# taz.de -- Die Wahrheit: Mythische Profiteure der Moderne
> Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung (240): Jäger kämpfen für
> den Abschuss der Wölfe, Frauen demonstrieren dagegen.
(IMG) Bild: Was soll werden mit mir, fragt sich der junge Wolf
Der Delphin war das Totem-Tier des „New Age“ ab 1970 und mit ihm kam die
Psychologie – Einfühlungsvermögen, Empathie. Die Philosophin Hannah Arendt
meinte: „Der Tod menschlicher Empathie ist eines der frühesten und
deutlichsten Zeichen einer Kultur, die im Begriff ist, in die Barbarei zu
verfallen.“
Der freundlich-lächelnde Meeressäuger wurde dann in den Achtzigerjahren vom
grimmigen Wolf des Neoliberalismus abgelöst, der sich inzwischen – vorneweg
in den USA – zu einer pädophilen Kriminellenverschwörung gemausert hat. Der
Trump-Propagandist Charlie Kirk sagte in einer Rede: „Ich kann das Wort
Empathie nicht ausstehen. Ich glaube, Empathie ist ein erfundenes
New-Age-Wort – und es richtet großen Schaden an.“ Das meinen auch der
US-Vizepräsident J. D. Vance und der US-Investor Peter Thiel. Ihr
allerreichster Elon Musk hält die Empathie für „die grundlegende Schwäche
der westlichen Zivilisation“.
In der DDR ahnte man das bereits 1990: Als der rechte westdeutsche
Großagrarier und Bauernverbandspräsident Constantin von Heeremann auf der
letzten LPG-Konferenz bei Leipzig seine erste ostdeutsche Rede hielt,
versprach er nichts Geringeres als die Auflösung der LPGs. Aber mit einer
gehörigen Portion Gottvertrauen seien alle „diese Probleme“ lösbar. Die
kommunistischen LPG-Vorsitzenden verstanden ihn sofort: „Wir müssen jetzt
wie die Wölfe werden“, meinten sie.
## Magie der Namen
Erst einmal wimmelte es dann in der Berliner Treuhandanstalt (THA) von
westdeutschen Privatisierungsmanagern, die „Wolf“ mit Vor- oder Nachnamen
hießen. „Die benehmen sich schlimmer als Kolonialoffiziere“, meinte selbst
ihr Präsident Detlev Rohwedder. Ihnen standen auf ostdeutscher Seite
überforderte Betriebsräte gegenüber, die nicht selten Friedbert,
Christfried oder Lammfromm hießen, einer sogar Feige mit Nachnamen. Kein
Witz, sondern ein Fall von Namensmagie im ausklingenden 20. Jahrhundert.
Den Vogel schoss dann im „Bereichert euch!“-China der Autor Jiang Rong mit
seinem Weltbestseller „Wolf Totem“ ab, in dem es um die Philosophie und
Moral des „Wölfisch-Werdens“ der Chinesen geht, die sich leider laut Jiang
Rong eher wie Schafe verhalten. Die Idee war nicht neu: Bereits 1959 hatte
der westdeutsche Dichter Hans-Magnus Enzensberger eine „Verteidigung der
Wölfe“ gegen die Lämmer veröffentlicht.
Genau zehn Jahre nach der Erleuchtung der LPG-Vorsitzenden kam ein echter
Wolf über die Oder nach Deutschland gehumpelt: Er, Naum genannt, war
dreibeinig, wurde eingefangen und lebt nun mit einer russischen Wölfin in
einem Schorfheide-Gehege. In ganz Deutschland gibt es inzwischen rund 1.200
frei lebende Wölfe. Für sie gibt es „Wolf-Management-Pläne“, die vorsehen,
die Schäfer zu entschädigen, wenn ihre Schafe von Wölfen gerissen werden.
Zuerst waren alle begeistert: Der Wolf passte in die neoliberalisierten
deutschen Landschaften mit ihren sich rasant vermehrenden Neonazis wie die
Faust aufs Auge. Aber dann setzte sich wieder die uralte Wolfsangst durch,
angestachelt von den ökonomisch denkenden Nutztierhaltern.
