# taz.de -- Krawallautor über Held:innenfiguren: „Arschlöcher sind meistens die Helden“
       
       > Held:innen stehen eigentlich für das Gute. Hassautor Kristjan Knall
       > zeigt auf, wieso sie aber auch immer Dreck am Stecken haben.
       
 (IMG) Bild: Für manche ein Held, für viele ein Arschloch: Donald Trump
       
       taz: Kristjan Knall, wieso finden Sie Held:innen so scheiße? 
       
       Kristjan Knall: Mehrere Sachen: erstmal sind es meistens Helden und nicht
       Heldinnen, und damit ein Ausdruck [1][patriarchaler Scheißgewalt]. Zweitens
       versuchen Leute komplexe Sachverhalte herunterzubrechen auf eine Heilsfigur
       – und das klappt meistens nicht.
       
       taz: Wieso? 
       
       Knall: Du und ich, und die meisten da draußen, wir sind alle scheißegal.
       Was wirklich etwas ausmacht, ist systemische Veränderung. Helden sind immer
       das Gegenteil. Sie enttäuschen auch immer. Die einzigen Helden, die für
       sich werben könnten, sind früh gestorben. [2][Rosa Luxemburg], [3][Karl
       Liebknecht], [4][Che Guevara]. Was wäre, wenn die alt geworden wären? Die
       wären Konservative. Dann werden Helden zu Antihelden.
       
       taz: Hatten Sie früher nie irgendwelche Held:innen, zu denen Sie
       aufgeschaut haben? 
       
       Knall: Nur ganz wenige, und wenn, dann so abstrakte wie [5][Karl Marx].
       Aber eher wegen dem Werk. Persönlich war der voll das Arsch: hat seine
       Kinder verleugnet, war [6][zu den Frauen unglaublich scheiße]. Einer der
       wenigen, bei denen ich sagen würde, der hat’s hinbekommen, war Georg
       Büchner. Einfach nur wegen dem Spruch „Friede den Hütten! Krieg den
       Palästen!“. Ist dann mit 23 Jahren gestorben, konnte also auch nicht mehr
       viel Scheiße bauen. Aber auch das schafft man vielleicht einmal im Leben.
       Deswegen ist man kein Held.
       
       taz: Und heutige „Fast-Held:innen“? 
       
       Knall: Alle bei der Letzten Generation. Ich habe Jahre mit denen verbracht,
       bin auch jetzt noch bei ähnlichen Bewegungen aktiv. Die wollen das nicht
       für sich, die wollen das für alle. Das ist, glaube ich, immer ganz wichtig.
       Aber ich weiß nicht, ob der Begriff Held es wirklich trifft. Es ist immer
       die Organisation und die solidarische Idee, die ist im Grunde genommen
       heldenhaft. Wozu ich Leute eher bewegen will, ist, wie die Antifa sagt,
       bildet Banden. Lauft nicht irgendeinem Arschloch hinterher, Arschlöcher
       sind meistens die Helden.
       
       taz: Jetzt wirkt es trotzdem so, als bräuchten Menschen Vorbilder. Warum
       ist das so? 
       
       Knall: Bei Vorbildern bin ich gar nicht so kritisch. Ich glaube, Menschen
       funktionieren in der Gruppe. Wir wollen allen gefallen, rennen irgendwem
       hinterher. Die Struktur ist das Wichtige, dass Vorbilder sich nach einer
       Art solidarischem Kodex ausrichten. Weil – ich habe da neulich den Spruch
       gehört: „Macht macht kein Spaß ohne Machtmissbrauch“. Und da bin ich ganz
       Anarchist: Fick die Macht, alles für alle, und zwar umsonst. Das geht nicht
       mit Helden einher, Helden sind ein Ausdruck von Ungerechtigkeit.
       
       taz: Warum stehen Menschen dann trotzdem so auf Held:innenfiguren? 
       
       Knall: Einerseits, glaube ich, ist das so ein evolutionäres Ding. Aber es
       gibt auch etwas in unserer Gesellschaft – und jetzt wird es ein bisschen
       pseudo-verschwörungstheoretisch – dass die Mächtigen versuchen, komplexe
       Probleme zu individualisieren. Da werden uns Leute hingestellt, da kann man
       sagen: „das sind jetzt eure Helden“ oder „die könnt ihr hassen“. Dabei
       kommen die wichtigen Fragen zu kurz.
       
       taz: In Ihrem Buch schreiben Sie: „Bösewichte sind besser“. Wieso? 
       
       Knall: In der Historie denken wir immer, das Böse ist superböse. Nur wenn
       wir auf irgendwen anderes zeigen, dann übersehen wir meistens, was in
       unserem Land gerade schlecht läuft. Bösewichte sind immer ein
       Externalisieren des eigenen Problems. Das ist das Gute, das man an Bösem
       finden kann. Da lohnt es sich, immer noch mal genauer hinzugucken.
       
       taz: Können Bösewichte dadurch auch zu Held:innen werden? 
       
       Knall: Sind sie auch ganz oft in der Geschichte! In meinem Buch habe ich
       über Martin Luther geschrieben: [7][ein Antisemit], Frauenhasser,
       Bauernfeind. Hexenverbrennung fand er richtig geil. Wenn man den nach
       heutigen Maßstäben misst, ist er ein wirklich grässliches Arschloch.
       Gleichzeitig hat er die Bibel übersetzt und mit seinen Thesen die Leute auf
       eine Art empowert. Ich würde trotzdem sagen: alles in allem kein guter
       Charakter. Der Punkt ist: Helden gibt es nicht wirklich, sie sind immer
       zweigleisig. Aber das passt nicht in dieses Held-Nichtheld-Schema.
       
       10 Mar 2026
       
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