# taz.de -- Kolonialisierung in „Anno 1800“: Staatlich geförderter Rassismus
       
       > Indigene ohne Strom, aber Öl für die „Alte Welt“: Wie „Anno 1800“
       > koloniale Ausbeutung verharmlost – und dafür auch noch Fördergelder
       > kassiert.
       
 (IMG) Bild: Spielszene aus Anno 1800
       
       Eigentlich hätte ich gerne eine Kolumne [1][über Ölknappheit] und Krieg
       geschrieben. Denn ungefähr zeitgleich mit Trumps Angriff auf Iran hat Beryl
       O'Mara mir den Krieg erklärt. Beryl ist ein Charakter in „[2][Anno 1800]“.
       In dem 2019 erschienenen Videospiel baut man ein Imperium auf und siedelt
       Bauern an, die später zu Arbeitern, Handwerkern, Ingenieuren und Investoren
       werden.
       
       Man konkurriert um neue Inseln mit anderen Akteur:innen, unter anderem
       Beryl. Die hat sich von meinem Wirtschaftswachstum so bedroht gefühlt, dass
       sie nun mit ihren blöden Flammenwerfern einen Öltanker nach dem anderen
       versenkt, weil sie alle Inseln am südlichen Rand der „Alten Welt“
       kontrolliert. Wie sollen meine Ingenieure jetzt ohne Strom klarkommen …
       
       Stopp! Wie bitte?? „Alte Welt“?
       
       Ja, ihr habt richtig gelesen, mein Öl importiere ich aus der „Neuen Welt“,
       die optisch der Karibik ähnelt, in die „Alte Welt“. Bei diesen Begriffen
       stellen sich meine Nackenhaare sofort derart auf, dass wir jetzt erstmal
       über Kolonialismus reden müssen.
       
       Die Inseln, die ich in der „Neuen Welt“ „entdecke“, sind leer. Das Narrativ
       stimmt nicht, denn die Kontinente Nord- und Südamerika waren zur Zeit ihrer
       „Entdeckung“ aka ihrer Invasion im 15. Jahrhundert nicht leer, sondern dort
       haben indigene amerikanische Menschen gewohnt. So zu tun, als wäre niemand
       vertrieben worden, verharmlost die ausbeuterische, mörderische
       Wirklichkeit.
       
       ## Rassistische Vorurteile
       
       Außerdem schürt „Anno 1800“ rassistische Vorurteile. Während sich Menschen
       in der „Alten Welt“ fünfmal weiterentwickeln lassen, gibt es in der „Neuen
       Welt“ nur zwei Stufen. Das von den Ingenieuren der „Alten Welt“ begehrte
       Erdöl können sie zwar abbauen und exportieren, aber kein eigenes Kraftwerk
       betreiben. Der Hersteller des Spiels, Ubisoft, vermittelt uns: Diese
       primitiven Menschen brauchen wir nur, um unsere wertvollen Arbeitskräfte in
       der „Alten Welt“ mit Luxusgütern zu versorgen.
       
       Erschreckenderweise ist das Spiel [3][staatlich gefördert]. Laut
       Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt sind durch die
       Games-Förderung mehr als zwei Millionen Euro in „Anno 1800“ geflossen,
       konkret in die Entwicklung der Konsolenversion und in Erweiterungen.
       Letztere bereichern die „Neue Welt“ zwar und gönnen den indigenen Menschen
       eine Entwicklungsstufe mehr. Am Ungleichgewicht ändert sich aber nichts.
       
       ## Hauptsache kein Krieg
       
       Beim Spielen wünsche ich mir, ich könnte mich der kolonialistischen
       Ausbeutung entziehen. Oder die Umweltverschmutzung durch die
       Industrialisierung eindämmen. Aber ich bleibe im permanenten Druck
       gefangen, das Wirtschaftswachstum meines Imperiums zu sichern. Um meine
       Bevölkerung von den schwarzen Wolken der Schwerindustrie abzulenken, kann
       ich nur Zoos und Springbrunnen bauen.
       
       Nachdem Beryl O’Mara innerhalb von zehn Minuten meine gesamte Flotte
       zerlegt hat, beende ich das Spiel – ohne zu speichern und lade neu. Ich
       öffne das Diplomatiefenster, biete ihr Geld an und bitte sie um Aufträge,
       um die Beziehung zu verbessern. Hauptsache kein Krieg. Ich wünschte, die
       Wirklichkeit wäre so einfach.
       
       25 Mar 2026
       
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