# taz.de -- Film „Im Schatten des Orangenbaums“: Die Empfänger sollen es wissen
> Der Spielfilm „Im Schatten des Orangenbaums“ von Cherien Dabis über eine
> palästinensische Familie ist politisch fragwürdig. Zugleich zeigt er
> menschliche Größe.
(IMG) Bild: Ein Hochzeitsfoto der Familie entsteht in „Im Schatten des Orangenbaums“
In der zweiten Hälfte des Films sucht ein Ehepaar in einer Moschee in
Nablus einen Geistlichen auf und lässt sich beraten. Was sagt der Koran zur
Organspende: Halal oder Haram? Der Koran sagt nichts, aber in den Hadithen
findet sich eine Stelle, die das Knochenbrechen bei Lebenden und Toten
verbietet und die die Gelehrten sehr unterschiedlich verstehen. Der
Geistliche jedoch gibt grünes Licht. Für das Ehepaar geht es um den eigenen
Sohn. Er wurde bei israelischem Beschuss so schwer verletzt, dass er nun
hirntot ist.
Es ist das Jahr 1988. Erzählt wird der Film aber aus der Perspektive der
Mutter, viel später, im Jahr 2022, unmittelbar vor der jüngsten
Nahosteskalation. Und von hier, seiner Erzählgegenwart aus, schlägt „Im
Schatten des Orangenbaums“ einen großen und langen Bogen zurück, um auf den
sehr intimen, [1][tragischen Moment der Organspendenfrage] zulaufen zu
können. Das ist einerseits sehr wichtig, denn nur vor dem Hintergrund der
palästinensisch-israelischen Geschichte wird an der Frage Entscheidendes
hängen.
Andererseits ist es so, dass Cherien Dabis in dem Film, dessen
Drehbuchautorin, Regisseurin, Hauptdarstellerin sie ist, diese
[2][Geschichte, die mit der Nakba beginnt], sehr einseitig aus
palästinensischer Perspektive erzählt. Die palästinensische Familie der
männlichen Hauptfigur Salim (Saleh Bakri) wird im Krieg 1948 aus ihrem Haus
in Jaffa vertrieben, erst in ein Flüchtlingslager geraten, um sich dann im
Westjordanland eine neue Existenz aufzubauen. Sprung ins Jahr 1978, wo der
Mann mit seinem kleinen Sohn von israelischen Soldaten auf offener Straße
brutal gedemütigt wird.
Bis hierhin erzählt Dabis eine nur sehr obenhin individualisierte
Leidensgeschichte der Palästinenser, die natürlich real, aber in dieser
Einseitigkeit von antizionistischer Propaganda nicht weit entfernt ist.
Umso erstaunlicher und bewegender die Intimisierung, die darauf erfolgt.
Der Sohn des Paares, der in Nablus verletzt wird, kommt mit einer
Verzögerung, die der politischen Lage geschuldet ist, in ein besser
ausgestattetes Krankenhaus in Haifa. Dort wird sein Hirntod festgestellt,
dort stellt sich dann die Frage, ob die Eltern den Körper zur Organspende
freigeben wollen.
## Risiko um des Lebens als solchen willen
Und weil das Krankenhaus in Haifa liegt, gehen die Organe
selbstverständlich an Israelis. Was ist, fragt der Vater, wenn mein Sohn
einem Israeli das Leben rettet, der dann Soldat wird und Palästinenser
angreift? Er wird dieses Risiko um des Lebens als solchen willen in Kauf
nehmen müssen. Eine Bedingung haben die Eltern jedoch: Die Empfänger sollen
wissen, dass sie ihr Leben einem Palästinenser verdanken. Die Behörden
stimmen zu, die Eltern sagen ja. Es ist, wie man es dreht und wendet, eine
Geste der Großherzigkeit, die dem Film mit einem Schlag alles
Propagandistische nimmt.
Allegorisch lesbar wäre dieser Organtausch sicherlich auch, aber die Stärke
von Dabis’ Film liegt darin, wie sie ihr propalästinensisches
Möchtegernepos nun radikal abbremst und alles darauf stimmt, ein Paar in
seinem persönlichen Leiden zu humanisieren. Dass dieses Leid von einer
politischen Lage verursacht ist, in der und an der Israel nicht unschuldig
ist, bleibt dabei so wahr, wie es die Spendengeste zu einer Tat macht, die
das Menschliche über das Politische stellt.
Das macht „Im Schatten des Orangenbaums“ nicht zu einem unpolitischen Film.
Es ist ein Film, der als politischer fragwürdig bleibt. Er macht aber auch
eine die politischen Lager überschreitende menschliche Größe zu einer
ihrerseits notwendig politischen Geste. Und darin liegt eine Absage an alle
Einseitigkeit.
2 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Ekkehard Knörer
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