# taz.de -- Musée Sentimental im Kolumba Köln: Wo liegt der Geist der Dinge?
> Das Kölner Museum Kolumba schafft in einer Ausstellung aus
> Hochkultur-Kunst und alltäglichen Gegenständen ungewohnte Perspektiven
> auf den Glauben.
(IMG) Bild: Beides Wegweiser irgendwie: Stefan Lochners „Madonna mit dem Veilchen“ (um 1450) und ein Kölner Straßenschild, Ausstellungsansicht
Braucht der Glaube einen Raum? Gepredigt werden kann eigentlich unter
freiem Himmel. Zugleich beschreibt schon das Alte Testament detailliert
Gebäude wie den Salomonischen Tempel oder Hesekiels Vision des Dritten
Tempels. Vielleicht liegt die Antwort auf die Frage in den Dingen des
Glaubens, den Devotionalien, der religiösen Kunst.
Ein Museum ist natürlich kein Tempel. Doch gestaltete Peter Zumthor den
2007 eröffneten Neubau des Kunstmuseums des Erzbistums Köln in seinen
klaren, massiven, zugleich anmutigen Formen vielmehr entlang der
Überlieferungen der alttestamentarischen Tempel als im Stil der im Zweiten
Weltkrieg zerbombten, romanischen Kirche St. Kolumba mit ihren gotisierten
Fenstern, [1][über deren Ruine das neue Museum „Kolumba“ entstand.]
Von Baubeginn an mit dabei war der Kurator des Erzbischöflichen
Diözesanmuseums, Stefan Kraus. Seit 2008 prägte er dann als Direktor das
Kolumba und dessen thematische Jahresausstellungen. Ende 2025 wurde Kraus
verabschiedet. Wo eigentlich jede Ausstellung des Kolumba die
Mannigfaltigkeit der Sammlung preist und zeigt, wie von spätantiker Kunst
über Glasgefäße, Monstranzen, Bildzeugnisse der Volksfrömmigkeit bis hin zu
Arbeiten der Moderne und Postmoderne jedes Werk mit dem gleichen Respekt
präsentiert werden kann, wie sollte man da zum Abschied Kraus’ Schaffen auf
besondere Weise ehren? – Mit den Objekten einer geheimen Sammlung!
Stefan Kraus und seine Mitarbeiter pflegen eine kleine Kollektion
besonderer Gegenstände, man könnte sagen: Fundstücke oder Dinge, die so
anfallen. Sie bilden das „Musée Sentimental de Kolumba“. 25 Exponate dieser
Sammlung kommen nun zur Schau. Da wäre etwa ein weißer Baustellenhelm mit
einem kleinen Lego-Aufkleber. Kraus trug den Helm auf der
Kolumba-Baustelle, sich seiner Rolle inmitten von Architekten und
Handwerkern wohl bewusst. Eine Badeente im Piratenlook und ein kleiner
Kunststoffball bezeugen die Konfrontation des Museums mit dem an ihm
vorbeiführenden Karnevalszug.
## „Chanel Le Vernis“-Nagellack
Ein angebohrtes Kupferrohr erzählt von einem gerade noch verhinderten
massiven Wasserschaden. Alltagsobjekte und zugleich doch stolze Träger von
so gar nicht banalen Geschichten. Da ist das Fläschchen „Chanel Le
Vernis“-Nagellack in der Farbe 143 „Diva“. Als man die Künstlerin Susanne
Kümpel anlässlich ihrer Ausstellung im Kolumba nach der Farbe des Umschlags
der begleitenden Publikation fragte, war dieser Nagellack ihre Antwort. Da
Kümpel Menschenmassen scheut, widmete man ihr eine Voraberöffnung im
kleinen Kreis, bei der sich alle Anwesenden einen Fingernagel mit 143
„Diva“ lackierten.
Nachdrücklich erfährt man hier die psychische Dimension des Raums. Lange,
schmale, von Wänden flankierte Treppen, die in das unbestimmte Leuchten
noch nicht einsehbarer Räume münden, rühren an elementare Erfahrungen
jenseits der Sprache. Die kleinen Schwellen im Boden, die unüblichen
Raummaße, sie kommunizieren mit allen ausgestellten Objekten – nein, mit
fast allen.
Vertieft in den Anblick der winzigen, aber minutiös beschrifteten
Transportstütze von Paul Theks mumienartigen „Fishman“ aus Latex. Doch
[2][das Werk des 1988 in New York an Aids verstorbenen Paul Thek] ist
abwesend. Nur das liebevolle Begleitheft zur Ausstellung berichtet von der
immensen Fragilität der Arbeit, kein Hinweis hier auf die weltbedeutende
Sammlung des amerikanischen Künstlers im Fundus des Kolumba, sondern mit
Seitenblick auf das nächste sentimentale Objekt bemerkt man ein Aufgehen in
der eigenen Gedankenwelt.
