# taz.de -- Spielfilm zum Gaza-Krieg: Den Gefühlsregler konstant aufdrehen
> „Die Stimme von Hind Rajab““ von Kaouther Ben Hania erzählt von einem
> wahren Todesfall in Gaza-Stadt. Er will emotionalisieren, wachrütteln und
> erschüttern.
(IMG) Bild: Die Retter des Palästinensischen Roten Halbmonds versuchen in „Die Stimme von Hind Rajab“ ein Mädchen zu retten
„The Voice of Hind Rajab“ ist ein Kinofilm, der seine Zuschauerinnen und
Zuschauer emotional zerstört zurücklässt. Niemanden, der ein schlagendes
und fühlendes Herz in sich weiß, wird das hier dargestellte Schicksal des
palästinensischen Mädchens, das in der Folge eines israelischen Angriffs
auf seine Heimatstadt Gaza-Stadt getötet wurde, kaltlassen.
Der Film der tunesischen Regisseurin Kaouther Ben Hania beruht auf [1][dem
realen Fall der zum Zeitpunkt ihres Todes 5-jährigen Hind Rajab], die
gemeinsam mit Familienangehörigen im Jahr 2024 – einer Anweisung des
israelischen Militärs nach Süden zu fliehen Folge leistend – aus
ungeklärten Gründen in deren Auto unter Feuer der IDF geriet.
Die Ereignisse trugen sich nach übereinstimmenden Berichten in der Nacht
vom 29. Januar 2024 im Stadtteil Tel al-Hawa zu. Laut Recherchen
internationaler Medien wie der Washington Post geriet der Wagen der Familie
sowie ein herbeieilender Krankenwagen ins Feuer gepanzerter israelischer
Fahrzeuge. Die IDF lehnt die Verantwortung für den Beschuss ab und
erklärte, ihre Truppen hätten sich zum Zeitpunkt des Geschehens nicht in
der Nähe befunden, eine Aussage, die im Widerspruch zu Medienrecherchen
steht.
Dem nun erscheinenden Kinofilm „The Voice of Hind Rajab“ ist weniger an
einer Klärung der exakten Todesumstände der Familie gelegen als an einer
emotional aufwühlenden Darstellung des verzweifelten Überlebenskampfes des
Mädchens aus Perspektive seiner bemühten Retter. Dem Film liegen
Tonaufzeichnungen besagter Nacht zugrunde, die aus der Einsatzzentrale der
Palästinensischen Rothalbmondgesellschaft (PRCS) in Ramallah stammen, wo
der Notruf des Mädchens und ihrer zunächst überlebenden Cousine einging.
## Retter, die um Fassung ringen
Regisseurin Kaouther Ben Hania wählt für „The Voice of Hind Rajab“ ein halb
dokumentarisches, halb fiktionalisiertes Szenario: Um die Tondokumente
herum entwirft die Tunesierin ein dramatisiertes Schauspielgeschehen, das
die verzweifelten Rettungsversuche in der örtlich entfernten
Rettungszentrale schildert. Ein Reenactment der schicksalsreichen Nacht aus
palästinensischer Perspektive, das seine Zuschauer mitten hinein in die
Schaltzentrale der Hilfsorganisation versetzt, in der engagierte
Helferinnen und Helfer im Fortgang der knapp 90-minütigen Handlung mit den
wenigen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln um das Leben der 5-Jährigen
kämpfen.
Das Ziel der Helfer, darunter die Diensthabenden Omar (Motaz Malhees) und
Rana (Saja Kilani): einen Krankenwageneinsatz zu ermöglichen, der das
Mädchen aus der Gefahrenzone bringt. Zuschauer erleben, mit welch
psychischer Wucht die ins Telefon gesprochenen Sätze der 5-Jährigen die
Helfer treffen. „Sie schießen auf mich“, „Sie sind alle tot“, „Es gibt nur
noch Leichen“, hören wir das Mädchen sagen und bald flehen, dazu
Nahaufnahmen der Gesichter der entsetzten, weitgehend hilflosen Retter, die
um Fassung ringen, weinen, mitunter zusammenbrechen.
Die dramaturgische Steigerung des Films besteht in einem konstanten
Aufdrehen des metaphorischen Gefühlsreglers. Die Lage wird für die in dem
Einsatzraum Handelnden über die Spieldauer immer nur noch verzweifelter.
Die Regisseurin lässt ihren Zuschauern dabei wenig bis kaum Spielraum, sich
zu den Szenen gedanklich zu verhalten oder sich weiterführende Fragen zu
stellen.
„The Voice of Hind Rajab“ ist ein Film, der vehement emotionalisieren, der
wachrütteln, der erschüttern soll. Ein erzählerisch grobschlächtiger,
beinahe schon erpresserischer Gestus, der Zuschauern abverlangt, durch
übermäßige Nähe die emotionalen Zustände der Protagonisten zu teilen. Ben
Hanias Dramatisierung bezieht an kaum einer Stelle einen breiteren Fokus
etwa auf die palästinensische Gesellschaft mit ein.
## Überwältigung auf Kosten des Originalmaterials
Nur einmal lässt ein Streitgespräch zwischen Omar und dem Leiter der
Notfallzentrale, Mahdi (Amer Hlehel), der zur Rettung des Kindes auf eine
Zusammenarbeit mit israelischen Stellen setzt, einen Eindruck von
innerpalästinensischen Konflikten zu. „Wegen Leuten wie dir sind wir unter
Besatzung“, wirft Omar dem Kollegen für seinen kollaborativen Ansatz vor.
Die Täter-Opfer-Struktur zwischen Israelis und Palästinensern ist eine
stille Grundannahme von [2][Ben Hanias seit seiner Premiere bei den
Filmfestspielen von Venedig 2025] von vielen Kritikern gefeiertem Drama. So
manch einer warf dem Film aber auch Einseitigkeit vor, da er den wichtigen
Kontext des 7. Oktobers ausspare.
Nun ist es selbstverständlich kein geschriebenes Gesetz, dass ein Kunstwerk
stets sämtliche Facetten eines Geschehens für seine Betrachtung
miteinbeziehen muss. Ein Film darf radikal einseitig, durchaus auch
parteiisch sein. Die Frage ist vielmehr, ob die erzählerisch-ästhetischen
Setzungen bei Zuschauern zu einer vielversprechenden Auseinandersetzung
führen.
„The Voice of Hind Rajab“ lässt mit seinem Überwältigungsgestus eine solche
kaum zu, sondern erzielt seinen emotionalen Effekt auf Kosten des
Originalmaterials, bei dem sich die Frage stellt, ob die Stimme eines toten
Mädchens instrumentell zum Gegenstand von Dramatisierung werden sollte.
21 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Chris Schinke
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