Ihnen zur Seite standen immer öfter Jäger, die liebend gern ihre
Jagdkonkurrenz Wolf wieder „der Natur entnehmen“ wollten. Da diese streng
geschützt sind, werden immer mehr illegal erlegt, also gewildert. In Bayern
ein ganzes Rudel. Renate Schmidtsdorff-Aicher, Mitarbeiterin bei
Wolfsschutz–Deutschland e. V., klagt: „Die Wölfe in Hessen werden
systematisch ausgerottet.“
## Tiere als Trophäen
In Schleswig-Holstein erklärten sich etliche Jäger bereit, einen zum
Abschuss freigegebenen Wolf zu erschießen, aber nur wenn sie anonym bleiben
dürften – aus Angst vor der Rache von Wolf-Fans. In Sachsen meinte ein
Ökologe des Museums für Naturkunde Görlitz, dass es noch viel zu wenig
Wölfe gäbe, denn die neuen Jagdpächter aus dem Westen würden noch viel mehr
Schalenwild in ihren Revieren haben wollen als die DDR-Funktionäre zuvor,
die bereits, um schneller zum Schuss zu kommen, die Wälder und Flure mit
Trophäentieren geradezu übervölkert hatten.
Ende 2023 berichtete die „Tagesschau“: „Die grüne Umweltministerin Lemke
will den Abschuss von sogenannten Problemwölfen erleichtern.“ Dabei töten
die Wölfe immer weniger Nutztiere: 2009 rissen zehn Wölfe den Bauern und
Hirten 382 Tiere und 2024 töteten 300 Wölfe nur noch circa 1.000 Tiere.
Im Jahr 2025 wurde bekannt, dass man Wölfe ins Jagdrecht aufnehmen will,
was ihre bisher illegalen Abschüsse legalisieren soll. Der Welt-Redakteur
und Vorsitzende des „Ökologischen Jagdvereins Brandenburg-Berlin“, Eckhard
Fuhr, ist dafür. Im Freitag schreibt er: „Die Jäger wollen kein
zusätzliches Jagdvergnügen, sondern Bestände reduzieren.“ Dazu
charakterisiert Fuhr die Wölfe als „Gewinnertypen“, als „fremdenfeindlich“
und als „Profiteure der jüngsten Moderne“.
Sehr viel ehrlicher, aber auch klüger als Fuhr, argumentiert der Schweizer
Psychoanalytiker Paul Parin, der sein Leben lang jagte und angelte, in
seinem von Christa Wolf (sic) hochgelobten Buch „Die Jagd – Licence for Sex
and Crime“ (2018). Nämlich ähnlich wie der Schriftsteller Luzius Theler,
der nach dem tödlichen Schuss auf eine Gams der Neuen Zürcher Zeitung
gestand: „Ich bin glücklich, ich habe gejagt … Ähnlich wie bei den
Verlockungen einer ‚femme fatale‘ können wir nicht davon lassen.“
Apropos „Femme fatale“: Die Jagdvereine verkünden stolz eine stattliche
Zahl von neuen Mitgliedern, diesmal weiblichen. Und in den USA stieg die
Zahl der Frauen, die liebend gern Wildtiere töten von 2025 (1993) auf
35.000 (2025). Aber das Gegenteil ist auch der Fall: Wölfe freunden sich
lieber mit Frauen als mit Männern an und umgekehrt. Hatte schon die Ehefrau
des Wolfforschers Erik Ziemen verwaiste kleine Wölfe selbst gesäugt,
wandten sich inzwischen einige Frauen ganzen Rudeln zu: die Pianistin
Hélène Grimaud, die Biologin Gesa Kluth, die Künstlerin Flora Lynn, die
Zootierpflegerin Danielle und die Falknerin Tanja Askani zum Beispiel.
Diese Frauen „sind Wölfen begegnet und ihnen verfallen“, schreibt der
Hobbyjäger Eckhard Fuhr. Darüber hinaus gibt es in der Grenzregion
Oder-Neiße inzwischen drei quasi-festangestellte Wolfsexpertinnen: Auf
deutscher Seite sind das Gesa Kluth und Ilka Reinhardt, auf polnischer
Seite Sabina Nowak. Nachdem man den im Schwarzwald lebenden Wolf „Grindi“
offiziell erschießen wollte, kam es Anfang Februar 2026 zu einer
Frauendemonstration dagegen. Auf ihren Plakaten hieß es unter anderem
„Frauen kämpfen für den Wolf“.
20 Apr 2026
## AUTOREN
(DIR) Helmut Höge
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