Das Museale und Architektonische verschwinden in dem, was sich da als
kleine Sonderschau in die Jahresausstellung „Make the secrets productive!“
schlich. Auf diese Weise beantwortet das Musée Sentimental die Frage nach
Glaube und dem Raum. Glaube braucht den Raum, frei zu denken, den
Erfahrungsraum, sich für Momente von physischen Grenzen zu lösen. Ein Raum
der individuellen Auseinandersetzung mit Fragen und Geschichten.
## Daniel Spoerri, Marie-Louis von Plessen und die Dinge
Mit diesem Ansinnen entwickelten der [3][Schweizer Künstler Daniel Spoerri]
und Marie-Louise von Plessen in den späten 70ern zwischen Kunst und damals
neuen Perspektiven der historischen Wissenschaften das Konzept des Musée
Sentimental, eine Sammlung beiläufig scheinender Dinge, mal Anspielung oder
auf ein großes Ganzes verweisendes Teil, mal Anekdote oder auch
philosophisches Objekt.
Als Spoerri sein Konzept 1979 im Kölnischen Kunstverein erstmals
verwirklichte, war der junge Stefan Kraus beeindruckt. Nun sind es seine
Objekte, die beeindrucken. Eine bemalte hölzerne Reliquienbüste aus dem 14.
Jahrhundert, bei der weder klar ist, wen sie abbildet, noch ob die Reliquie
zum Abgebildeten gehört, fragt essenziell nach Glaube und Materialität.
Was bezeugen Dinge? Die prachtvolle „Madonna mit dem Veilchen“ vom
[4][Meister der spätmittelalterlichen Kölner Malerschule, Stefan Lochner],
wurde als Leihgabe dem Musée Sentimental hinzugefügt. Blickt man über die
Tische, korrespondiert Lochners zartes Veilchen in der Hand der Jesusmutter
mit einem kleinen, selbstgemachten Papierblumenstrauß, den die Vorschülerin
Mariam Nazari auf einer Kölnreise anfertigte und dem Kolumba Museum
schenkte.
## Vom Gedanken zur Geschichte
Es ist nur eine kleine Sichtachse, die als Gedanke die Geschichten all der
gezeigten Objekte einfängt: Was ist wert, bewahrt zu werden? Die Kirche
vermag sich heute dieser sentimentalen Frage zu stellen. In der Kunst
bleibt die Rührbarkeit, das Niedliche absolutes Tabu. Ist es, weil aktuelle
Kunst feinfühlige Empfindungen oft lieber zu dröhnendem Pathos kondensiert?
So wird die zarte Erinnerungsschau und subtile Parallelgeschichte des
Kolumba Museums unter der Leitung Stefan Kraus’ zu einer Lektion: Sie misst
dem Kleinsten Wert bei und erspürt den Geist der Dinge. Wenn dies im Sinne
des Glaubens ist, so hat der Raum einen ganz pragmatischen Wert, als Ort,
der die Dinge bewahrt.
2 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Star-Architekt-Gottfried-Boehm-gestorben/!5656022
(DIR) [2] /Coolness-und-Weihrauch/!1138280
(DIR) [3] /Zum-Tod-von-Kuenstler-Daniel-Spoerri/!6047677
(DIR) [4] /Sehschule-und-Augenschmaus/!1579157
## AUTOREN
(DIR) Oliver Tepel
## TAGS
(DIR) Ausstellung
(DIR) Köln
(DIR) Religion
(DIR) Katholische Kirche
(DIR) Bildende Kunst
(DIR) Museum
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Ausstellung
(DIR) Nachruf
(DIR) Architektur
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Ausstellung in Darmstadt: Wunderkammer kommt von Wundern
Das Designduo Jakob Lena Knebl und Markus Pires Mata versammelt im
Landesmuseum in Darmstadt Schönes und Praktisches. Es ist ein Parcours der
Dinge.
(DIR) Zum Tod von Künstler Daniel Spoerri: „Das beste an mir sind meine Freunde“
Der „Topograph des Zufalls“ Daniel Spoerri war bekannt für seine
Fallenbilder. Er hinterlässt ein barock opulentes Werk – und Erinnerungen
bei einem Begleiter.
(DIR) Star-Architekt Gottfried Böhm gestorben: Meister des modernen Sakralbaus
Zum 100. Geburtstag widmete ihm das Deutsche Architekturmuseum noch eine
Ausstellung. Nun ist der Star-Architekt Gottfried Böhm gestorben.