# taz.de -- Psychobilly-Festival in Stadtlohn: Die Tolle ist sehr weit hochgeföhnt
> Das aus England herübergewehte Psychobilly hat in Westdeutschland
> erstaunlich treue Fans. Ein Ortstermin. Mit einem Seitenblick auf Klaus
> Theweleit.
(IMG) Bild: Mark „Sparky“ Philips, Sänger von Demented Are Go, gibt den Bürgerschreck. Für viele in Stadtlohn ging ein Traum in Erfüllung
Stadtlohn, eine westfälische Kleinstadt mit 17.000 Einwohnern liegt nahe
der niederländischen Grenze. Die in New York lebende Jazz-Saxophonistin
Ingrid Laubrock kommt von hier, sowie Bernd Rothmann, eine zentrale Figur
der Wiedertäufer. Der US-Kulturkritiker Greil Marcus stellt in seinem
berühmten Essay [1][„Lipstick Traces“] die Vermutung an, dass Wiedertäufer
die erste Subkultur gewesen sein könnten.
Über Jahrzehnte profitierte die Kleinstadt und ihre Menschen seit den
1960ern vom wirtschaftlichen Erfolg einer großen Möbelfabrik, die jedoch
vor wenigen Jahren in Konkurs ging. Es gab in der Region genügend
mittelständische „Hidden Champions“, um die Pleite strukturell aufzufangen.
Das Ruhrgebiet ist auch nicht weit und die Anschlussstelle
„Gescher/Coesfeld“ der Emslandautobahn A31 liegt nur wenige Kilometer
entfernt.
Ausgerechnet in dieser katholischen Diaspora gibt es seit den späten
1980er-Jahren ein überaus interessantes subkulturelles Phänomen zu
beobachten: Stadtlohn hat eine der größten und aktivsten Psychobilly-Szenen
in ganz Europa.
Vor wenigen Tag fand im örtlichen Festsaal des ehemaligen Kolpinghauses
„Kettlerhaus“ das „2. Stadtlohner Billyfest“ statt. Wie der Titel schon
andeutet, gab es Psychobilly-Bands zu bestaunen, aber zur Abwechslung auch
Ska, etwa von der Gute-Laune-Kapelle SKAOS aus dem schwäbischen Krumbach.
Die eigentliche Sensation des Abends war jedoch ein Auftritt der 1982
gegründeten walischen Psychobilly-Kultband Demented Are Go, die zum ersten
Mal in Stadtlohn spielte. Für viele im Saal ging an diesem Abend ein Traum
in Erfüllung.
## Klub Foot in Hammersmith
Psychobilly entstand als Jugendkultur in den 80er-Jahren in England, die
Szene rund um den berüchtigten „Klub Foot“ im Londoner Stadtbezirk
Hammersmith gilt als Keimzelle. Psychobilly heißt so, weil es eine punkig
verzerrte, schnellere Version von [2][US-Rockabilly,] dem ländlichen harten
countryfizierten Rock'n'Roll der 1950er ist. Psychobillys tragen gerne eine
auffällige „Flat“-Frisur – eine Art hochgeföhnter und mit Haarspray
fixierter Teddy-Tolle – sowie mit Domestos gebleichte Jeans. Dazu
Baseballjacken und Doc Martens, am besten mit Stahlkappen: Man weiß ja nie.
Der Psychobilly-Sound ist laut und hart – der für die Musik typische
Kontrabass wird schnell und perkussiv mit einer speziellen Slap-Technik
bespielt. Der Berliner Musiker [3][Brezel Göring] (Stereo Total) stellte
einmal die steile These auf, dass sich Psychobilly womöglich zu einer viel
größeren globalen Jugendkultur entwickelt hätte, wenn nicht zur gleichen
Zeit Acid-House mit einer ähnlichen Energie und Monotonie entstanden wäre.
In Stadtlohn hingegen ist Acid House nie angekommen.
Es gibt eine Londoner Band namens The Meteors um den Sänger und Gitarristen
P. Paul Fenech, die bereits Anfang der 80er-Jahre mit ihrem Claim „Only The
Meteors Are Pure Psychobilly“ den Anspruch erhob, die einzig wahre
Psychobilly-Band auf diesem Planeten zu sein. Ihre Fans nannten sich
„Wrecking Crew“ und waren für ihr martialisches Auftreten berüchtigt. Um
Demented Are Go versammelte sich ebenfalls eine eingeschworene Fangemeinde,
die der Meinung war, dass nur ihre Band die einzig überzeugende dieser
Subkultur-Strömung sei. Ihre Fans nannten sich „Demon Teds“.
