# taz.de -- Die Wahrheit: Schwenkfutter mit Fell
       
       > Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung (237): Wilde Tiere für
       > Filme vor die Kamera zu bekommen, kann ein absurdes Geschäft sein.
       
 (IMG) Bild: Menschen in freier Wildbahn fotografiert von Tier Foto: AP
       
       Über Tiere, die in Filmen „mitspielen“, meint der Medienwissenschaftler
       Vinzenz Hediger: „Das Filmtier ist ein Tier auf der Höhe des
       wissenschaftlichen und populären Diskurses der Ökologie.“
       
       Wenn Fernsehteams von ihren Sendern im Winter in den Wald geschickt werden,
       um zum Beispiel in Kanada zu filmen, wie es jetzt den dortigen Bären,
       Hirschen, Wölfen, Dachsen so geht, dann fällt dabei unweigerlich das Wort
       „Überlebenskampf“, manchmal noch mit dem Zusatz „erbarmungslos“, obwohl die
       Tiere, wie erklärt wird, „perfekt an ihre Umwelt angepasst sind“.
       
       Es ist in Kanada auch wirklich saukalt, die Füße der Münchner sind vom
       hohen Schnee nass geworden, das Essen ist Scheiße, das Equipment spinnt,
       der Kameramann kann vor lauter klammen Fingern nicht mehr richtig drehen,
       seine Assistentin steht mit ihren Eisfüßen mehr im Weg, als das sie hilft,
       der Tonmann hustet ständig, und dann sind die ganzen Viecher, auf die sie
       es abgesehen haben, auch noch so verdammt schwierig zu erwischen. Entweder
       halten sie sich an unmöglichen Orten auf oder das Licht stimmt nicht.
       
       Aber die Redaktion daheim im Warmen drängt unbarmherzig. Das Budget ist
       bereits „robust überzogen“ (O-Ton Buchhaltung) und dann muss zu allem
       Überfluss auch noch ein Teil des Tons neu aufgenommen werden … Alles in
       allem steckt das Filmteam genau in dem „harten Überlebenskampf“, den es in
       der unbarmherzigen Natur filmt.
       
       Als darob die Stimmung im Drehteam zu kippen droht, will die („viel zu
       junge“) Regisseurin die Dreharbeiten abbrechen. Ihrem Redakteur daheim
       gesteht sie: „Das ist alles Theater, was wir hier machen.“ Sie bekommt
       jedoch vom Redakteur gesagt: „Trotzdem. Weitermachen. Glaubwürdigkeit ist
       bloß ein Spezialeffekt, also bleib dran. Das Projekt ist schon zu weit
       fortgeschritten.“
       
       Das sieht sie ein. Ihr Team wird immer größer, es greift bei der Arbeit auf
       einen ganzen Tross von Helfern zurück – angefangen von der Catering-Firma
       bis zur Autovermietung und den Wildhütern der Nationalparkverwaltung sowie
       den besten für sie reservierten Unterkünften unweit ihrer Drehorte.
       
       Auf der anderen Seite sind die Objekte der Begierde ihrer Redaktion – die
       Tiere des Waldes – Kummer gewohnt, das heißt, sie sind überaus erfahren mit
       den harten Wintern und verhalten sich oft fast instinktmäßig richtig – also
       „optimal“. Obwohl man off the record zugeben muss, dass diese Tiere im
       Nationalpark schon lange ganzjährig geschont werden, also nicht gejagt
       werden dürfen und dazu noch bei starkem Frost zugefüttert bekommen, sodass
       sie immer mehr ihre Scheu verloren haben. Die Füchse kann man schon fast
       streicheln und auch die Wildschweine sind so dreist, dass man sich
       inzwischen umgekehrt – vor ihnen – in Acht nehmen muss. Dem Tonmann klauten
       sie hinter seinem Rücken den Rucksack.
       
       Aber auch das gehört ja alles streng genommen noch zu den Härten der Natur.
       Für die Fernsehteams – als Frontschweine ihres Senders – bedeutet das
       jedoch eine zusätzliche Tortur, denn ihre Dreharbeiten laufen dabei immer
       mehr auf eine Fakeproduktion hinaus – insofern beispielsweise die Hirsche
       über eine Waldlichtung regelrecht gescheucht werden mussten, um kurz vor
       Sonnenuntergang noch schnell ein paar Bilder von einem flüchtenden Rudel zu
       bekommen.
       
