# taz.de -- Moskau auf Unterdrückungskurs: Proteste gegen Telegram-Blockade in Russland
> Der Messenger Telegram ist in Russland beliebt, aber bei der Kontrolle
> des Internets hinderlich. Unmut über das Vorgehen gegen die App ist
> weitverbreitet.
(IMG) Bild: Soll wohl bald verboten werden: Telegram in Russland
ap | Wenn es darum geht, Proteste gegen die zunehmende Blockierung der
beliebten Messaging-App Telegram zu verhindern, sind die russischen
Behörden erfinderisch. In Sibirien untersagten sie eine Kundgebung unter
dem Vorwand einer Bauminspektion. An anderen Orten führten sie Probleme bei
der Schneeräumung oder immer noch gültige Coronabeschränkungen als Grund
an. Und in einem Fall argumentierten die Verantwortlichen schlicht, der
Anlass für den Protest existiere gar nicht.
Behörden in fast einem Dutzend russischer Regionen haben in den vergangenen
Wochen diverse Vorwände benutzt, um Demonstrationen gegen Internetzensur zu
verhindern. In den meisten Fällen hatten sie Erfolg. [1][Angesichts des
harten Vorgehens] gegen Dissidenten seit der vor vier Jahren begonnenen
Ukraine-Invasion beschlossen Aktivisten, keine nicht genehmigten
Kundgebungen zu riskieren, auch wenn es dabei nicht um Proteste gegen den
Krieg ging.
Doch der Unmut über das Vorgehen gegen Russlands zweitbeliebteste
Messaging-App hält über das gesamte politische Spektrum hinweg an und
[2][verstärkt die Frustration über die wachsende Liste von Problemen, die
das Land plagen]. „Die Situation hat sich eindeutig verändert, die Gesetze
sind strenger geworden, aber der Protest ist nicht verschwunden“, sagte
Alexander Sustow, ein Abgeordneter in der fernöstlichen russischen Region
Primorje, wo im Februar eine Pro-Telegram-Kundgebung blockiert worden war.
„Die Unzufriedenheit bleibt. Und jedes Verbot schürt diese Unzufriedenheit
nur noch mehr.“
Die Beschränkung beim Zugang zu Telegram ist Russlands jüngster Schritt,
das Internet unter staatliche Kontrolle zu bringen. Tausende von Websites
und Plattformen sind blockiert, ebenso wie zahlreiche virtuelle private
Netzwerke, die es Nutzern ermöglichen, die Zensur zu umgehen. Die
verbreiteten Shutdowns des mobilen Internets machen nur noch einige wenige
von der Regierung genehmigte Websites verfügbar.
## Telegram ist eine äußerst beliebte App in Russland
Telegram liegt in der Beliebtheit bei den Russen nur knapp hinter WhatsApp,
das ebenfalls von starken Restriktionen betroffen ist. Die Behörden
[3][ermuntern die Nutzer, zu MAX zu wechseln – eine von der Regierung
unterstützte Messaging-App,] die Kritiker als staatliches
Überwachungsinstrument betrachten.
[4][Laut unbestätigten Medienberichten wird Telegram in den nächsten Wochen
vollständig gesperrt.] Die App hatte im Dezember 2025 laut der
Beobachtungsgruppe Mediascope 93,6 Millionen monatliche Nutzer in Russland
– das entspricht 76 Prozent der Bevölkerung.
## Proteste über politische Lager hinweg
Die Telegram-Restriktionen haben verschiedene politische Kräfte auf den
Plan gerufen, auch solche, die den Krieg oder den Kreml generell
unterstützen. Die verbreitete Bestürzung und das Fehlen einer eindeutigen
Begründung für Verbote und Auflagen hätten Menschen das Gefühl gegeben,
„sie könnten es sich leisten, hier zu protestieren“, sagt der Politologe
Abbas Galljamow.
Im Februar blockierten Mitglieder der ultranationalistischen Gruppe Das
andere Russland – die den Krieg befürwortet – den Eingang zum Moskauer Büro
der staatlichen Medien- und Internetaufsichtsbehörde Roskomnadsor und
hielten ein Transparent hoch, auf dem unter anderem stand: „Gebt uns ein
Internet ohne Überwachung.“ Sie wurden festgenommen, und es drohen ihnen
Strafanzeigen.
Regionale Zweigstellen der Kommunistischen Partei, die den Kreml im
Allgemeinen unterstützt, haben ebenfalls versucht, Kundgebungen zu
organisieren. In der sibirischen Region Altai wurden sie nicht genehmigt,
lokale Beamte erklärten, Behauptungen einer Internetzensur stünden „im
Widerspruch zur Realität“. Eine für Ende März im südlichen Krasnodar
geplante Kundgebung darf nach derzeitigem Stand stattfinden.
