# taz.de -- Expertin zu sexualisierter Gewalt: „Wir holen die Erfahrung aus dem kleinen Bildschirm heraus“
       
       > Yasmina Ramdani arbeitet an Schulen in Thüringen zu digitaler
       > sexualisierter Gewalt. Sie erlebt viel Naivität – nicht nur bei
       > Schüler:innen.
       
 (IMG) Bild: Wenn schon die Eltern keine Ahnung haben, wie sollen es dann die Kinder hinbekommen?
       
       taz: Fast jede:r zweite Jugendliche erlebt online sexualisierte Gewalt.
       Diese Zahl stammt aus einer kürzlich veröffentlichten Sonderauswertung der
       Jugendsexualitätsstudie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit. Wie
       gefährlich ist das Netz für Kinder und Jugendliche? 
       
       Yasmina Ramdani: Kinder sind nur so gut geschützt, wie ihr Umfeld
       vorbereitet ist. Setzen sich die Eltern damit auseinander, sprechen sie mit
       ihren Kindern darüber und achten sie darauf, sinnvolle Einstellungen
       vorzunehmen? Natürlich brauchen Kinder auch eigene Erfahrungsräume. Doch
       wenn die Nutzung nicht durch Erwachsene begleitet wird, öffnet das
       letztlich die Tür für all das, was online eben passieren kann.
       
       taz: In einem dreijährigen Modellprojekt führten Sie Präventionstage für
       sexualisierte digitale Gewalt an Schulen im Land Thüringen durch – und
       besuchten rund 5.000 Kinder und Jugendliche von der fünften bis zur achten
       Klasse. Wie erreicht man Schüler:innen mit diesem Thema? 
       
       Ramdani: Es geht immer erst um Mediennutzung allgemein: Welche Apps nutzen
       sie, wie sind die altersmäßig eingeordnet? Dabei berichten die
       Schüler:innen oft schon von Erfahrungen digitaler Gewalt. Der rote
       Faden, der sich durch den Workshop zieht, sind Präventionsbotschaften:
       „Dein Gefühl ist richtig und wichtig“, „Du darfst Nein sagen“, „Digitale
       Gewalt ist auch Gewalt“.
       
       taz: Welche Methoden nutzen Sie, um Gespräche über sexualisierte digitale
       Gewalt zu eröffnen? 
       
       Ramdani: In einer Methode arbeiten wir mit einem Bingo-Zettel, über den wir
       Erfahrungen abfragen: Wer hat Tiktok? Wer hat über 200 Kontakte? Wer hat
       schon einmal ein Nacktbild verschickt? Dann erklären wir Begriffe: etwa
       Kinderpornografie, Bodyshaming oder Dickpics. In unserem Projekt geht es
       darum, Erfahrungen aus der digitalen Welt in die analoge zu übertragen und
       sie dadurch besprechbar zu machen. Dabei wird deutlich, dass diese Form der
       Gewalt viel verbreiteter ist, als viele zunächst annehmen. Gleichzeitig
       fehlt häufig ein Zugang, um darüber zu sprechen, die eigenen Erfahrungen
       einzuordnen und zu erkennen, dass man damit nicht allein ist.
       
       Dann schauen wir uns Beispiele echter Nachrichten an, in denen etwa
       Nacktbilder gefordert werden unter emotionaler Erpressung. In solchen
       Momenten wird den Jugendlichen bewusst, wie heftig die Nachrichten sind,
       die sie oder andere alltäglich bekommen. Und wir holen diese Erfahrungen
       aus dem kleinen Bildschirm heraus und machen sie besprechbar. Es ist schon
       die halbe Miete in der Präventionsarbeit, wenn Erwachsene sich mit Kindern
       und Jugendlichen hinsetzen und ihren Erfahrungen Raum geben. [1][Worum es
       eigentlich geht, ist, dass Kinder nicht mit ihren Erfahrungen alleine
       bleiben müssen und es Hilfe für sie gibt.]
       
       taz: Eine Form von sexualisierter digitaler Gewalt ist Cybergrooming. Täter
       nähern sich per Chat Kindern und Jugendlichen an, etwa über Komplimente.
       Nach und nach entwickeln sich die Nachrichten zu sexueller Belästigung und
       Missbrauch. Fast ein Viertel der Minderjährigen gab 2025 an, Cybergrooming
       erlebt zu haben. Inwiefern erzeugt das Internet neue Formen sexualisierter
       Gewalt? 
       
       Ramdani: Es eröffnet Tätern Zugänge, die sie im analogen Leben nie hätten.
       Gerade beim Cybergrooming sehen wir, dass sie in einer ganz anderen
       Größenordnung agieren können. Viele Kinder erkennen solche Situationen und
       haben ein ungutes Bauchgefühl. Doch zur Strategie der Täter gehört es eben,
       so lange weiterzumachen, bis ein Kind reagiert – oft eines, das genau die
       passenden Risikofaktoren mitbringt. Bei diesen Kindern und Jugendlichen
       kann schnell der Eindruck entstehen: „Endlich interessiert sich jemand für
       mich.“
       
       taz: Viele sexualisierte Grenzverletzungen passieren auch innerhalb von
       Freundesgruppen oder Klassenchats. 
       
       Ramdani: Ja, im Kinder- und Jugendbereich ist sexualisierte digitale Gewalt
       oft von Naivität geprägt. Viele wollen einfach dazugehören oder lustig sein
       und sind sich gar nicht darüber bewusst, welche Kaskade das nach sich
       ziehen kann. Sie wissen nicht, dass sie schon mit einem weitergeleiteten
       Nacktbild unter Umständen eine Straftat begehen. Die Frage ist auch: Woher
       sollen Kinder und Jugendliche das wissen, [2][wenn es selbst Erwachsene
       nicht richtig hinbekommen]? Aus meiner medienpädagogischen Perspektive sind
       wir als Gesellschaft noch längst nicht an dem Punkt, an dem Medienkompetenz
       wirklich verankert ist.
       
       taz: Welche Rückmeldungen bekommen Sie von den Schüler:innen nach den
       Projekttagen? 
       
