# taz.de -- Arbeitsbedingungen in der Eventbranche: Im Schatten des Scheinwerferlichts
> Gefährliche Arbeit, niedrige Bezahlung, prekäre Verträge: Beschäftigte
> eines Kreuzberger Eventunternehmens kämpfen für bessere
> Arbeitsbedingungen.
(IMG) Bild: Nun aber schnell: Stagearbeiter bauen sofort nach einer Show die Bühne ab
Vojta C. weiß, wie viel Arbeit in einem Konzertabend steckt. Bis eine
Künstlerin wie Lady Gaga auftreten kann, hat C. unzählige Kisten
geschleppt, Lautsprecher gestapelt und Lichter aufgehängt, und das vier bis
fünf Stunden lang, meist ohne Pause. Einmal morgens für den Aufbau, und
dann nachts, bis spät in die Nacht hinein für den Abbau. „Die Arbeit ist
sehr stressig. Besonders nachts, wenn alle müde sind, ist die Gefahr für
Unfälle sehr groß“, berichte der Bühnenhelfer von seinem Arbeitsalltag bei
seinem ehemaligen Arbeitgeber.
Trotz Milliardenumsätze und astronomischer Ticketpreise sind [1][die
Arbeitsbedingungen in der Eventbranche] häufig prekär. Die Belastung ist
hoch, feste Arbeitsverträge mit Sozialleistungen nicht die Regel – und die
Sicherheit lässt häufig zu wünschen übrig. Die Beschäftigten eines
Kreuzberger Eventunternehmens wollen das nicht länger hinnehmen. Sie
fordern feste Verträge, Einhaltung rechtlicher Vorgaben und mehr
Sicherheit.
Bis vor ein paar Wochen noch arbeitete Vojta C. als Bühnenhelfer bei dem
Kreuzberger Eventunternehmen 36 Stage XL. Der Anbieter baut und managt
Bühnen an fast allen großen Spielorten der Stadt: Uber Arena, Waldbühne,
Columbiahalle und das Olympiastadion. Veranstalter von Acts wie Metallica,
Tame Impala oder eben Lady Gaga buchen das Unternehmen für Konzerttermine
in Berlin. Neben ausgebildeten Veranstaltungstechniker:innen
übernehmen ungelernte Bühnenhelfer:innen einen Großteil der Arbeit.
Eigentlich hatte C. bei 36 Stage XL einen Minijob, arbeite fest vereinbarte
Schichten pro Woche. Nachdem er ein paar Wochen krankheitsbedingt
ausgefallen war, weigerte sich das Unternehmen laut C. Lohn für die
ausgefallenen Schichten zu zahlen. Er suchte sich einen Anwalt, bekam auch
den ihm zustehenden Lohn.
## Keine Jobs mehr nach Krankheit
Doch nach dem Vorfall bekam C. kaum noch Schichten zugeteilt. „Es war klar,
dass sie mir keine Arbeit mehr geben wollten“, sagt der ehemalige
Bühnenhelfer. C. zieht mit einer Kündigungsschutzklage vor Gericht, kann
dort eine Einigung erzielen. Er bekommt eine Abfindung, wird aber zukünftig
nicht mehr bei dem Unternehmen arbeiten.
German Garcia hat ebenfalls als Bühnenhelfer bei dem 36 Stage XL garbeitet
und eine ähnliche Erfahrung gemacht. Im Unterschied zu C. hatte Garcia
keinen Minijob, sondern nur eine „Vereinbarung über eine unständige
Beschäftigung“. Dabei handelt es sich um Rahmenverträge, die nur lose die
Zusammenarbeit regeln. Gezahlt wird pro Schicht, eine Mindestanzahl an
Schichten ist nicht garantiert. „Die Firma ist nicht verpflichtet, der
Aushilfe Beschäftigungsangebote zu machen“, heißt es in einer Vereinbarung,
die der taz vorliegt. Auch einen Anspruch auf Sozial- und
Krankenversicherung gibt es nicht. „Sollte kein Arbeitseinsatz im Monat
sein, wird auch keine Lohnabrechnung erstellt“, heißt es weiter.
Was die Formulierung bedeutet, musste Garcia erfahren, nachdem er mehrere
Wochen krankheitsbedingt ausgefallen war. „Sie haben gesagt, wenn ich 20
Tage nicht zur Arbeit komme, bezahlen wir deine Krankenkasse nicht mehr“.
Auch Geld für die ausgefallenen Schichten hätte er nicht bekommen. Anders
als für C. war die Arbeit bei dem Eventunternehmen Garcias Haupterwerb.
Nicht zu wissen, wie viel Geld er am Ende des Monats bekommen würde,
belastete ihn sehr. „In manchen Monaten hat es einfach nicht gereicht“,
sagt Garcia.
