# taz.de -- Tagebuch einer kurdischen Journalistin: Ihr Herz in den Bergen
> Die Tagebücher der kurdischen Journalistin Gurbetelli Ersöz erscheinen
> erstmals auf Deutsch. Ein Leben zwischen Schreiben und politischem Kampf.
(IMG) Bild: Gurbetelli Ersöz war Revolutionärin, Journalistin und Guerillakämpferin
Erstmals ist das Tagebuch „Ich habe mein Herz in die Berge graviert“ von
Gurbetelli Ersöz auf Deutsch erschienen. Jahrzehntelang waren ihre
Aufzeichnungen kaum zugänglich; in der Türkei sind sie bis heute verboten.
Dass ihre Texte nun in einer anderen Sprache gelesen werden können,
bedeutet eine späte Form von Öffentlichkeit für eine Frau, der diese
Öffentlichkeit zu Lebzeiten weitgehend verwehrt blieb.
Gurbetelli Ersöz wird 1965 im ostanatolischen Palu geboren – in einer
Region, die geprägt ist von Armut, politischer Spannung und dem Gefühl, am
Rand zu leben. Ihr Name bedeutet „die aus der Fremde“, und tatsächlich
wächst sie entlang einer biografischen Bruchlinie auf: Der Vater arbeitet
in Deutschland, wie viele Männer seiner Generation, während sie selbst
zwischen Abwesenheit, Sehnsucht und einer frühen Sensibilität für
Zugehörigkeit heranwächst. Schon als Kind begreift sie, dass Identität
nichts Gegebenes ist, sondern etwas, das infrage steht.
Sie ist eine gute Schülerin, wissbegierig, präzise, beinahe still in ihrer
Entschlossenheit. Ihr Weg führt sie an die Universität Çukurova, wo sie
Chemie studiert. Doch die Wirklichkeit drängt sich in dieses Studium
hinein: Die Reaktorkatastrophe von [1][Tschernobyl] 1986 und der
Giftgasangriff auf Halabja 1988 erschüttern sie tief. Chemie ist für sie
plötzlich nicht mehr nur Formel und Labor, sondern auch Zerstörung, Politik
und Gewalt. Dieser Moment wird zum Wendepunkt.
Anfang der 1990er Jahre verlässt sie die akademische Laufbahn und wird
Journalistin. Es ist eine bewusste Entscheidung: weg vom geschützten Raum
der Wissenschaft, hinein in die Öffentlichkeit. Sie schreibt für kurdische
Zeitungen und arbeitet unter Bedingungen, die von Beginn an gefährlich
sind. 1993 wird sie Chefredakteurin der türkischsprachigen,
[2][pro-kurdischen Zeitung Özgür Gündem] – als erste Frau in dieser
Position in der Türkei.
## In der Türkei bis heute verboten
Im Dezember 1993 wird die Redaktion gestürmt, zahlreiche Mitarbeitende
werden festgenommen – auch Gurbetelli Ersöz. Sie wird gefoltert, verbringt
Tage im Gewahrsam und wird schließlich inhaftiert. Als sie 1994 freikommt,
ist sie nicht nur körperlich gezeichnet, sondern auch beruflich isoliert.
Der Schritt, der folgt, wirkt von außen abrupt, ist aber innerlich lange
vorbereitet. 1995 geht sie in die Berge und schließt sich der [3][PKK] an.
Es ist ein Bruch mit ihrem bisherigen Leben – und zugleich eine Fortsetzung
mit anderen Mitteln. Wo Worte unterdrückt werden, wird das eigene Leben
politisch. Doch selbst dort, fern von Städten und Redaktionen, hört sie
nicht auf zu schreiben. Zwischen 1995 und 1997 führt sie Tagebuch. Inmitten
von Kälte, Angst und ständiger Bewegung hält sie fest, was sie erlebt.
Die Tagebücher zeigen eine Frau, die nicht in einfachen Gewissheiten lebt.
Sie schreibt über den Krieg ohne Verklärung, über Müdigkeit, über die Last
ihrer Entscheidungen, über die Fragilität von Hoffnung. Ihre Sätze wirken
oft wie ein Versuch, sich selbst nicht zu verlieren. Schreiben wird zu
einem Akt des Widerstands.
Am 8. Oktober 1997 stirbt Gurbetelli Ersöz bei einem Gefecht. Sie ist 32
Jahre alt. Was bleibt, ist ihr Tagebuch: kein abgeschlossenes Werk, sondern
ein Fragment, das Einblick gibt in ein Leben zwischen Denken und Handeln,
zwischen Zweifel und Entschlossenheit.
Dass diese Aufzeichnungen heute auf Deutsch gelesen werden können, während
sie im Land ihres Entstehens verboten sind, verleiht ihrer Geschichte eine
bittere Ironie.
27 Mar 2026
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(DIR) Derya Türkmen
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