# taz.de -- Ostern im Libanon: „Das Gebet ist unsere Waffe“
> Christen im Libanon feiern das Osterfest unter israelischen Bomben,
> Drohnen, Kampfjets und Evakuierungsanordnungen.
(IMG) Bild: Immer wieder kommt es in diesen Tagen in und um Beirut zu Einschlägen und Zerstörung
Beirut taz | Im Hof vor der Beiruter Kirche „[1][Unsere Frau der Gaben]“
steht ein graues Auto, geschmückt mit Palmenblättern. Im offenen Kofferraum
stehen zwei Lautsprecher-Boxen, Männer machen einen Soundcheck mit
liturgischer Musik. Priester Charbel Chidiac steht daneben. Sie bereiten
die Karfreitags-Prozession der maronitisch-christlichen Kirche vor. Dabei
laufen die Gläubigen durch die Straßen, um der Kreuzigung Jesu zu gedenken.
Wegen des Kriegs wird die Strecke des Straßenumzugs dieses Jahr um die
Hälfte gekürzt, erklärt Chidiac. „In Zeiten wie diesen kann eine lange
Prozession riskant sein. Wir bevorzugen eine kurze Prozession um die
Kirche.“ Der 36-jährige Charbel Chidiac ist seit vier Jahren Priester der
Kirche im christlich geprägten Aschrafieh in Zentral-Beirut.
Die Kirche hat, wie ihre Gemeindemitglieder, viel Gewalt erlebt. Eine
Statue von Maria und Jesus soll während eines Gottesdienstes geweint haben,
bevor im Bürgerkrieg (1975–1990) die Syrer das Viertel beschossen und
zerstörten, erzählt der Priester. Die Fenster der rechten Seite des
Kirchenschiffs sind ein buntes Mosaik mit Szenen aus der Bibel. In den
Fenstern der linken Seite aber sind einfache Scheiben eingesetzt worden.
Die Fenster gehen zum Hafen raus und wurden bei der Explosion 2020 komplett
zerstört. Nun herrscht wieder Krieg.
Durch [2][israelische Luftangriffe und den Einmarsch mit Panzern und
Soldaten im Südlibanon] wurden bisher mindestens 1.422 Menschen getötet und
4.294 verletzt, zählt das libanesische Gesundheitsministerium.
Trotz der Gewalt und Unsicherheit ist die Kirche voll. Auch zusätzliche
braune Plastikstühle an den Seiten der Kirchen-Bänke reichen nicht aus.
Menschen stehen im Eingangsbereich während des Karfreitags-Gottesdienstes.
Weihrauch liegt in der Luft.
„Tatsächlich ist niemand in der Stimmung, Ostern zu feiern“, gibt der
Priester zu. „Aber wir integrieren das, was wir erleben, in unsere Gebete.
Das Gebet ist die einzige Waffe, die wir haben.“ Gewalt mit Gewalt zu
verteidigen, führe in den Abgrund.
Die Gemeindemitglieder Zeina und Amal lesen während des Gottesdienstes die
Geschichte der Kreuzigung Christi aus der Bibel vor. „Wir weigern uns, aus
Angst vor Drohnen oder Sicherheitsbedenken zu Hause zu bleiben“, sagt Amal.
Sie verweist stolz darauf, dass ihr Name „Hoffnung“ bedeutet. Beide Frauen
beschreiben, dass ihnen der Glaube Hoffnung schenkt. „Ohne Glauben ist der
Mensch leer und lebt in ständiger Angst“, sagt Zeina. Von der Politik ist
sie ernüchtert. Sie glaubt nicht an eine politische Lösung für die Krisen
im Libanon: Wirtschaftskrise, Korruption, Krieg. „Weder bedeutende
Persönlichkeiten, noch Politiker, noch Präsidenten von außerhalb oder
innerhalb können das Land retten.“ Der Glaube helfe ihr, mit all dem
klarzukommen, standhaft zu bleiben. „Ich möchte betonten, dass insbesondere
die Menschen im Süden ihren großen Glauben bewahren.“
Tausende Christen harren noch immer in Dörfern im Südlibanon aus. Wegen der
israelischen Invasion zog sich die libanesische Armee aus dem Grenzgebiet
zurück. Israel hatte Massenevakuierungswarnungen ausgegeben – und droht,
die Bevölkerung nicht zu schützen. Einwohner der christlich geprägten
Ortschaften Rmeich, Ain Ebel und Debel berichten, ihre Dörfer seien von
israelischen Soldaten umzingelt. Bei Pressekonferenzen betonten
Bürgermeister und Kirchenoberhäupter, ohne Waffen standhaft zu bleiben.
