# taz.de -- Die Wahrheit: Frischer Schleim
> Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung (241): Schleimliebhaber
> auf den Spuren der schaumgeborenen Göttin Aphrodite.
(IMG) Bild: Vollkommen grün verschleimter Fluss: der Dnepr Foto: dpa
Im Medizinhistorischen Museum der Berliner Charité findet derzeit eine
Ausstellung über Schleim statt, kuratiert von der Museumswissenschaftlerin
Beate Kunst und der Wissenschaftsjournalistin Susanne Wedlich. Letztere
hatte bereits 2019 ein „Buch vom Schleim“ veröffentlicht. Es reichte
thematisch von der einstigen „Jagd auf den Urschleim“ und dem „Meerschleim“
über „Gaia und ein Echo in Gel“ bis zum neonfarben leuchtenden „Slime“,
„Hydrogele, Gelata und Glibber“, „schleimige Speichelflüssigkeiten,
glitschige Biofilme und Zellschleim (Protoplasma)“. In der Ausstellung hat
Wedlich diese Themen ergänzt, jedoch nicht ihre vormalige Vermutung
vertieft: „Wahrscheinlich gibt es keine gänzlich schleimlosen Lebewesen“,
aber „was ist Leben“ überhaupt? Schleim?
Dafür spricht, dass aus dem Schleim Aphrodite (Venus) entstand: „Sie wurde
aus dem Blut und Samen des von Kronos abgeschnittenen und ins Meer
geworfenen Gliedes seines Vaters Uranos geboren. Aus dieser Mischung und
dem Salz und der Gischt des Meeres, erhob sie sich in ihrer ganzen
Schönheit aus den Wellen. Daher wird sie auch ‚die Schaumgeborene‘
genannt“, heißt es auf der Internetseite des Künstlers Andreas Nossmann.
In seinem Gemälde „Die Geburt der Venus“ (1485) hat Sandro Botticelli dies
dargestellt. Bei ihm entsteigt sie dem Meer in einer Jakobsmuschel, die
ihrerseits nach antiker Auffassung aus Meerschaum entstand. Zudem bedeutet
„aphros“ im Griechischen „Schaum“ und „aphrogeneia“ die Schaumgeborene.
Aphrodite wird, von Zeus adoptiert, die Göttin der Liebe und der Schönheit.
Sie wurde laut Wikipedia insbesondere als Schutzherrin der Sexualität und
Fortpflanzung verehrt. Und das funktioniert nicht ohne Schleim
beziehungsweise Schleimhäute: Die Wandungen der Vagina, die Deckschicht der
Eichel der Klitoris und der Eichel des Penis sind Schleimhäute.
## Substanz zum Schutz
Laut medi-karriere.de haben diese im Wesentlichen die Aufgabe,
Schleimstoffe zu produzieren: Biopolymeren, die vor allem aus
Polysacchariden bestehen, die Wasser aufnehmen können. „Damit bilden sie
schleimartige Kolloide und Gele – sogenannte Hydrokolloide –, die als
Schutzsubstanzen dienen können.“ Sie sondern an ihrer Oberfläche einen
Flüssigkeitsfilm ab, der „Schleimstoffe (Muzine) und Antikörper
(IgA-Antikörper) enthält.“
Das musste gesagt werden, denn an dieser Stelle kommen die
„Schleimliebhaber“ ins Spiel, die auch in der oben erwähnten Ausstellung
von Susanne Wedlich kurz erwähnt werden. In ihrem „Buch vom Schleim“ hatte
sie es noch bei den „Schleimverächtern“ (unter den Gebildeten) bewenden
lassen. Namentlich den „Ekel“-Autor Jean-Paul Sartre, den die weibliche
Schleimproduktion regelrecht abstieß. Daneben erwähnte sie Klaus Theweleits
Analyse der faschistischen Männer vom Schlage Ernst Jüngers, in denen bei
einem Sturmangriff die Angst „schleimig“ hochkriecht. Ansonsten sind sie
knochentrocken – nur Frauen sind nach der alten Säftelehre, die auch ihre
ist, feucht und weich. Jeglichen Schleim finden die faschistischen Männer
abstoßend. Mit den Worten des DDR-Dramatikers Heiner Müller: „Ihnen ist das
Missgeschick passiert, töten, aber nicht ficken zu können“, denn zum Ficken
braucht es Schleim.
