# taz.de -- NSU-Prozess in Dresden: Irgendwie blöd gelaufen
> Im Dresdner NSU-Prozess berichtet ein Ermittler, wie er die Terroristin
> Zschäpe vernahm. Er nennt einen Grund, warum es lange dauerte, bis es zu
> einem Verfahren kam.
(IMG) Bild: Löst sich die Anklage in Luft auf? Susann Eminger vor Gericht in Dresden
Beate Zschäpe ist eine Meisterin darin, mit vielen Worten wenig zu sagen.
Schon 2023 traf sich die [1][die Rechtsterroristin, die wegen der
rassistischen Mordserie] des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) eine
lebenslange Gefängnisstrafe absitzt, 5 Tage lang mit Beamt*innen des
Bundeskriminalamts. Sie gab sich auskunftsbereit und reumütig. Doch
verraten hat die heute 51-Jährige kaum etwas, das nicht schon vorher
bekannt gewesen wäre.
„Es gibt offenbar noch Wissen von ihrer Seite“, sagte ein leitender
Ermittler, der sie damals vernommen hatte, am Mittwoch im Dresdner
Oberlandesgericht. [2][Zschäpe war hier als Zeugin in einem Verfahren gegen
Susann Eminger geladen,] die zu der Zeit, als das NSU-Trio in Zwickau im
Untergrund lebte, ihre beste Freundin war. In dem Prozess geht es darum,
doch noch eine Person aus dem weiten Helfernetzwerk des NSU dingfest zu
machen.
Konkrete Fragen zu den Morden an neun migrantischen Männern und einer
Polizistin, die der NSU zwischen 2000 und 2007 beging, habe Zschäpe nicht
beantwortet, sagte der Ermittler nun. „Über ihren Anwalt hat sie
mitgeteilt, dass sie diese Tür nicht aufmachen könne. Dass es da mehr
Wissen gebe, aber dass sie das erst psychologisch in der JVA aufarbeiten
müsse.“ Der BKA-Beamte nannte das „unbefriedigend“.
Zschäpe ist 2018 im Münchner NSU-Prozess zusammen mit vier Unterstützern
der neonazistischen Mordbande verurteilt worden. Nun muss sich Susann
Eminger dafür verantworten, dass sie Zschäpe und ihren NSU-Kameraden Uwe
Mundlos und Uwe Böhnhardt geholfen haben soll, jahrelang ein Leben unter
falschen Identitäten in Zwickau zu führen. So nutzte Zschäpe die
Krankenkassenkarte der Freundin und besaß Bahncards auf deren Namen, aber
mit dem eigenen Foto.
## Wie viel wusste Susann Eminger über die Morde?
Und: Die Angeklagte soll Zschäpe und Böhnhardt zur Abholung jenes
Wohnmobils gefahren haben, das Mundlos und Böhnhardt für den
Sparkassenüberfall am 4. November 2011 in Eisenach nutzten – [3][und in dem
sie sich schließlich selbst töteten, weil ihnen die Polizei auf den Leib
rückte.] Neben den Morden hatte der NSU 15 Raubüberfälle sowie drei
rassistisch motivierte Sprengstoffanschläge begangen, am verheerendsten
2004 mit 22 Verletzten in der Kölner Keupstraße.
Die Bundesanwaltschaft wirft Susann Eminger die Unterstützung einer
terroristischen Vereinigung vor. Strittig ist dabei weniger, ob die heute
44-Jährige dem NSU-Kerntrio geholfen hat: Dass die Zwickauerin und ihr
bereits im Münchner Prozess verurteilter Mann André Eminger die engsten
Vertrauten der drei untergetauchten Neonazis waren, konnte bereits kurz
nach der Selbstenttarnung der Terrortruppe als erwiesen gelten. Die
Kernfrage, die der Dresdner Staatsschutzsenat beantworten muss, lautet
vielmehr: Wie viel wusste die Angeklagte von den mörderischen Taten des
NSU?
Dass Susann Eminger mit so vielen Jahren Verspätung doch noch angeklagt
wurde, ließ vermuten: Zschäpe, die ihre Freundin sowohl im Münchner Prozess
als auch 2023 bei ihrer Aussage vor dem bayrischen
NSU-Untersuchungsausschuss immer in Schutz genommen hatte, müsse in der
BKA-Vernehmung irgendetwas Belastendes gesagt haben. Spätestens nach dem
Auftritt des Vernehmungsbeamten im Dresdner Prozess steht jedoch fest: Das
hat sie keineswegs.
Wie der BKA-Beamte berichtete, will Zschäpe der Angeklagten zwar irgendwann
einmal gebeichtet haben, dass das Trio sein Leben im Untergrund mit
Banküberfällen finanzierte. Auch die vielen Waffen, die die
NSU-Terrorist*innen in ihrer Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße
lagerten, habe Susann Eminger wohl gesehen. Aber von den Morden habe sie
nichts gewusst. Ziemlich genau das hatte Zschäpe auch erzählt, als sie im
Dezember und Januar an drei Tagen als Zeugin im Dresdner
Hochsicherheitssaal aussagte.
Aber was war dann der Auslöser, dass die Bundesanwaltschaft im Februar 2024
überraschend entschied, Susann Eminger anzuklagen? Und sie damit aus dem
Heer der vielen nie belangten NSU-Unterstützer*innen hervorzuheben? Glaubt
man dem Ermittler: nichts. Es habe nur alles etwas länger gedauert. Anders
ausgedrückt: blöd gelaufen.
Erst hätten die bereits 2012 eingeleiteten Ermittlungen gegen die
Zschäpe-Vertraute „nicht erste Priorität“ gehabt, weil die Verfahren gegen
die inhaftierten und später angeklagten Hauptverdächtigen Vorrang gehabt
hätten. Dann habe man den Ausgang des Münchner Prozesses abwarten wollen,
von dem „niemand geahnt“ habe, dass er fünf Jahre dauern würde.
Als das Urteil 2021 rechtskräftig war, klopfte das BKA erstmals bei Zschäpe
an, doch die Rechtsterroristin lehnte eine Vernehmung ab – es sei für sie
„zu emotional“, sich ihren Taten noch einmal zu stellen. Erst zwei Jahre
später dachte sie um, wohl mit Blick auf die 2026 anstehende Entscheidung
des Münchner Oberlandesgerichts, wie lange sie mindestens noch in Haft
bleiben muss.
„Es ist nicht so gewesen, dass das Verfahren im Schrank geschlummert hat“,
beteuerte der BKA-Beamte. Wie der Prozess für Susann Eminger ausgehen wird,
lässt sich nicht absehen. Nur eines scheint sicher: Sollte sie verurteilt
werden, dürfte sie allein schon wegen der überlangen Verfahrensdauer mit
einem satten Strafrabatt rechnen können.
1 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Joachim F. Tornau
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