In seiner Predigt redet Chidiac über die Erlösung und Vergebung der Sünden
durch den Tod Jesu am Kreuz. Die Bedeutung ginge verloren, wenn Menschen
ihre Sünden – wie Zorn, Spott, Diebstahl oder Mord – als normal
betrachteten.
Für die Menschen im Beiruter Stadtteil Aschrafieh sind israelische Drohnen,
Raketen, laute Überschallknalle und Bombardierungen in der Stadt normal
geworden. „Das ist sehr erniedrigend, wenn eine Bevölkerung daran gewöhnt
ist“, sagt Chidiac. „Es ist nicht normal, dass eine Militärdrohne über
einem fliegt, dass Raketen über die Köpfe von Zivilisten hinweg fliegen.“
Das sei eine Verletzung der Menschenwürde. „An diesem Punkt sind wir in
unserer Menschlichkeit angekommen: Das ausländische Militär verhängt die
Todesstrafe. Sie schicken eine Drohne, die den Menschen tötet.“
Trotz Härte, Ungerechtigkeit und ungewisser Zukunft predigt Chidiac: „Seid
Liebe!“. Er schließt die Predigt mit den Worten: „Glauben wir nicht, dass
Gewalt Gutes bewirken kann. Der Herr lehrte uns, dass nur die Liebe uns
retten kann.“
„Jeder betet für Frieden“, sagt der Priester. Friede sei die Grundlage für
eine hoffnungsvolle Zukunft. „Wenn wir hier in der Gemeinde etwas
organisieren, wie gestern die Osterfeier für die Kinder, sieht man, dass
alle Angst haben. Ohne Frieden kann man kein Projekt angehen, nichts
verbessern.“
Für Gina, Mutter von drei Kindern, wird es ein kleineres Osterfest als
sonst. Ihr 20-jähriger Sohn studiert in Zypern. „Normalerweise kommt er zu
Ostern. Aber wir haben entschieden, dass es wegen der aktuellen Lage nicht
sicher für ihn ist“, erklärt sie traurig. „Wir wissen nicht, ob der
Flughafen geschlossen wird oder nicht. Und wenn er käme, könnte er seine
Freunde auf keinen Fall sehen. Es wäre gefährlich für ihn, auszugehen.“ Sie
selbst sei in die Kirche gekommen, passe aber auf, auf welche Straße sie
entlanggehe. „Ich kann nicht sagen, dass es sicher ist. Nirgendwo in Beirut
ist es mehr sicher. Aber in manchen Gegenden ist es sicherer als in
anderen.“
Als die Prozession losgehen soll, springt der Motor des geschmückten
Fahrzeugs nicht an. Die Gemeinde läuft eine Runde im Viertel, singend, ohne
Lautsprecher, dafür mit dem Dröhnen einer israelischen Militärdrohne am
Himmel.
5 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://maps.app.goo.gl/Wcr9V67bLYSkbv7RA
(DIR) [2] /Krieg-im-Libanon/!6167782
## AUTOREN
(DIR) Julia Neumann
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
(DIR) Libanon-Krieg
(DIR) Ostern
(DIR) Libanon-Krieg
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
(DIR) Libanon-Krieg
(DIR) Schwerpunkt Iran-Krieg
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Waffenstillstand zwischen Iran und USA: Rauchsäulen über Beirut
In Libanon geht der Krieg mit voller Wucht weiter. Israels Armee spricht
von der größten Angriffswelle seit Anfang März.
(DIR) Krieg im Libanon: Sinnlose Zerstörung
Israel verkündet Pläne zur langfristigen Vertreibung der Bevölkerung aus
dem Südlibanon und zu dessen militärischer Besatzung – auch nach
Kriegsende.
(DIR) Krieg im Libanon: Israel will Grenzgebiet im Südlibanon unbewohnbar machen
In den Dörfern nahe der gemeinsamen Grenze sollen alle Häuser zerstört
werden, so Verteidigungsminister Katz. Das Ziel seien Verwüstungen wie im
Gazastreifen.
(DIR) Jemens Huthis und der Irankrieg: Wie eine einzige Rakete den Welthandel beeinflusst
Jemens proiranische Huthi-Machthaber haben mit ihrer Rakete auf Israel eine
neue Front im Irankrieg angedeutet. Wird das Rote Meer zur Kriegszone?