Und dazu benötigt es den „Schleimliebhaber“. Dieses Bakterium hat den
wissenschaftlichen Namen „Akkermansia muciniphila“. Entdeckt wurde es vom
niederländischen Mikrobiologen Antoon Akkermans und „muciniphila“ setzt
sich aus Muzine (Schleimstoffe) und „phila“ Liebe (abgeleitet von philia)
zusammen. Diese Bakterienart bildet dort, wo Schleim im Körper ist, und der
ist nahezu überall, kleine, fast weiße zusammenklumpende Kügelchen, die
selbst wie Schleim aussehen. Es sind „subzellulare Organellen, sogenannte
Mucinosomen, die der Speicherung der [von den Schleimhäuten gebildeten]
Mucine dienen“.
## Barriere gegen Keime
Der Schleimliebhaber, der Schleimstoffe liebt, ernährt sich von diesen
Muzinen, am liebsten von denen im Darmschleim. „Der Abbau der Muzine regt
die Produktion von frischem Schleim an“ und stärkt so die Barriere gegen
unerwünschte Krankheitskeime, heißt es in der „Schleim“-Ausstellung.
Auf Wikipedia schreiben die Autoren: „Der Abbau vom Schleim wird zwar mit
einer potenziellen krankheitserregenden Wirkung in Verbindung gebracht,
doch ist zu bedenken, dass dieses Glykoprotein im Dickdarm [und anderswo]
sehr häufig vorkommt und etwa die Hälfte des im menschlichen Dickdarm
vorkommenden Kohlenstoffs ausmachen kann. Daher können Mikroben, die dieses
komplexe Glykoprotein abbauen, auch als Symbionten mit dem Wirt leben.“
Halten wir fest: Der Schleimliebhaber ist unser Freund. Er zerlegt im
Schleim nützliche kurzkettige Fettsäuren wie Propion- und Essigsäure, die
für die Gesundheit wichtig sind. In Kotproben macht er etwa ein Prozent der
gesamten Zellen aus. Sein Problem ist: Er kann keinen Sauerstoff vertragen,
das heißt „die Art ist streng anaerob“. Deswegen bevorzugt sie unter
anderem den Darm als Lebensraum. Sie ist chemoorganotroph und benötigt
organische Stoffe zur Ernährung. „Der Stoffwechselweg ist die Gärung. Sie
nutzt Mucine als Nahrung und bildet hieraus Acetat, Propionat und Ethanol.“
Die Bakterien-Familie „Akkermansiaceae“ wurde 2012 von Brian P. Hedlund und
Muriel Derrien eingeführt. „In der Gattung Akkermansia sind mehrere Arten
vorhanden, wovon einige noch nicht vollständig beschrieben werden konnten.“
Die Bakterienart „ist in hohen Mengen (etwa 3 %) im erwachsenen Dickdarm
vorhanden, was sie zu einer der am häufigsten vorkommenden Darmspezies
macht. Darüber hinaus ist ‚A. muciniphila‘ in allen Altersgruppen zu
finden. In Fäkalproben von Erwachsenen, die an einer Reihe von Krankheiten
wie z. B. Fettleibigkeit und Diabetes leiden, ist ‚A muciniphila‘ kaum
vorhanden.“
Weiter heißt es auf Wikipedia: „Da das Bakterium die Produktion von Mucine
im Darm fördert, kann es den altersbedingten Mucinverlust abmildern und
damit die ‚Darmbarriere‘ fördern. So zeigte sich in Tiermodellen eine
Verbesserung des Immun- und Gesundheitszustands und eine höhere
Lebenserwartung. Eine weitere Studie zeigte, dass Akkermansia muciniphila
Depressionen durch Regulierung der Darmflora in einem Mausmodell lindert“ –
und noch so manches andere Leiden.
Deswegen darf es uns kaum verwundern, dass es diese Bakterien auch als
probiotisches Arzneimittel zu kaufen gibt, sogar zu „Schnäppchenpreisen“,
um damit die Darmflora zu verbessern. Aber bei jungen Mäusen half das
Bakterium auch bei einer akuten Lungenschädigung, bei
Leberfunktionsstörungen und Harnwegsinfekten, zudem fördert es die Balance
der vaginalen Flora.
4 May 2026
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(DIR) Helmut Höge
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