# taz.de -- Drogenkonsum in Berlin: Die ganze Bandbreite der Gesellschaft
       
       > Eine Abwasseranalyse zeigt: Vor allem der Konsum von Kokain steigt stark.
       > Für viele gehört die Droge zum Alltag, auch durch die ständige
       > Verfügbarkeit.
       
 (IMG) Bild: Spieglein, Spieglein, muss das sein?
       
       Ob Dienstag oder Freitag: In Berlin wird konstant gekokst. Ketamin,
       Cannabis, Speed und Crystal Meth hingegen sparen sich die
       Berliner*innen lieber für das Wochenende auf. Das zeigt die
       Abwasseranalyse der [1][EU-Drogenagentur (Euda)]. Erstmals seit drei Jahren
       hat Berlin wieder an der Erhebung teilgenommen. Und die Stadt landet gleich
       zweimal im europaweiten Vergleich in den Top 5: Platz 4 bei
       Cannabisrückständen, Platz 3 bei Ketamin – nur Amsterdam und Bristol
       verzeichnen höhere Messwerte.
       
       „Die Ergebnisse sind angesichts der ausgeprägten Clubkultur in Berlin keine
       Überraschung“, sagt João Pedro Matias. „Sie bestätigen bestehende Trends.“
       Matias ist Analyst bei Euda, die Abwasserrückstände der genannten fünf
       Rauschmittel aus 128 Städten analysiert. Abwasseruntersuchungen gelten als
       eine der zuverlässigsten Methoden, Drogenkonsum vergleichbar zu messen. 13
       deutsche Städte nahmen teil – gleich 5 von ihnen landeten in den Top 10.
       
       In Berlin zeigt sich ein klarer Trend: Ketamin und Kokain werden immer
       beliebter. Beim Koks folgt die Hauptstadt dem europäischen Muster – die im
       Abwasser nachgewiesene Gesamtmenge von Kokainrückständen stieg gegenüber
       dem Vorjahr europaweit um 22 Prozent. Mit 644 Milligramm pro 1.000
       Einwohner und Tag liegt Berlin im europäischen Vergleich zwar eher im
       Mittelfeld: auf Platz 38 von 128. Die Rückstände sind aber mehr als dreimal
       so hoch wie noch im Jahr 2014.
       
       Besorgniserregend: Während die Werte für die meisten Substanzen am
       Wochenende deutlich ansteigen, wird Kokain offenbar über die gesamte Woche
       hinweg mehr oder weniger konstant viel konsumiert. Wie in anderen Städten
       dürften auch in Berlin [2][Faktoren wie Partytourismus, Verfügbarkeit und
       popkultureller Hype] den Konsum beeinflussen.
       
       „Kausale Zusammenhänge sind schwer nachzuweisen“, betont Euda-Analyst
       Matias. Daher könne etwa auch nicht festgestellt werden, ob der
       Cannabiskonsum in Deutschland aufgrund der Teillegalisierung im April 2024
       zugenommen hat. Dass Kokain auch zur Bewältigung eines stressigen Alltags
       genutzt wird, schließt Matias nicht aus – allerdings zeigten Studien, dass
       eher Amphetamine damit in Verbindung stünden.
       
       ## Koks gegen den Stress
       
       Betroffene zeichnen ein anderes Bild: „In der Gastro-Welt wird an jedem Tag
       in der Woche konsumiert“, erzählt ein Koch, der anonym bleiben möchte, der
       taz. „Daraus wird kein Geheimnis gemacht. Jeder in der Küche weiß, dass es
       eine Kühlschublade gibt, in der das Koks vom Küchenchef liegt.“ Der Grund:
       „Man arbeitet unter Dauerstress, muss immer liefern und zwölf Stunden am
       Tag das Niveau unter Hochdruck halten.“
       
       Nicht nur in der Gastronomie ist Koks weit verbreitet. In seinem früheren
       Salesjob habe fast jeder konsumiert, berichtet der Koch. Oft habe sein Chef
       ihn noch im Büro nach einer Nummer von einem Kokstaxi gefragt.
       
       „Wer davon ausgeht, dass vor allem Menschen in prekären Verhältnissen von
       Drogenabhängigkeit betroffen sind, liegt falsch“, betont auch der
       Suchttherapeut Hanspeter Eckert, therapeutischer Leiter [3][bei Kokon]. Der
       Berliner Verein bietet eine auf stimulierende Substanzen wie Kokain,
       Amphetamin und Crystal Meth spezialisierte ambulante Therapie an, Eckert
       ist hier seit 1995 tätig.
       