       Diese wurden dann später mit fünf über eine verschneite Hochebene laufenden
       Wölfen gegengeschnitten. Die Wölfe hat die Firma „Action Animals“
       angeliefert, für 600 Dollar – pro Stück und Tag. Es handelte sich dabei um
       besonders filmerfahrene Tiere, die eine regelrechte Ausbildung genossen
       haben. Dazu kam dann aber noch ihre Anlieferung mit einem
       Spezialtransporter sowie die Spesen ihrer drei Trainer, ihrer zwei Pfleger
       und ihres Veterinärs. Letzterer war nebenbei und vor Ort auch immer noch
       für die PR der Firma „Action Animals“ von Gerry Therrien in Vancouver
       zuständig, weswegen laufend irgendwelche Radio- und Lokalzeitungs-Leute an
       den Drehorten aufkreuzten.
       
       Kurzum: Trotz oder gerade wegen der ganzen unbarmherzigen Natur wurde der
       Dreh zusehends unnatürlicher – und für Außenstehende absurder. Besonders
       die Wildhüter der Nationalparkverwaltung schienen das Ganze mehr und mehr
       für ein Schwindelunternehmen à la „Borat“ zu halten. Sie standen aber auch
       als eine Art Doppelagenten den Fernsehleuten gegenüber: Einerseits wurden
       sie dafür bezahlt, dass sie das Filmteam und das Wolfsteam mit deren Tieren
       zu optimalen Drehorten führten und auf Wunsch sogar einige Tierarten, unter
       anderem Biber, für sie aufstöberten. Andererseits waren sie aber auch deren
       Kontrolleure, denn sie hatten darauf zu achten, dass das Filmteam nicht
       einer der 96 Parkverordnungen zuwiderhandelte, dass die Tiere des Waldes
       nicht „unnötig beunruhigt“ wurden und so weiter.
       
       Zugleich waren sie aber auch noch dafür verantwortlich, dass es dem
       Filmteam an nichts mangelte und sie den besten Eindruck vom Nationalpark
       mit nach Hause nahmen. Deshalb stellten sie immer wieder ihre
       leistungsstarken Funkgeräte zur Verfügung, als es zum Beispiel galt, den
       angemieteten Hubschrauber für die Aufnahmen von oben zum Standort zu
       lotsen, nachdem die zwei mitgebrachten Drohnen abgestürzt waren. Am Ende
       kam dabei ein 28-minütiger Film über „Die Tiere des Waldes im Winter“
       heraus, der dann lieblos zwischen Weihnachten und Neujahr von einigen
       Dritten Programmen ausgestrahlt wurde. Die Wildhüter, denen der Sender als
       Dank eine Kopie geschickt hatte, fassten sich an den Kopf, als sie sich den
       Film ansahen – ob der grotesken Diskrepanz zwischen Aufwand und Wirkung.
       
       In Namibia fassten sich etwa zur gleichen Zeit einige Zoologen ebenfalls an
       den Kopf. Dort halten einige Reiche sich Wolfshunde. Weil es sich dabei um
       Kreuzungen zwischen Hunden und Wölfen handeln soll, wird das als nicht ganz
       ungefährlich angesehen. Nun gibt es aber in Namibia gar keine wild lebenden
       Wölfe und deswegen fragten sich die Forscher: Wie sind denn dann die
       Wolfshunde entstanden? Sie fanden heraus, dass zwei ausländische Filmteams
       am Rand der Namibwüste gedreht hatten, wobei sie einige mitgebrachte Wölfe
       frei ließen, um sie zu filmen. Diese gezähmten Tiere seien noch vor
       Abschluss der Dreharbeiten „untergetaucht“ und hätten sich dann mit
       verwilderten Haushunden verpaart.
       
       Zwar arbeiten die Naturfilmer immer öfter mit professionell trainierten
       Tieren, aber die Zeit ist nicht mehr fern, da diese Tiere durch
       KI-generierte ersetzt werden. Das befürchten jedenfalls die Firmen, die
       ihre Tiere an Filmproduktionen vermieten, denn der kanadische
       IT-Dienstleister „Conseillers en Gestion et Informatique“ (CGI) gewinnt
       immer mehr Einfluss auf die Hollywood-Produktionen.
       
       9 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Helmut Höge
       
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