In den nördlichen Städten Narjan-Mar und Syktywkar gelang es KP-Aktivisten,
Mahnwachen abzuhalten, mit Plakaten, auf denen es hieß: „Es steht den
Beamten nicht zu, zu entscheiden, was wir lesen“ und „Das Internet ist kein
Gefängnis“. Doch das waren Ausnahmen, anderswo erlaubten die Behörden
Kundgebungen von vornherein nicht oder blockierten sie in letzter Minute.
So wurde Organisatoren einer Demonstration in der Uralstadt Perm zwei
Stunden vor Beginn mitgeteilt, dass am Versammlungsort eine „mögliche
Notsituation“ vorliege, die ihn für eine Versammlung ungeeignet mache. In
Nowosibirsk fanden die Teilnehmer einer geplanten Kundgebung den Platz mit
Bändern abgesperrt vor, angeblich wegen einer Bauminspektion, wie der
Aktivist Roman Malosjomow berichtete. Und das sind nur einige wenige
Beispiele unter vielen.
## „Ein weiterer Riss im Fundament“
Generell kommen Kundgebungen selten vor, seit die [5][Antikriegsproteste
2022 brutal unterdrückt wurden], die politische Strafverfolgung sprunghaft
gestiegen ist und sich Gesetze zur Einschränkung abweichender Meinungen
vervielfacht haben. Kleinere Demonstrationen fanden vereinzelt statt,
darunter auch nicht genehmigte. 2024 demonstrierten Ehefrauen von Soldaten
vor dem Kreml und dem Verteidigungsministerium, und in der Region
Baschkortostan versammelten sich mehr als 1.000 Menschen zum Protest gegen
die Inhaftierung eines lokalen Aktivisten, was zu Massenverhaftungen
führte.
Landwirte in Sibirien protestierten kürzlich gegen die ihrer Meinung nach
ungerechtfertigte Keulung von Rindern, und im nordrussischen Komi
demonstrierten Arbeiter einer Holzverarbeitungsfabrik, um ausstehende Löhne
einzufordern. Im vergangenen Herbst nahmen in Wladiwostok Hunderte an einer
genehmigten Protestaktion gegen erhöhte Kfz-Zulassungsgebühren teil. Der
Aktivist Malosjomow sagt, kleine Kundgebungen etwa gegen hohe
Stromrechnungen würden oft erlaubt, „um Leuten eine Gelegenheit zum
Dampfablassen zu geben, sodass sich Spannungen nicht aufbauen“.
Analyst Galljamow sagt, bei den Protesten gegen das Telegram-Verbot gehe es
eher darum, die Unzufriedenheit der Bevölkerung deutlich zu machen, als
„das Regime zu bekämpfen“. Aber es sei „ein weiterer Riss im Fundament“ von
Putins Herrschaft.
26 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Neue-Gesundheitspolitik-in-Russland/!6164954
(DIR) [2] /Repressionen-gegen-russische-Opposition/!6142679
(DIR) [3] /Internetzensur-in-Russland/!6147387
(DIR) [4] /Zensur-in-Russland/!6155093
(DIR) [5] /Antikriegsproteste-in-Russland/!5835629
## TAGS
(DIR) Russland
(DIR) Ukraine
(DIR) Telegram
(DIR) Unterdrückung
(DIR) Russland
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
(DIR) Unser Fenster nach Russland
(DIR) Videospiele
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Internet in Russland: Putins schöne neue Digitalwelt
Russlands Internet soll „souverän“ werden, ohne Anbindung an das globale
Web. Zensur und Drosselung treiben das Land in die digitale Sackgasse.
(DIR) Krieg in der Ukraine: Selenskyj verkauft Drohnen an die Golfstaaten
Die Ukraine schließt Abkommen für die Rüstungsindustrie in der Golfregion.
Die Vereinbarungen sind auch eine Folge der schwierigen US-Beziehungen.
(DIR) Angriff vor libyscher Küste: Rätsel um Frachter der russischen Schattenflotte
Vor der libyschen Küste wird der russische Flüssigerdgas-Frachter „Arctic
Metagaz“ angegriffen – von wem, ist allerdings noch ungeklärt.
(DIR) Wenn einen der Krieg nicht mehr loslässt: Die „Mutter eines Helden“ hat nicht zu weinen
Wer steht den Müttern und Ehefrauen von Soldaten in Russland bei? Zum
Beispiel eine Chat-App, die Hilfe verspricht – und den Frauen Gehorsam
eintrichtert.
(DIR) Altersbeschränkungen im Internet: Russlands Umgang mit Roblox ist kein Vorbild
Russland hat die Spieleplattform Roblox verboten, auch weil dort Kinder
sexuell belästigt werden. Doch solche Verbote treffen auch die Falschen.