Lange Zeit buchte kaum ein Festivalveranstalter diese beiden Bands
zusammen, da sich die verfeindeten Lager in Fußball-Hooligan-Manier
gegenseitig die Köpfe einschlugen. Es war durchaus riskant, auf einem
Konzert von Demented Are Go mit einem T-Shirt der Meteors aufzulaufen – und
umgekehrt. Und ja, das alles ist gerade mal 30 Jahre her.
## Hauerei-Folklore verschiedener Jackengruppen
Die Stadtlohner Psychobilly-Szene, die heute samt Anhang gut 40 Köpfe
zählt, entschied sich in den späten 80er-Jahren, sich den Demon Teds
anzuschließen. So prügelten sie sich damals nicht nur gerne mit Fans der
Meteors, sondern auch mit B-Boys, Punks, Poppern und den „bäuerlichen
Normalo“-Vokuhilas in der Westfälischen Tiefebene.
Im Kettlerhaus haben sich an diesem Frühlingsabend gut und gerne 400 Leute
versammelt, das Konzert ist ausverkauft. Viele sind aus der Umgebung
angereist, sogar ein Paar aus Seattle soll anwesend sein. Ein
Ex-Psychobilly mit dem Spitznamen „Kröte“ ist extra aus Granada eingeflogen
– er sieht heute eher aus wie ein US-Biker aus dem Spielfilm „Easy Rider“.
Aber auch viele „Regulars“ von befreundeten Kegelclubs sind anwesend.
Das Durchschnittsalter dürfte, wie auch bei den Veranstaltern, bei Mitte 50
liegen. Laut aktuellen Statistiken der Pop-Marktforschung entdecken
Menschen heute bis zum 30. Lebensjahr neue Musik – die meisten im Saal
haben seit den 90er-Jahren wohl keine lebensverändernden Klänge mehr für
sich entdeckt. Vor allem die Aufnahmen aus den späten 1980ern sind bis
heute umkultet: Songs von Bands wie Frenzy, Guana Batz, Batmobile und eben
Demented Are Go.
Einige Psychobillys tragen zur Feier des besonderen Abends liebevoll
gestylte Flats, doch die meisten präsentieren vor allem frisch gebügelte
Fan-Shirts. Das Demented-Logo ist allgegenwärtig. Im Eingangsbereich hat
ein Händler seinen Stand aufgebaut: Vinyl und Merchandising. „Psychobilly
ist teurer als Punk!“, sagt Hütze, selbst Sänger einer Punkrock-Band und
gelernter Malermeister.
## Rechtschaffene Psychos
Die Psychos hier im Saal – zu neunzig Prozent männlich – stehen fest im
Leben. Sie arbeiten im Handwerk, in der Industrie oder als Anwälte. Sie
haben Familien gegründet und sind das, was man zu Adenauers Zeiten
„rechtschaffene Bürger“ genannt hätte. Sie können sich dieses extravagante
Vergnügen leisten und besitzen offenbar genügend Organisationstalent, um
einen solchen Abend logistisch auf die Beine zu stellen.
Sparky, der Sänger von Demented Are Go, inzwischen über 60 Jahre alt und
letztes verbliebenes Originalmitglied, gibt verlässlich den Bürgerschreck.
Mit blau gefärbtem Flat und Zombie-Make-up steht er im ehemaligen
Kolpinghaus im Scheinwerferlicht und singt von schmutzigem Sex, abgründigen
Obsessionen, Drogenexzessen und ruinöser Spiritualität.
In einer Zeit, in der „Eis am Stiel“ im Kino endlos lief und
Retro-Schmuserocker wie Shakin’ Stevens eher die schmalzigen Lieblinge von
Schwiegermüttern waren, verkörperten die Psychobillys deren Albtraum.
Zombies, Vampire und andere unheimliche B-Movie-Horrorwesen dominierten
ihre Cover und Poster.
Die US-Band The Cramps, die sich Mitte der 70er in einem Apartement an der
Lower East Side von New York gründete, stand Pate für das, was sich wenig
später in London entwickelte. Ihr Faible für B-Movies, Trash-Kultur und
obskure Rockabilly-Stotter-und-Schluckauf-Sänger wie Hasil Adkins oder den
Flintstone-R&B der Sonics prägte das Genre. Deren Song „Psycho“ von 1966
hat für viele Psychobilly-Fans bis heute hymnischen Charakter, auch wenn
die Sonics eher als Proto-Punk- denn als Prä-Psychobilly-Band gelten. Aber
ein Großteil der '77er-Punk-Bewegung hing bekanntlich genauso in der
Blues-Pentatonik fest, wie die unterschiedlichen Billy-Bands.
