# taz.de -- Die Wahrheit: Reizwäsche für Herrchen und Frauchen
> Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung (236): Präparatoren
> machen Tiere unsterblich – auf mitunter makabre Art.
(IMG) Bild: Mensch lebendig (links), Hund ausgestopft (rechts)
In einem Naturkundemuseum bei Bangkok gibt es lauter lustige Tiere –
lachende Halbaffen, lächelnde Katzen, vergnügt grinsende Hirsche und so
weiter. Alle ausgestopft. Die Präparatoren können mit toten Tieren machen,
was sie wollen, sie verwandeln Natur in Kultur.
Hierzulande kennen wir die amerikanische „Action-Präparation“, die
kontemplative „Berliner Schule“ und private Präparatoren, die nach den
Wünschen ihrer Kunden arbeiten – Ingo Kopmann zum Beispiel, den die Autorin
Gabriele Goettle porträtierte. Einer Künstlerin präparierte er ihren
Schäferhund als Couchdecke, einem Ehepaar ihre Felsenpython, die zehn Jahre
mit in ihrem Bett schlief und aus deren Haut sie sich Reizwäsche schneidern
lassen wollten.
Einige Kunden wollten das Herz und die Augen ihrer toten Lieblinge in
Spiritus einlegen: „Also wenn das die Augen vom eigenen Hund sind, die da
vom Fernseher runtergucken, dann erreichen wir hier irgendwo eine Grenze.
Nicht arbeitstechnisch, aber in der Nachvollziehbarkeit.“ Manche Kunden
sagen über ihr präpariertes Tier: „Irgendwas war anders … ja, es hat
gelebt! Sage ich.“
Dem Chefpräparator des Berliner Naturkundemuseums Detlef Matzke geht es um
das Gegenteil: Er will „eine bestimmte Tierart als typisch vorstellen. Für
den Museumsbesucher ist es relativ egal, ob es der Leopard A oder B aus dem
Zoo Sowieso gewesen ist.“
Etwas anders war es mit dem Gorilla Bobby und mit dem Eisbär Knut, über den
sie lange diskutierten. „Knut wird unsterblich“, titelte der Tagesspiegel.
„Das waren Tiere, die jeder kannte, da gab es zig Fotos von und deswegen
musste seine Präparation bis in die kleinste Mimik stimmen“, meinte Matzke.
„Ähnlich bei einem Hund, den ich jahrelang auf dem Schoß gehabt habe. Wenn
ich den präparieren soll, dann muss das bis ins letzte Detail stimmen. Der
Präparator kann das noch so schön machen, wenn die Glasaugen nur eine Spur
zu hell oder zu dunkel sind, dann erkennen Herrchen oder Frauen das Ding
nicht mehr wieder.“
## Getötete Großtiere
In der Jagdsaison ist Facebook voll von Jägern und Jägerinnen, die darin
stolz mit einem oder Dutzenden in Afrika oder in Amerika getöteten
Großtieren posieren. Immer häufiger kommen dabei Hightech-Crossbows zum
Einsatz. Viele ihrer Trophäen werden dann fürs Wohnzimmer ausgestopft. Der
Schriftsteller Philip Roth hat in seinem Buch „Mein Mann, der Kommunist“
(1999) zwei Taxidermisten porträtiert. Einmal präparierten sie einen Tiger.
„Der Besitzer hatte mehrere davon als Haustiere. Einer ist gestorben. Die
Felle sind ziemlich wertvoll, aus dem sollten wir einen Bettvorleger
machen.“
Die queere Schriftstellerin Kristen Arnett aus Florida hat ein Buch über
eine Präparationswerkstatt veröffentlicht, die ihre Icherzählerin und ihr
Vater, ein Jäger und Angler, betreiben: „Ziemlich tote Dinge“ (2023). Beide
liebten Tiere. Mal vergrößern sie die Leiche, weil ihre Kunden eine
möglichst große Trophäe haben wollen, aber in der Regel versuchen sie, das
Tier so natürlich wie möglich auszustopfen, auch wenn sie manchmal die
benötigten Tiere selbst töten.
„Wir waren eine Familie von Taxidermisten. Wir waren Sammler, Zerstückler
und Kunsthandwerker. Aus den Überresten von Totem setzten wir Leben
zusammen.“ Man kann einen Hamster tottreten, aber kein Wissenschaftler der
Welt kann ihn wieder lebendig machen.
