# taz.de -- Sinkende Geburtenraten: Das Kitasterben hat begonnen
> Immer weniger Kinder werden geboren – das bringt auch viele Kommunen in
> Bedrängnis. Sie müssen wie die Stadt Dresden nun Kitas schließen.
(IMG) Bild: Verkehrsschulung in der Kita Baumhaus, einem Eigenbetrieb der Stadt Dresden
Schon einmal war Sabine Bibas in dieser undankbaren Situation. „Als ich
1997 bei der Stadt Dresden angefangen habe, musste ich erstmal Kitas
schließen und Personal reduzieren“. Fast 30 Jahre später ist die Leiterin
des städtischen Kitabetriebes in einer ähnlichen Klemme. Bis zu 33 der
insgesamt über 400 Einrichtungen will die Stadt in mehreren Schritten
schließen. Der Grund ist derselbe wie damals: Es fehlen die Kinder.
Vor sechs Jahren war Dresden noch „Geburtenhauptstadt“, erzählt Bibas am
Telefon, doch seither ist die Zahl der Neugeborenen pro Jahr von über 6.000
auf knapp über 4.000 eingebrochen. Für die Kitas in der Stadt heißt das:
Von den rund 31.000 verfügbaren Plätzen sind aktuell nicht mal 25.300
belegt. In den kommenden Jahren wird die Auslastung sogar noch weiter
fallen – und das bringt die Stadt, die im vergangenen Jahr erstmals seit
Langem wieder Schulden aufnehmen musste, in zusätzliche Bedrängnis: „Wenn
man Kitas schließen muss, ist das nie schön“, so Bibas.
So wie Dresden ergeht es derzeit vielen Kommunen. Im Freistaat Sachsen ist
in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Geburten um etwa ein Drittel
gesunken. Ähnlich dramatisch sieht die demografische Entwicklung auch in
anderen Bundesländern aus. Eine Besserung ist nicht in Sicht. „Der Rückgang
der Kinderzahlen wird sich 2027 und 2028 noch stärker als bisher bemerkbar
machen“, sagte Anfang März Sachsens Kultusminister Conrad Clemens (CDU).
Zunächst würden kleine, ältere und baufällige Kitas geschlossen.
Auch Dresden macht erst solche und die in Notzeiten aufgestellten
Containerkitas dicht. Welche Einrichtungen danach dran glauben müssen, soll
der Jugendhilfeausschuss nach einer eigenen „Bewertungsmatrix“ entscheiden.
Ein wichtiger Faktor dabei: wie stark die Einrichtung ausgelastet ist.
## Personalschlüssel entscheidet
Weniger Kinder, das bedeutet für Kitas mehr finanziellen Druck. In Sachsen
beziehen die Einrichtungen aus drei Quellen Geld: über die Elternbeiträge,
den Landeszuschuss und kommunale Zugaben. Wenn weniger Kinder kommen,
zahlen zum einen weniger Eltern Beiträge. Und zum anderen hängt auch der
Landeszuschuss davon ab, wie viele Kinder eine Tagesstätte betreut.
Aktuell finanziert der Freistaat Sachsen im Kindergarten eine
Vollzeitstelle je 11 Kinder, so sieht es der Personalschlüssel laut
Kitagesetz vor. Für die Kleinen in der Krippe gibt es eine Vollzeitstelle
je 5 Kinder. Besuchen weniger Kinder die Kita, sinkt auch der
Landeszuschuss für die Einrichtung.
Um abzudämpfen, dass Kitas ihr Personal wegen der sinkenden Finanzierung
kündigen, wurde in Sachsen ein sogenanntes Kitamoratorium ausgesprochen.
Kurz gesagt: Das Land zahlt den Kitazuschuss in gleicher Höhe weiter, auch
wenn die Zahl der Kinder zurückgeht. Auch andere Länder wie Sachsen-Anhalt,
Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg oder Thüringen haben ähnliche Maßnahmen
aufgelegt, um die Fachkräfte in den Kitas zu halten.
In Sachsen gilt das Moratorium seit August 2025. Mit dem Geld seien
landesweit 210 Vollzeitstellen mehr finanziert worden als über den
Personalschlüssel vorgesehen, teilt das Kultusministerium auf taz-Anfrage
mit. Ob die Minderheitsregierung aus CDU und SPD die Finanzspritze auch
nach Auslaufen des aktuellen Doppelhaushalts beibehält, ist angesichts der
[1][Sparzwänge der jüngsten Vergangenheit] zumindest fraglich. Laut eines
Ministeriumssprecher „bleibt es bei unserem Ziel, die Mittel im System zu
belassen“.
## Bürgermeister spricht von „Witz“
Aus Sicht von Dresdens Bürgermeister Jan Donhauser würde das allein bei
Weitem nicht ausreichen: „210 Stellen für ganz Sachsen, das ist ein Witz“,
sagt Donhauser der taz. Der CDU-Politiker ist in der Landeshauptstadt für
Bildung zuständig. „Jedes Jahr steigt unser Anteil an den Kitakosten.“ Das
liege jedoch nur zum Teil an der Demografie. Auch die Betriebskosten für
einen Kitaplatz – also Personalkosten, Miete, Reinigung und Ähnliches –
stiegen derzeit jedes Jahr um 8 Prozent an. „Da zahlt uns das Land keinen
Cent dazu.“ Dadurch übernimmt die Stadt Dresden in diesem Jahr bereits 58
Prozent der Kitaausgaben, 2026 werden es laut der Statistiker:innen im
Rathaus schon fast 61 Prozent sein.