## Theweleits abwesende Väter
Warum diese Geister der „Rock & Roll Hauntology“ ausgerechnet in der
erzkatholischen Enklave des Münsterlandes hängen blieben, bleibt auch an
diesem Abend ein Geheimnis. Ein Erklärungsversuch: Stadtlohn war einst eine
Nazi-Hochburg. Folgt man Klaus Theweleits „Männerphantasien“, glänzten die
traumatisierten Väter und Großväter nach 1945 vor allem durch emotionale
Abwesenheit. Die Jugendlichen flüchteten sich früh in Saufexzesse und ganz
offensichtlich eignete sich der Psychobilly-Sound hervorragend zum
euphorischen Aggressionsabbau.
Die Gang-Mentalität, abgeschaut aus US-Coming-of-Age-Filmen wie „The
Wanderers“, stiftete Zusammenhalt. Eine Gruppe zur Bewältigung des
alltäglichen Wahnsinns – kollektive Verdrängung der NS-Zeit inklusive,
narkotisiert durch Doppelkorn und Frankfurter Kranz. Die ersten
Psychobilly-Songs kamen wahrscheinlich über den Club „Fabrik“ in Coesfeld
nach Stadtlohn, wo man schon Ende der 1980er allen Krach von Post-Punk über
EBM bis Psychobilly spielte.
Der Aggressionsabbau funktioniert auch heute noch, wobei das Publikum
inzwischen einen recht entspannten Eindruck macht. Man befindet sich
schließlich auf einer Ü-50-Party. Hier reißt sich niemand mehr beim Pogo
das T-Shirt vom Leib, um stolz seine Tattoos zu zeigen – Tattoos trägt
heute ohnehin jeder Fußballprofi. Zudem sind einige der inzwischen
erwachsenen Kinder anwesend.
Trotz aller Brutalität ging es früher durchaus „sportlich“ zu: Wer zu Boden
stürzte, dem wurde sofort aufgeholfen – ähnlich wie heute in der „Wall of
Death“ großer Rockkonzerte. Die Psychos fühlten sich in ihren Gangs jedoch
immer als exklusiver Zirkel, als echte „Digger“. Psychobilly läuft bis
heute nicht im Dudelfunk und die Gefahr, dass Spotify einem eine solche
Band in die Playlist spült, ist gering – auch wenn The Cramps mit „Goo Goo
Muck“ durch die Serie „Wednesday“ kürzlich viral gingen. Doch die Cramps
distanzierten sich früh von der europäischen Szene, und diese Szene sich
von ihnen.
## Bizarres Mash-Up mit lustiger Zigarette
Als Zugabe spielen Demented Are Go an diesem denkwürdigen Abend ihre
Version von Gene Vincents „Be-Bop-A-Lula“ aus dem Jahr 1956. Sänger Mark
„Sparky“ Philips wechselt gegen Ende in den Chorus von „Have a Marijuana“
von David Peel and the Lower East Side (1968) – eine echte Hippiehymne,
unterlegt mit hartem Slapbass. Dieses bizarre Mash-up passt erstaunlich gut
zum Zustand der Welt im Jahr 2026.
Wirklich bekifft waren an diesem Abend sicher nur wenige, aber – wie fast
immer bei Festivitäten in dieser Region – waren am Ende viele
stockbesoffen. Am Montag kehren sie alle brav in ihre bürgerlichen Berufe
zurück. Denn wie sagten schon ihre Väter, die am Feierabend gern mal einen
über den Durst tranken: „Wer saufen kann, der kann auch arbeiten!“
Das ehemalige Kolpinghaus soll übrigens demnächst in Altenwohnungen
umgewandelt werden. Für das „3. Skabilly-Fest“ wird man vielleicht in die
Stadthalle ausweichen müssen – sofern deren statische Baumängel bis dahin
behoben sind. Vielleicht sollte die Kommune Stadtlohn einfach die alte
Psychobilly-Gang um Hilfe bei der Planung bitten, statt eine teure
Ausschreibung zu beschließen.
Der Autor dieser Zeilen hat bis zu seinem 20. Lebensjahr in Stadtlohn
gelebt.
11 Apr 2026
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