       „Ungefähr 90 Prozent der Menschen, die zu uns kommen, sind in Arbeit“,
       berichtet Eckert. Es sei die ganze Bandbreite der Gesellschaft: Banker,
       Juristen, Ärzte, Sozialarbeiter, Künstler, IT-Experten, Medienschaffende.
       „Handwerker sind besonders oft betroffen, der Bau ist ein Risikobereich.“
       In manchen Branchen werde Konsum regelrecht zelebriert.
       
       Auch Eckert erklärt, dass Kokain keine klassische Partydroge sei. „Die
       Substanz wird eingesetzt, um den Alltag stabil zu halten: Man will sich zur
       Arbeit motivieren oder nach der Arbeit entspannen.“ Der erste Kontakt mit
       der Droge finde zwar meistens in der Freizeit statt. „Die Menschen stellen
       dann aber oft fest: Auch die Arbeit geht ihnen scheinbar leichter von der
       Hand, wenn sie konsumieren.“
       
       ## Jederzeit verfügbar
       
       Eine ausgefeilte Infrastruktur macht es möglich: Kokain ist heute schneller
       und unkomplizierter zu beschaffen als noch vor wenigen Jahren. Sogenannte
       Kokstaxis, die Bestellungen per Messenger entgegennehmen und die Droge
       direkt nach Hause oder vor die Haustür liefern, haben sich immer mehr
       etabliert. Bestellt wird häufig über verschlüsselte Dienste, geliefert wird
       in unter einer Stunde – rund um die Uhr. Flyer, die dafür werben, finden
       sich an allen Ecken im öffentlichen Raum: in Briefkästen, auf Aufklebern
       oder online.
       
       Die Kokainschwemme in Berlin spiegele sich im Hilfebedarf wider, sagt
       Hanspeter Eckert: Bei Kokon sei die Zahl der Anfragen für Beratung und
       Therapie in den vergangenen 10 Jahren um rund 60 Prozent gestiegen. „Es
       gibt eine klare zeitliche Parallele zum Aufkommen der Drogentaxis ungefähr
       ab 2016“, berichtet Eckert. „Angebote auf Messengerdiensten und überall
       sichtbare Dealerwerbung beschleunigen die Entwicklung.“
       
       Während der Coronapandemie habe sich die Situation zusätzlich verschärft:
       „Viele, die vor der Pandemie nur gelegentlich konsumiert haben, haben im
       Lockdown ungezügelter konsumiert und eine Sucht entwickelt.“ Die hohe
       Nachfrage nach Beratung und Therapie sei seitdem nicht mehr abgeflacht.
       
       ## Immense Folgen
       
       Die Folgen für die Betroffenen seien immens, berichtet der Psychotherapeut.
       „Der Konsum bekommt für das eigene Leben höchste Priorität – die Substanz
       fühlt sich wichtiger an als die Partnerschaft, die eigenen Kinder, der
       Job.“ Betroffene seien oft bereit, ihr ganzes Geld zu opfern, Kredite
       aufzunehmen, auch Geld zu veruntreuen. Irgendwann seien sie trotz äußerlich
       intakter Fassade innerlich so isoliert, dass sie mit niemandem mehr offen
       sprechen können – auch aus Angst vor der Konfrontation mit der eigenen
       Sucht.
       
       Auch wenn die Normalisierung und Allgegenwärtigkeit des Konsums alarmierend
       erscheinen – Euda-Analyst João Pedro Matias sieht einen möglichen Vorteil:
       „Es wird mehr über Substanzen gesprochen, und Konsument*innen sind
       besser über Risiken und Safer Use informiert.“
       
       Dass der Bedarf an sicherem Konsum wächst, zeigt auch die [4][hohe
       Nachfrage bei den drei Teststellen] des Berliner
       [5][Drug-Checking-Projekts]. Dort können Konsument*innen kostenlos,
       legal und anonym psychoaktive Substanzen analysieren lassen. Doch die
       Kapazitäten [6][reichen bei Weitem nicht aus], um die enorm hohe Nachfrage
       zu decken.
       
       18 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.euda.europa.eu/
 (DIR) [2] /Drogenkonsum-in-Berlin/!6107010
 (DIR) [3] https://www.kokon.de/
 (DIR) [4] /Drug-Checking-in-Berlin/!6026029
 (DIR) [5] https://drugchecking.berlin/
 (DIR) [6] /Drug-Checking-in-Berlin/!6031313
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lilly Schröder
 (DIR) Hanno Fleckenstein
       
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