# taz.de -- Fotoarbeit von Jan Kraus: In Uniform
> Wie sieht es bei Menschen, die eine Uniform tragen, Zuhause aus? Der
> Berliner Fotograf Jan Kraus hat Staatsbedienstete im privaten Umfeld
> porträtiert.
taz: Herr Kraus, wie sind Sie auf die Idee für Ihre Fotoserie „In Uniform“
gekommen?
Jan Kraus: Ich wollte mich mit Staatlichkeit beschäftigen. Die visuell
abzubilden ist nicht so einfach. Gebäude waren mir zu abstrakt, also
näherte ich mich den Menschen, die sie repräsentieren, in ihren Uniformen.
Sie machen den Staat sofort sichtbar: Autorität, Ordnung, Gewaltmonopol.
Gleichzeitig wollte ich genau dieses Bild brechen. Deshalb habe ich die
Leute in ihrem privaten Zuhause fotografiert.
taz: Wie haben Sie die Menschen gefunden?
Kraus: Am Anfang über persönliche Kontakte, später über Empfehlungen und
soziale Netzwerke. Ein paar standen auch schon mal in der Öffentlichkeit,
die [1][Bundeswehroffizierin und trans Frau] [2][Anastasia Biefang] oder
die Afghanistan-[3][Veteranin Annika Schröder] zum Beispiel. Am Anfang habe
ich viele Absagen bekommen, teilweise ist es auch an den Behörden
gescheitert. Bei einem Berliner Polizisten zum Beispiel hatten zwei
Instanzen die Bilder bereits freigegeben, aber dann hat am Ende die
Pressestelle ihr Einverständnis verweigert. Das zeigt auch das Maß an
Fremdbestimmung durch den Staat, mit dem Staatsbedienstete leben müssen.
taz: Sie haben vor dem Fotografieren immer erst ein langes Gespräch
geführt. Was haben die Menschen Ihnen erzählt?
Kraus: Ich wollte verstehen: Wer sind die Menschen im Staatsdienst? Warum
entscheiden sie sich dafür? Allen ging es in erster Linie darum, dass sie
unser Grundgesetz und unsere Freiheit verteidigen wollen. Als weiterer
Grund wurde Zugehörigkeit genannt. Für einige sind die Kolleg:innen wie
eine Ersatzfamilie. Und die behördlichen Strukturen geben manchen Halt.
Andere wiederum empfinden die starken Hierarchien und bürokratischen
Strukturen als belastend.
taz: Gab es etwas, das Sie besonders überrascht hat?
Kraus: Dass viele gesellschaftliche Themen – wie Zugehörigkeit, Identität
oder Rassismus – auch innerhalb von Polizei oder Bundeswehr verhandelt
werden. Ein Mitglied der Bundeswehr mit türkischem Hintergrund etwa hat mir
erzählt, wie sehr ihn die Aussage von Bundeskanzler Merz zum Stadtbild
getroffen hat. Insgesamt hat mich überrascht, wie viele diverse,
progressive und reflektierte Personen ich getroffen habe. Das entspricht
nicht unbedingt dem Bild, das viele im Kopf haben.
taz: Die Serie wurde bereits ausgestellt, in einem Magazin und auch in
sozialen Medien veröffentlicht. Wie waren die Reaktionen?
Kraus: Viele reagierten emotional oder irritiert. Ein Beispiel: Auf
LinkedIn habe ich das Foto eines Paares in Bundeswehruniformen gepostet,
sie trugen beide keine Schuhe. Die Soldatin wurde in den Kommentaren stark
dafür kritisiert. Ihr wurde sogar die Kompetenz abgesprochen. Das zeigt
neben der Frauenfeindlichkeit, wie stark die Erwartungen an Uniform und
Auftreten sind – und wie provozierend es sein kann, sie zu durchbrechen.
Leute aus der linken Bubble wiederum werfen mir teilweise vor, ich würde
mit meiner Arbeit Werbung für Polizei und Bundeswehr machen. Es gab aber
auch ganz neutrale Beobachtungen. Zum Beispiel, dass Jurist:innen oft in
Altbauwohnungen wohnten oder viele Polizist:innen Tische mit Beinen aus
Metall besaßen.
taz: Wie hat sich Ihr eigener Blick auf den Staatsdienst durch diese Arbeit
verändert?
Kraus: Ich habe ein differenzierteres Verständnis als zuvor. Ich bin in der
Nähe einer Polizeischule in Bayern aufgewachsen und wurde als Jugendlicher
oft von Polizisten kontrolliert. Das hat viel Misstrauen gesät. Themen wie
Gewalt oder Rechtsextremismus zahlten zusätzlich ein. Aber nach all den
Begegnungen kann ich besser nachvollziehen, wer die Menschen hinter den
Uniformen sind und warum sie diesen Weg wählen – auch wenn ich ihre Berufe
nicht ausüben möchte. Staatlichkeit ist etwas Abstraktes, das aber durch
Menschen in Uniform doch konkret wird. Ich glaube, darin liegt auch die
Spannung der Serie.
[4][Jan Kraus], Jahrgang 1985, wurde an der Berliner Ostkreuzschule für
Fotografie ausgebildet. Er lebt und arbeitet in Berlin. 2023 begann er, für
die Serie „In Uniform“ zu fotografieren. Er hat insgesamt 31 Personen im
Staatsdienst porträtiert. Die Arbeit erscheint [5][als Buch am 27. Mai 2026
im Verlag Kettler.] Vom 20. bis 29. Juni wird sie im Studio Trouble in
Berlin ausgestellt.
18 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /trans-Personen-in-der-Bundeswehr/!5830976
(DIR) [2] /Biefang-legt-Verfassungsbeschwerde-ein/!5888226
(DIR) [3] https://www.tagesschau.de/investigativ/panorama/bundeswehr-ptbs-veteranen-100.html
(DIR) [4] http://jan-kraus.com/
(DIR) [5] https://www.verlag-kettler.de/de/buecher/uniform/
## AUTOREN
(DIR) Nora Belghaus
## TAGS
(DIR) Bildwelten
(DIR) wochentaz
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Fotobuch
(DIR) Bildwelten
(DIR) Berlin-Neukölln
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Deutsches Erbe in Schlesien: Spuren der Zeit
Deutsche Inschriften an Gebäuden waren in Schlesien früher allgegenwärtig.
Eine Ausstellung im Schlesischen Museum Görlitz geht auf Spurensuche.
(DIR) Kollektiv-Fotobuch „Love“: An die Halsbeuge gedrückt
Wie lassen sich Momente der Liebe einfangen? Das Kollektiv
Femxphotographers sagt: in all ihrer Komplexität. Und zeigt 25 Perspektiven
auf „Love“.
(DIR) Fotoarbeit zu japanischer Subkultur: Harte Schale, samtiger Kern
In Japan motzen LKW-Fahrer ihre Trucks so auf, dass sie wie Raumschiffe
aussehen. „Dekotora“ heißt das Phänomen. Die Fotografin Louise Mutrel hat
es dokumentiert.
(DIR) Neuköllner Mythos: Uh, du bist so Sonnenallee
Sie ist eine Straße der Projektionen, sie ist immer das, von dem du denkst,
dass sie es nicht ist: die Sonnenallee. Eine Betrachtung in Wort und Bild.