# taz.de -- Fahren ohne Fahrschein in Hamburg: Bahnfahrt soll nicht mehr in den Knast führen
> Wer ohne Ticket in Bus und Bahn erwischt wird, soll künftig keine
> Gefängnisstrafe mehr befürchten müssen. Dafür will sich die SPD in
> Hamburg einsetzen.
(IMG) Bild: Soll bald nicht mehr im Knast enden: Fahrkartenkontrolle in Hamburgs Bussen und Bahnen
Wer in Hamburg ohne Ticket Bus oder Bahn fährt, soll deswegen nicht mehr im
Knast landen können. Dafür will sich die Hamburger SPD einsetzen. Das hat
sie auf dem Landesparteitag am vergangenen Wochenende entschieden, wo ein
entsprechender Antrag der Jusos angenommen wurde. 2024 hatten die
Sozialdemokraten einen ähnlichen Vorschlag der Linken in der Bürgerschaft
noch abgelehnt. Der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) reagiert verhalten.
Wird der Vorschlag vom rot-grünen Senat umgesetzt, wäre Hamburg eine von
momentan [1][13 Großstädten in Deutschland, die das Fahren ohne Ticket
nicht mehr anzeigen]. So machen es unter anderem schon Bremen, Kiel,
Leipzig und Köln. Das zeigt eine Karte des [2][Freiheitsfonds, die sich für
eine Entkriminalisierung des ticketlosen Fahrens einsetzen].
Noch ist [3][Fahren ohne Ticket in Deutschland verboten]. Das regelt der
Paragraf 265a im Strafgesetzbuch als „Erschleichen von Leistungen“. Darauf
stehen Geld- und Freiheitsstrafen. Wer die in den meisten Fällen verhängten
Geldstrafen nicht zahlen kann, kriegt eine sogenannte Ersatzfreiheitsstrafe
aufgebrummt. Bundesweit sitzen deshalb pro Jahr [4][Schätzungen zufolge
9.000 Menschen im Knast]. Die meisten sind arm und ohne festen Wohnsitz.
Das Gesetz ändern kann nur die Bundespolitik. Ein entsprechender
Gesetzesentwurf scheiterte zuletzt Ende 2024 daran, dass die
Ampel-Koalition auseinanderbrach. Städte wie Hamburg können ihren
Verkehrsbetrieben aber trotzdem sagen, dass sie Menschen, die ohne
Fahrschein fahren, nicht mehr anzeigen sollen. Die
„Beförderungserschleichung“ ist ein Anzeigendelikt, wird also nur verfolgt,
wenn jemand Anzeige erstattet. Verzichten städtische Verkehrsbetriebe auf
die Anzeigen, bleibt das Fahren ohne Ticket zwar illegal, wird aber nicht
verfolgt.
Die Jusos Hamburg, die den Antrag zusammen mit dem Freiheitsfonds
eingebracht haben, sprechen daher von einem „Paradigmenwechsel“. Ihr
Argument: Der Verzicht auf Strafanzeigen entlaste Polizei,
Staatsanwaltschaften, Gerichte und die in Hamburg chronisch überbelegten
Gefängnisse. Das spare auch Geld: [5][Ein Hafttag kostet die Hansestadt
rund 200 Euro]. Es sei zudem „ein Zeichen gegen die Kriminalisierung armer
Menschen“.
## HVV sorgt sich um falsches Signal
In Hamburg werden regelmäßig Menschen wegen „Beförderungserschleichung“
verurteilt. 2024 waren es 160, von ihnen ist eine Person zu einer
Freiheitsstrafe verurteilt worden und 151 zu Geldstrafen. Das hat eine
[6][kleine Anfrage der Linksfraktion] ergeben. Die Zahl der Menschen, die
[7][im Knast landen, weil sie eine Geldstrafe nach ticketlosem Fahren nicht
zahlen können,] schwankt und liegt im ein- bis zweistelligen Bereich.
