# taz.de -- Schau über die Tiefe der Meere: Floaten wie ein Belugawal
> Julian Charrières Schau „Midnight Zone“ im Kunstmuseum Wolfsburg macht
> die Tiefsee erfahrbar. Die Ozeane sollen möglichst unberührte Räume
> bleiben.
(IMG) Bild: Unter Wasser, die Erfahrung des Schwebens: Filmstill aus Julian Charrières „Midnight Zone“
Den Raum bezeichnete der französische Philosoph Gaston Bachelard einmal
„als Freund des Seins“. Der Satz hat es in sich. Vor allem unzugängliche
Räume wie Wüsten und Ozeane entziehen sich dem gewohnten Ortssinn, aber
auch sie werden vermessen und der materiellen Ausbeutung ausgeliefert.
Bachelard hielt dagegen: „Ins Wasser hinabtauchen oder durch die Wüste
wandern, heißt den Raum wechseln“ und in einen „seelisch erneuernden Raum“
eintreten. Schon wenige Meter unter Wasser sind oben und unten, rechts und
links keine Fixpunkte mehr, und je tiefer man eintaucht, desto stärker
kommen die Ontologie des Raums und die planetare Tiefenzeit zur Geltung.
Die komplett lichtlose „Midnight Zone“ von 1.000 bis 4.000 Meter Tiefe
macht der französisch-schweizerische Künstler Julian Charrière im
Kunstmuseum Wolfsburg mit Video- und Soundarbeiten für Landbewohner
erfahrbar. Nicht im Stile eines Jacques Cousteau, um die Tiefsee vertraut
zu machen, sondern um begrenzte Raumerfahrungen gezielt zu verlernen und
die Ozeane als freie Räume wahrzunehmen.
Die 2.000 Quadratmeter große Halle des Kunstmuseums hat er für eine
immersive Erfahrung bereitet, in der Bilder und Töne körperlich
verschmelzen; Bachelard würde sagen: leiblich. [1][„Immersiv“ nennt sich
heute jede zweite Ausstellung], in der eine Frida Kahlo virtuell zum Leben
erweckt wird oder Technolabs KI-generierte Fantasien projizieren. In
Wolfsburg ist das Label voll berechtigt.
## Schweben als Existenzweise
Julian Charrière taucht seit der Kindheit, als ihn eine Gehbehinderung aufs
Schnorcheln im Genfer See und im Mittelmeer brachte. Er kam mit
Meeresforschern und -schützerinnen in Kontakt und Anregern wie den
Performance-Künstler Massimo Furlan, die Kunstvermittlerin Franziska von
Habsburg und Ólafur Elíasson im Berliner Institut für Raumexperimente. Im
Kleinen Müggelsee machte er den Tauschschein und brach bald in arktische
Gefilde auf, überwand die Grenze zwischen Erde und See, die ja „beide eins
sind. Unser Planet sollte statt Gaia Ozean heißen.“
Teeth are reefs, bones are stones, bezeichnen Taucher diese aquarische
Konstitution des Planeten. „Das Meer ist der stabilste Lebensraum, Schweben
und Floaten ist unsere originäre mehr-als-menschliche Existenzweise.“
Charriere tauchte bis 70 Meter tief, lauschte den leisen Knistergeräuschen
der Fische und Garnelen, die hydrophonverstärkt ein Geräuschvolumen
erzeugen wie Vögel am frühen Morgen in einem Regenwald.
Der in Berlin lebende Künstler tritt seit 2011 in einer großen Zahl von
Gruppen- und Einzelausstellungen auf, anfangs in einer speziellen Variante
von Land-Art mit Zeugnissen von gefährlichen Plätzen wie Vulkanen, atomaren
Testgeländen wie dem [2][Bikini Atoll] und Semipalatinsk und
Bergbaugebieten. Seither interessiert er sich stärker für Meeresregionen
und die katastrophalen Folgen des Klimawandels und Artensterbens, etwa mit
der aufsehen-erregenden Aktion „Towards no earthly pole“ (2019).
Auf dem Parcours der Wolfsburger Ausstellung findet man Arbeiten wie
„Silent World“ (2019), „Pure Waste“ (2021) und „Coalface“ (2024), preziöse
Ausflüge in die Metamorphosen der Erdgeschichte, gestützt auf
wissenschaftliche Erkenntnisse, technisch aufwändig hergestellt und stets
durch genaue Ortskenntnis verifiziert. Der Ausstellungskatalog, kongenial
in dunkelblau bis schwarz gehalten (und damit nicht leicht lesbar) birgt
ein wahres ozeanografisches Grundstudium. Es soll ergänzt werden durch
Kuratorenführungen und ein Begleitprogramm.
## Grenze zwischen See und Küste
Im Zentrum der Ausstellung, die vergangenes Jahr bereits im Tinguely Museum
in Basel gezeigt wurde, stehen die großwandigen, an der Wand und an der
Decke aufgespannten Projektionen „Midnight Zone“ (2024) und „Albedo“
(2025). Hinzugekommen ist ein begehbares verspiegeltes Oktogon um eine
Fresnellinse herum, die normalerweise in Leuchttürmen verwendet wird und
der Seefahrt mit kreisender Lichtbewegung die Grenze zwischen offener See
und Küste signalisiert.