Ihre gelungensten Präparationen stellen sie ins Schaufenster, unter anderem
ein Wildschwein, das sie dann für 3.000 Dollar verkaufen. Ihr Vater ermahnt
seine Tochter immer wieder, „Präparate wie lebendige Tiere zu behandeln“.
Wenn sie mit dem Pick-up unterwegs sind, sammeln sie alle überfahrenen
Tiere auf. Sie kommen entweder in ihre Tiefkühltruhe oder in einen
Vorratsschrank, „in dem wir Tierreste aufbewahrten, die uns als
Ersatzmaterial dienten“. Um sich von ihrer Arbeit zu erholen, betrinkt sich
die Erzählerin oder sucht jemanden zum Vögeln.
## Ausgestopfte Löwen
Der Chefpräparator des Berliner Naturkundemuseums erzählte, um
beispielsweise einen Löwen auszustopfen, „muss ich mich viel mit ihm
beschäftigen. Aber darüber hinaus kann man ihn jetzt etwas kräftiger
machen, etwas geschmeidiger, das Katzenhafte herausholen, die Spannung
herausarbeiten. Oder noch spannender machen. Den Löwen als Pascha
darstellen, während das Weibchen ein bisschen mehr Action macht, bei der
Jagd oder so.“
Im Huftiersaal des Museums steht eine mächtige Elenantilope. Ihre
Geschichte könne man heute erzählen, zu DDR-Zeiten wäre sie vielleicht
etwas heikel gewesen. Das Tier wurde 1936 für die große
Reichsjagdausstellung in Berlin präpariert. Der Weltreisende und Jäger
Bengt Berg hatte es geschossen und dann für Göring und seine
Jagdausstellung präparieren lassen – im Stil des Dritten Reiches, ähnlich
wie die Breker-Plastiken: sehr viel kräftiger und massiger als in
Wirklichkeit.
Die Haut sei geduldig, da könne man viel mit machen. Es gäbe aber Bereiche,
wo absolut nichts zu machen sei, an den Beinen zum Beispiel, da ließe sich
nichts ausdehnen. Wohl aber am Halsbereich. Der wurde dann auch sehr viel
kräftiger gemacht, ebenso der Rumpf. Die Antilope sei dadurch richtig
unproportioniert geworden, wenn man den gewaltigen Hals mit den dünnen
Beinen vergleiche. Aber es hätte in den Stil der Zeit gepasst.
Matzke zählt sich zur „Berliner Schule“, deren Arbeiten eher Ruhe
ausstrahlen, wo die Bewegung darin eigentlich nur erahnbar sei. In Amerika
mag man dagegen lieber Tiere in Action: „Ganze galoppierende Herden. Wenn
ich da eine Sekunde hinkucke, ist es phantastisch, präparationstechnisch
absolut genial gemacht. Das sind ganz komplizierte Geschichten, so ein
galoppierendes Tier zu zeigen. Aber es ist eine eingefrorene Phase, die
eigentlich das Ding nicht bringt.“
Matzke und seine Kollegen gehen anders vor: „Wenn ich zum Beispiel ein Reh
habe und ich will da eine Spannung reinbringen – das Tier ist gelaufen, hat
dann am Boden geäst und plötzlich hat es ein Geräusch gehört, nimmt den
Kopf hoch, äugt in die Gegend, und ist dabei so weit gespannt, dass es im
nächsten Moment wegspringen könnte. Das heißt, dass der Besucher erahnt,
dass gleich etwas passieren könnte, aber es kann genauso gut auch im
nächsten Moment feststellen, es ist nichts und weiter fressen.“
Im Sinne der „Berliner Schule“ müsste eine Geschichte erzählt werden können
an diesem Tier. „Was könnte aus der Sache werden? Dazu muss sich der
Besucher mit dem Tier identifizieren können.“ Dass man „Mind-Reading“ oder
Empathie mit Toten haben kann, die nichts mehr denken oder fühlen, ist eine
beachtliche Leistung der „Berliner Schule“, aber sollte man sie nicht
besser bei den noch lebenden Tieren einsetzen?
23 Feb 2026
## AUTOREN
(DIR) Helmut Höge
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