[8][Ende 2025 waren es zum Beispiel 5 Menschen].
„Uns geht es überhaupt nicht darum, dass Personen ins Gefängnis kommen“,
sagt Rainer Vohl, der Sprecher der HVV, der taz. Aber Vohl befürchte, mit
der aktuellen Diskussion könne ein falsches Signal gesendet werden, und
zwar, „dass ab sofort die Zügel gelockert werden und die Bereitschaft, es
ohne Ticket zu versuchen, wächst“. Laut Senat seien den Verkehrsbetrieben
durch das ticketlose Fahren im vergangenen Jahr 29,9 Millionen Euro durch
die Lappen gegangen.
Das Abschreckungsargument lässt Leonard Ihßen, Sprecher vom Freiheitsfonds,
nicht gelten. „Ich finde, dass die Verkehrsbetriebe da mit gespaltener
Zunge sprechen.“ Kein Verkehrsunternehmen nutze das drohende Gefängnis
wirklich zur Abschreckung. „Sondern in Bussen und Bahnen steht nur: Du
musst 60 Euro zahlen.“
In Hamburg wäre das auch weiter so. Das heißt: Wer ohne Ticket erwischt
wird, müsste auch weiter das sogenannte erhöhte Beförderungsentgelt von 60
Euro bezahlen; nur eben nicht mehr mit einer Strafanzeige rechnen. Ohnehin
sei das eine Doppelbestrafung, kritisiert der Freiheitsfonds.
Angezeigt wird man von den Hamburger Verkehrsbetrieben, wie in vielen
anderen Städten, derzeit auch, wenn man die 60 Euro bezahlt. Die Hochbahn,
die in Hamburg Busse und Bahnen betreibt, zeigt zum Beispiel standardmäßig
und automatisch alle an, die dreimal innerhalb von zwölf Monaten ohne
Ticket erwischt werden – auch wenn sie die 60 Euro rechtzeitig bezahlen.
Der Beschluss des SPD-Landesparteitags ist nicht bindend für die rot-grüne
Regierung. Hamburgs [9][Justizsenatorin Anna Gallina (Grüne) spricht sich
aber schon länger für den Anzeigenverzicht aus]. Eine taz-Anfrage, ob er
sich jetzt bald dafür einsetzt, hat der rot-grüne Senat bis
Redaktionsschluss nicht beantwortet. Die CDU lehnt den Vorschlag ab.
Leonhard Ihßen vom Freiheitsfonds findet, der SPD-Beschluss müsse vom
Bürgermeister „nur noch verwandelt werden“. Er erhoffe sich von Hamburg
einen Dominoeffekt dafür, „dass dieses Gesetz endlich bundesweit
abgeschafft wird“.
25 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Fahren-ohne-Fahrschein/!5986103
(DIR) [2] https://www.freiheitsfonds.de/
(DIR) [3] /Fahren-ohne-Fahrschein/!6136385
(DIR) [4] /Freedom-Day-am-27-November/!6132426
(DIR) [5] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/102962/23_03210_kriminalisierung_des_fahrens_ohne_fahrschein#search=%22ersatzfreiheitsstrafe%22%23navpanes=0
(DIR) [6] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/102962/23_03210_kriminalisierung_des_fahrens_ohne_fahrschein#search=%22ersatzfreiheitsstrafe%22%23navpanes=0
(DIR) [7] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/79904/22_08252_knast_fuer_fahren_ohne_ticket#search=%22ersatzfreiheitsstrafe+Drs--22-8252%22%23navpanes=0
(DIR) [8] https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/102962/23_03210_kriminalisierung_des_fahrens_ohne_fahrschein#search=%22libbertz+libbertz-fahren%22%23navpanes=0
(DIR) [9] https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Fahren-ohne-Ticket-HVV-stellt-sich-gegen-Entkriminalisierung,hvv774.html
## AUTOREN
(DIR) Amira Klute
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