Trotz der geplanten Kitaschließungen soll laut Donhauser kein Personal
entlassen werden. Die Stadt versucht, das Personal rein über altersbedingte
Abgänge zu reduzieren. Im besten Fall darf Sabine Bibas für die städtischen
Kitas sogar neues Personal einstellen. Trotzdem sagt auch Bibas: „Uns droht
eine überalterte Belegschaft in den Kitas.“ In der Vergangenheit stellte
sie schon mal bis zu 300 Erzieher:innen pro Jahr ein – in diesem Jahr
war es gerade mal eine Handvoll.
Katja Reichel vom Sächsischen Erzieherverband SEV fürchtet eine
Massenabwanderung von Fachkräften „in den Westen, wo derzeit noch
händeringend Erzieher:innen gesucht werden“. Die Vorstandsvorsitzende
habe schon Abwerbeanrufe erhalten, ob sie Personal vermitteln könne, Kosten
für den Umzug seien kein Problem. „Wenn die Landesregierung nicht dringend
die Personalschlüssel verbessert, droht uns eine Entlassungswelle“, sagt
Reichel der taz. In Chemnitz oder Mittweida sei es schon zu ersten
Entlassungen gekommen.
## Sachsen bundesweit Vorletzter
Tatsächlich gehören die Personalschlüssel in Sachsen zu den schlechtesten
bundesweit. Nur in Mecklenburg-Vorpommern muss eine Fachkraft im
Kindergarten noch mehr Kinder betreuen. Nach einem Monitoringbericht aus
dem Bundesfamilienministerium liegt Sachsen auch bei den Vorgaben zur
Krippe, also den Kindern bis drei Jahren, in der Gruppe mit den
schlechtesten Werten, gemeinsam mit Sachsen-Anhalt und
Mecklenburg-Vorpommern.
Was Reichel, die selbst eine Dorfkita im Landkreis Mittelsachsen leitet, am
Vorgehen der Landesregierung besonders stört: Die leichten Verbesserungen
im Personalschlüssel, die mit dem Moratorium einhergehen, werden an anderer
Stelle wieder zunichtegemacht. So seien – im Vergleich zu vorher – keine
eigenen Schlüssel für rein pädagogische Tätigkeiten wie Vor- und
Nachbereitung mehr vorgesehen. „Die eigentliche Arbeit mit Kindern wird
dadurch also nicht besser“, so Reichel.
Die GEW Sachsen wertet das Moratorium immerhin als „Teilerfolg“, kritisiert
aber auch die Personalschlüssel, die nicht die Betreuungsrealität
abbildeten. Im Kindergarten gehe die gesetzliche Vorgabe zum Beispiel von
einer 9-stündigen Betreuungszeit aus, dabei seien die meisten Einrichtungen
länger geöffnet. Weiterbildung, Urlaub oder Krankheit berücksichtige der
Personalschlüssel ebenfalls nicht ausreichend, bemängelt die Gewerkschaft.
Es brauche mehr Personal, um die pädagogischen Ziele zu erreichen.
Die massive Kritik hat auch den zuständigen sächsischen Kultusminister
Clemens erreicht. Anfang Mai soll deshalb ein Kitagipfel in Dresden
stattfinden.
Egal, wie der ausgeht, SPD-Politiker:innen aus den fünf ostdeutschen
Bundesländern erkennen noch eine weitere Gefahr: Ab 2027 drohe sich die
Lage für Kitas in Sachsen, Thüringen & Co noch zu verschärfen, [2][warnen
sie in einem aktuellen Forderungspapier.] Dann nämlich dürfen die Länder
Bundesmittel unter anderem aus dem Kitaqualitätsgesetz, über das der Bund
aktuell zwei Milliarden im Jahr für die Kitaqualität bereitstellt, nicht
mehr wie bisher zur Verbesserung des „Fachkraft-Kind-Schlüssels“ verwenden.
Für die Kitas in Dresden gibt es derzeit drängendere Probleme. Noch sind
die Pläne von Bildungsbürgermeister Donhauser noch nicht abgesegnet. Ob
wirklich kein Personal entlassen werden muss, zeigt sich erst, wenn der
Stadtrat den Haushalt für das kommende Jahr beschließt – inklusive
steigender Ausgaben für die Kinderbetreuung. Sabine Bibas vom städtischen
Kitabetrieb hofft, dass sich die Fehler aus den 1990ern nicht wiederholen.
25 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Sachsen-spart-soziale-Projekte-kaputt/!6061980
(DIR) [2] https://www.spd-fraktion-sachsen.de/wp-content/uploads/260219_SPD-Forderungspapier-Kita-Ost.pdf
## AUTOREN
(DIR) Ralf Pauli
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