Auf taz-Anfrage teilt das Unternehmen mit, es sei „uns bewusst, dass
Planbarkeit und finanzielle Sicherheit für unsere Mitarbeitenden wichtig
sind“. Man arbeite kontinuierlich daran, Strukturen zu überprüfen und nehme
dabei Wünsche der Mitarbeitenden auf. Hinweise zur Krankenversicherung
nehme man „sehr ernst“.
## Kaum Arbeitsschutz
Ein weiterer Kritikpunkt der Beschäftigten ist der mangelnde Arbeitsschutz.
„Ich habe nie ein Sicherheitstraining erhalten“, sagt Vojta C. Dabei sei
die Arbeit nicht ungefährlich. „Da fliegen eine Menge schwerer Objekte
herum, die oft bewegt werden von Menschen, die überhaupt keine Erfahrung
damit haben.“ Im Gegensatz zum ausgebildeten
Veranstaltungstechniker:innen benötigen Bühnenhelfer:innen
keine Erfahrung, um in dem Beruf arbeiten zu können.
Auch die Schutzausrüstung wie Sicherheitsschuhe und Helme mussten die
Beschäftigten selbst bezahlen, berichten Vojta C. und Garcia. Da viele
Kolleg:innen in dem Beruf nicht viel Geld haben, sparen sie oft an der
Qualität, sagt C. „Es holen sich alle den billigsten Mist vom Baumarkt.“
Auch auf diesen Vorwurf reagierte das Unternehmen nur vage. Man nehme die
Themen Arbeitssicherheit und Schutzausrüstung „sehr ernst“. Der Anspruch
von 36 Stage XL sei, „stets sichere Arbeitsbedingungen zu gewährleisten“.
Aufgrund der Missstände hat sich in dem Unternehmen eine Betriebsgruppe
gegründet, [2][organisiert in der anarchistischen Basisgewerkschaft FAU].
Diese forderte die Geschäftsführung mehrmals zu Verhandlungen auf. Die
Beschäftigten fordern feste und unbefristete Arbeitsverträge, die
Einhaltung rechtlicher Vorgaben und mehr Sicherheit bei der Arbeit.
## Letztes Mittel Rechtsweg
Da die Geschäftsführung mehre offene Briefe bislang ignorierte, bleibt den
Beschäftigten nur der Rechtsweg. „Uns liegen Hinweise vor, dass solche
Verträge möglicherweise illegal sind. Wir werden sie daher vor Gericht
anfechten“, sagt ein Sprecher der FAU der taz.
Um zu klären, ob das Vertragskonstrukt der unständigen Beschäftigung
überhaupt rechtens ist, hat die Basisgewerkschaft ein rechtliches Gutachten
in Auftrage gegeben, das der taz vorliegt. Darin Argumentieren die
Anwält:innen, es sei „durchaus möglich“, dass die Vereinbarungen unwirksam
seien. Allerdings müsse dies im Einzelfall geklärt werden.
Unterdessen hofft die FAU, dass sich die Geschäftsführung doch noch auf
Verhandlungen einlässt. „Die Vertragskonstruktion der unständigen
Beschäftigung ist keine Notwendigkeit“, sagt ein FAU-Sprecher der taz. Auch
wenn prekäre Arbeitsverhältnisse in der Branche verbreitet sind, gäbe es
viele Unternehmen, die überwiegend mit Festanstellungen arbeiten. Auch bei
Stage 36 XL gebe es festangestellt Beschäftigte.
Da 36 Stage XL, nicht dass einzige Unternehmen ist, in dem es Missstände
gibt, hat die Betriebsgruppe eine Online-Kampagne ins Leben gerufen. Die
Webauftritte von [3][Stage Workers United] informieren über Arbeitsschutz,
deutsches Arbeitsrecht und geben Tipps, wie man sich bei Belästigung und
Diskriminierung am Arbeitsplatz wehrt.
Angesichts der prekären Verhältnisse ist es für die Gewerkschaft als Erfolg
zu werten, dass sich [4][die Beschäftigten im Unternehmen organisiert] und
den Schritt an die Öffentlichkeit gewagt haben. „Aufgrund der Angst, keine
Schichten mehr zu bekommen, trauen sich die Arbeiter*innen nicht, die
Probleme offen anzusprechen und für Verbesserungen einzutreten“, sagt ein
FAU-Sprecher der taz.
30 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Krise-der-Veranstaltungsbranche/!5724865
(DIR) [2] /Ausbeutung-von-Arbeitern-in-Berlin/!5758805
(DIR) [3] https://stageworkersunited.wordpress.com/?utm_source=ig&utm_medium=social&utm_content=link_in_bio
(DIR) [4] /So-prekaer-sind-die-Arbeitsbedingungen-in-der-Gaming-Branche/!6103350
## AUTOREN
(DIR) Jonas Wahmkow
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