Europa brachte
       man Fritz den aufrechten Gang bei und seinen Brei manierlich mit dem Löffel
       zu essen sowie beim Niesen die Hand vor den Mund zu halten.
       
       ## Für immer hinter Gittern
       
       Aber die Zeiten haben sich laut von Sperber verändert und mit ihnen die
       Zoos, vor allem die Haltung von Menschenaffen nicht mehr in
       „Kachelkäfigen“. Die Humanisten würden ihnen gern auch noch Menschenrechte
       zugestehen. Gleichzeitig dürfen die Pfleger aber nicht mehr in die Gehege
       der Gorillas gehen, aus versicherungstechnischen Gründen müssen immer
       Gitter zwischen ihnen sein.
       
       Jenny von Sperber schreibt nicht nur über Fritz, sondern auch über das
       Gorillaweibchen Dufte: „Sie war die erste Zoogeburt in Berlin und
       gleichzeitig das erste von der eigenen Mutter aufgezogene Gorillamädchen in
       Deutschland.“ Davor waren in Zoos geborene Gorillakinder meist sofort nach
       der Geburt von der Mutter getrennt und von Pflegerinnen aufgezogen worden.
       Die Mutter von Dufte war ein „Wildfang“ gewesen: Fatou, die nun mit 65 „die
       älteste Gorillafrau der Welt“ ist und „noch immer in Berlin [in einem
       Einzelkäfig] lebt.“ 2025 feierte man dort ihren 68. Geburtstag.
       
       Ende 1970 hatten die Münchner den siebenjährigen Fritz an den Nürnberger
       Zoo abgegeben – für 32.000 Mark: „Der passt zu den Nürnbergern“, meinte der
       damalige Zoodirektor Lutz Heck. Fortan kümmerte sich dort der Tierpfleger
       Willi Stillhammer um ihn. Fritz kam zu zwei Gorillaweibchen aus
       Gelsenkirchen: Delphi und Liane. Letztere „starb schon sieben Jahre später.
       Aber Delphi sollte über 30 Jahre lang Fritz' Partnerin bleiben.“ Er zeugte
       jedes Jahr ein Kind mit ihnen, die Willi Stillhammer und seine Frau zu
       Hause aufzogen. „Die Zoomitarbeiter wussten nicht, dass sie einen Fehler
       machten“, indem sie den Müttern ihre Kinder wegnahmen: Diese „sehen sich
       später weder als Mensch noch als Affe“.
       
       Fritz lebte bis zuletzt 2018 im Nürnberger Zoo – zusammen mit vier
       Gorillaweibchen, mit denen er schon lange keine Kinder für die
       „Erhaltungszucht“ mehr zeugte. Aber „wir können ihn nicht separieren und in
       den Käfig nebenan einen jungen Silberrücken mit seinen Frauen setzen. Das
       ist Terror, das hat er nicht verdient“, meinte seine Pflegerin Ramona Such
       in der Futterküche zur Autorin, „und alle Affenpfleger nickten dazu“.
       
       Fritz’ erstes Kind Schorsch lebt heute als „erblindeter Greis auf Teneriffa
       mit eigenem Außengehege“. Sein Sohn Gori kam über diverse englische Zoos in
       den japanischen Inuyama Monkey Park, wo man zu Forschungszwecken alle
       möglichen Affenarten hält.
       
       Das „härteste Schicksal“ hatte Fritz-Sohn Toni: Er kam in die Zoos von
       Hannover und Saarbrücken, zeugte dort jedoch keinen Nachwuchs. Mit 25
       Jahren schob man den „non-breeder“ aufs „Abstellgleis: nach Kiew“ – in eine
       dunkle Betonzelle. Dort sah ein deutscher Ingenieur den einzigen Gorilla
       der Ukraine – und bemühte sich fortan, Tonis Leben zu verbessern. Er
       spendete Spielzeug, Geld und gewann die amerikanische Ehefrau des
       Bürgermeisters Vitali Klitschko, die für viel Geld eine neue „großzügige
       Anlage“ für Toni bauen ließ. Weitere Lebenserleichterungen für ihn
       verhinderte der Krieg.
       
       ## Geburtstag im Krieg
       
       2021 feierte man dort seinen 45. Geburtstag. Als die Front näher rückte,
       änderte seine Pflegerin Walentina Dikarjowa Tonis Betreuungsprogramm:
       „Normalerweise darf er höchstens zweimal pro Tag etwa vierzig Minuten
       fernsehen. Doch solche Regeln spielen nun keine Rolle mehr.“ Dikarjowa
       lässt Tonis Lieblingsfilm „Koko, der sprechende Gorilla“ laufen und
       Entspannungsmusik in voller Lautstärke, damit er die Bomben nicht hören
       kann.
       
       „Was, wenn der Silberrücken durchdreht? Oder die Tiger von nebenan
       ausbrechen? Wer stirbt zuerst?“ Fragte sich die Neue Zürcher Zeitung.
       „Vierundzwanzig Stunden später ist der Krieg schon ganz nah, die
       feindlichen Truppen kämpfen sich den südlichen Zoomauern entlang am
       Peremohi-Prospekt ins Stadtzentrum und parallel dazu im Norden an der
       Dehtjariwska-Straße. Sirenen, Bomben, Explosionen – und mittendrin der Zoo
       mit rund 4.000 Tieren und Toni.“
       
       Ende Februar 2022 schrieb der Geschäftsführer des Zoos, Kyrill Trantin, in
       einer Rundmail: „Während der nächtlichen Schlacht gab es keine direkten
       Treffer auf dem Gelände des Zoos, die Mitarbeiter waren in vorbereiteten
       Bombenunterkünften.“ Die Amerikaner boten laut NZZ an, „Toni für zwei
       Millionen Dollar rauszuholen. Aber würde der Affengreis eine Evakuierung
       überhaupt überleben? Kaum.“
       
       Er überlebte dafür bis jetzt alle Bombardierungen der Stadt, aber infolge
       der ständigen Stromausfälle gibt es immer mehr Probleme mit der Heizung. Im
       Februar 2026 meldete das ukrainische Nachrichtenportal 112.ua: „Besonders
       im Fokus steht der 51-jährige Gorilla Toni. In seinem Gehege wird die
       Temperatur mühsam bei +20 °C gehalten. ‚Jeder Tag ist ein Kampf um Wärme
       und Strom‘, sagt Zoo-Leiter Kyrill Trantin.“
       
       7 Apr 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Helmut Höge
       
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