       Ramdani: Meine Kolleginnen haben nach den Projekttagen Umfragen
       durchgeführt. Eine der Aussagen, die angekreuzt werden konnten, lautete:
       „Ich habe jetzt das Bedürfnis, mit jemandem über das zu sprechen, was mir
       passiert ist.“ Von rund 3.000 Schüler:innen, die die Fragebögen ausgefüllt
       haben, haben knapp 1.000 mit Ja geantwortet. Für uns ist jedes Kind, das
       nach einer solchen Präventionsveranstaltung merkt, dass es darüber sprechen
       möchte, ein Erfolg. Viele gaben außerdem an, dass sie sich bei jemandem
       entschuldigen möchten.
       
       taz: Ein Projekttag besteht nur aus circa sechs Unterrichtsstunden. Ist es
       da nicht fast unmöglich, einen langfristigen Effekt zu erzielen? 
       
       Ramdani: Was es braucht, ist eine strukturelle Verankerung von
       Präventionsangeboten in Schulen. In Thüringen gibt es an den Schulämtern
       Schulpsycholog:innen, die mehrere Schulen betreuen. Ein vergleichbares
       Modell wäre aus unserer Sicht auch für medienpädagogische Fachkräfte
       sinnvoll. Außerdem braucht es feste Zeitfenster für Präventionsarbeit. Eine
       wichtige Frage ist auch, wie stark die Medienbildung in der
       Lehrerausbildung verankert ist. Als Erwachsene müssen wir uns damit
       auseinandersetzen, was im Leben der Kinder passiert und es ernst nehmen,
       auch wenn wir es zunächst nicht vollständig verstehen. Ich glaube, das ist
       eine Haltungsfrage.
       
       taz: Welchen Bedarf nehmen Sie aufseiten der Lehrkräfte wahr? 
       
       Ramdani: Die Verbreitung des Projekts war im Grunde ein Selbstläufer.
       Schulen haben schließlich kostenlos Unterstützung zu genau den Themen
       bekommen, die sie aktuell stark beschäftigen. Lehrkräfte wissen in der
       Regel, wie wichtig das Thema ist und erleben gleichzeitig eine Ohnmacht im
       Umgang damit. Unser Ziel war es, in möglichst kurzer Zeit möglichst viele
       Schulen zu erreichen. Deshalb waren die Kolleginnen in der Regel nur einmal
       vor Ort, meist mit maximal zwei Klassen. Der Bedarf ging aber weit darüber
       hinaus und blieb auch im Nachgang sehr groß. Drei Jahre lang wurde das
       Modellprojekt von der Geschäftsstelle der Kinderschutzbeauftragten des
       Landes Thüringen gefördert und war in dieser Form bundesweit einmalig. Die
       Frage nach einer Fortführung stand aufgrund des hohen Bedarfs schon im
       vergangenen Jahr im Raum. Das Modellprojekt war auf drei Jahre ausgelegt.
       Stand jetzt können wir aber nach den Sommerferien 2026 weitermachen.
       
       taz: Die Wochenenden und einen Großteil ihrer Freizeit verbringen die
       meisten Kinder und Jugendlichen zu Hause. Welche Rolle spielt das
       Elternhaus in der Prävention sexualisierter digitaler Gewalt? 
       
       Ramdani: Eltern müssen sich selbst reflektieren. Wenn Kinder mit zwölf oder
       dreizehn Jahren ihr erstes Nacktbild versenden, hat das oft damit zu tun,
       dass zuvor nie über Grenzen gesprochen wurde. Wenn man sein Kind vorher nie
       gefragt hat, ob es fotografiert werden möchte und damit seine Grenzen
       übergangen und Kinderrechte nicht respektiert hat, dann ist es wenig
       überraschend, dass solche Situationen entstehen – platt gesagt.
       
       taz: Viele verweisen außerdem auf die Verantwortung der Plattformen, die
       auf Aufmerksamkeit und Reichweite ausgerichtet sind. Läuft Prävention nicht
       ins Leere, [3][solange Tech-Konzerne von genau den Mechanismen
       profitieren], die Gewalt begünstigen? 
       
       Ramdani: Wir könnten ganze Lehrpläne füllen mit der kritischen
       Auseinandersetzung mit Tech-Konzernen. Wie gesagt: Es braucht eine
       gesamtgesellschaftliche Strategie. Denn es ist auf jeden Fall deutlich
       günstiger, Geld in Prävention zu investieren, als später die langfristigen
       Folgen abzumildern. In der Debatte um Collien Fernandes war ich fasziniert
       von den Synergien, die sich jetzt ergeben.
       
       taz: Der Spiegel berichtete von Vorwürfen seitens Collien Fernandes’
       gegenüber ihrem Ex-Mann Christian Ulmen. Darin geht es um digitale Gewalt,
       das Erstellen von Fake-Profilen und pornografische Deepfakes sowie um
       körperliche Übergriffe.Ramdani: An vielen Stellen [4][prangern wir seit
       Langem die Gewalt an, die Frauen erfahren]. Jetzt kommt endlich die
       Verzahnung mit der digitalen Dimension. Endlich wird außerdem verstanden:
       Es ist auch digital nicht unbedingt der fremde Mann, der einem aus dem
       Gebüsch entgegenspringt. Sondern oft auch einer, den man sehr gut kennt.
       
       2 Apr 2026
       
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