Charrière kippt gewissermaßen den Leuchtturm um und leuchtet damit die
Unterwasserwelt aus. Dort lässt die beständige Drehung diverse
Meeresbewohner kurz aufscheinen, als wäre man auf einem Flug durchs
Weltall. Die Fische fliehen das ungewohnte Licht nicht, sie umrunden das
fremde Objekt. Das ist kein glamouröser Naturfilm à la „Terra X“, der in
scheinbar unberührten Reservaten die Illusion einer heilen Flora und Fauna
inszeniert, denn auch so weit unten ist man eben nicht mehr in unversehrtem
Territorium. Im flackernden Licht erscheint eine beschädigte Unterwelt, die
man, so Charrières Botschaft, besser in Ruhe ließe.
Die Tiefsee soll eben keine menschliche Sphäre werden, wie [3][Jacques
Cousteau] in seinen spektakulären Filmklassikern „Le Monde du silence“
(1956) und „Le Monde sans soleil“ (1964) in durchaus guter Absicht
nahelegte. Die dunkle, aber gar nicht stille Welt soll einzig der
Biolumineszenz der Unterwasserlebewesen überlassen bleiben, die für
Paarung, Tarnung und Beutemachen mit einer chemischen Reaktion ihr Licht
selbst erzeugen können.
Gewiss: Auch Charrière ist ein Eindringling. Doch er will die massenhafte
Penetration dieser Orte durch Nassbagger, Roboter und Tauchboote aufhalten
und den Fluch überwinden, dass Menschen mit ihrem Wissen über die Natur
auch Herrschaft über sie ausüben. Um das körperlich zu erspüren, müssen
Besucher sich am besten niederlegen und genug Zeit mitbringen. Die
Projektion „Albedo“ (2025) führt unter arktische Eisberge, als wäre man ein
Belugawal.
## Gefahr der romantischen Verklärung
Für Charrière sind aber nicht nur diese visuellen Impressionen bedeutsam,
sondern vor allem die [4][Klang- und Vibrationslandschaft] der
Unterwasserwelt. Ikonische Eiswelten sind stets in Gefahr einer
ästhetischen Sublimierung oder romantischen Verklärung, doch dies vermeidet
Charrière durch den Rückgriff auf avancierte naturwissenschaftliche Evidenz
und einen klaren politischen Auftrag. „Seit Jahrhunderten navigieren wir
durch die Welt mit einer terrestrischen Voreingenommenheit und messen nur
Landschaften Bedeutung bei, auf denen wir gehen, atmen oder die wir als
unser Eigentum beanspruchen können. Die Tiefsee bleibt anders – zu fern, zu
fremd, zu unnachgiebig gegenüber menschlicher Präsenz. Doch sie ist keine
Leere, sondern ein Archiv, der stille Motor der planetarischen Rhythmen,
die ursprüngliche Wiege des Lebens selbst.“
Charrières Kunst ist eminent politisch. Wir sprechen über einen Satz von
Jules Verne („mein Held“) in seinem bahnbrechenden Buch „20.000 Meilen
unter dem Meer“ von 1869: „Das Meer gehört nicht den Tyrannen. Zwar können
sie an seiner Oberfläche versuchen, ihr schändliches Recht durchzusetzen,
können sich bekämpfen, vernichten und allen Schrecken dieser Welt
verbreiten, doch schon dreißig Fuß unter der Wasseroberfläche endet ihre
Macht, ihr Einfluss schwindet, ihre Herrschaft erlischt.“ Doch eben diese
Wiege ist durch die Suche nach Manganknollen und seltenen Erden gefährdet,
auch unter „grüner“ Flagge, weil sie angeblich für die Energiewende
benötigt werden.
Die Midnight-Expedition fand in der einschlägigen Clarion-Clippterton-Zone
zwischen Hawaii und Mexiko statt, wo Konzessionen für die wissenschaftliche
Exploration unter anderem an deutsche Konsortien ausgestellt wurden, die
beim Ablaufen des aktuellen Moratoriums, das die hohe See als „Erbe der
Menschheit“ unangetastet lassen soll, in industrielle Ausbeutung umschlagen
kann, mit unabsehbaren Schäden für die Ozeane und damit für den Planeten
Erde insgesamt. Donald Trump und Konsorten sehen darin einzig profitable
„Ökosystemdienstleistungen“.
## Der Grund des Meeres
Verantwortliche Meeres- und Biodiversitätsforscher halten dagegen, die
konviviale Erforschung der Tiefsee steht noch am Anfang. Der erste
Weltumsegler Fernando Magellan soll Anfang des 16. Jahrhunderts mithilfe
eines 700 Meter langen Seils den Grund des Meeres auszuloten versucht
haben. Da es nirgend andockte, befand er, das Meer sei unendlich tief.
Die Messmethode ist veraltet, aber die Intuition war nicht ganz falsch.
Auch am vermeintlich tiefsten Punkt im Marianengraben bei 11.000 Metern
endet der globale Wasserkreislauf nicht; zwischen dem oberem und unterem
Erdmantel in einer Tiefe von 410 bis 660 Kilometern lagert in der
Kristallstruktur des Minerals Ringwoodit Wasser, dessen Gesamtmenge drei-
bis sechsmal höher geschätzt wird als die aller Ozeane zusammen. Auch im
Kunstmuseum Wolfsburg, der Stadt, die fossil und fußballerisch gegen den
Abstieg kämpft, erwarten die Besucher:innen ozeanische Gefühle.
7 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Claus Leggewie
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