# taz.de -- Kommunalwahlen in Frankreich: Mélenchon ist ungeliebt, aber unverzichtbar
> Die Linke kann die Stichwahl am Sonntag nur mit Hilfe von La France
> insoumise gewinnen. Doch Antisemitismusvorwürfe gegen LFI erschweren
> Absprachen.
(IMG) Bild: Angewiesen auf die LFI: Sozialist Benoît Payan bei der Stimmabgabe in Marseille am 15. 3. 2026
In Frankreich gehen die Kommunalwahlen am Sonntag in die zweite Runde. Es
geht um Städte, wo am 15. März keine Liste eine absolute Mehrheit gewonnen
hatte. Lokale Wahlabsprachen in letzter Minute verändern die Ausgangslage
oft grundlegend.
[1][In der bisher rot-grün regierten Hauptstadt Paris kann sich die
Konservative Rachida Dati, die am 15. März nur 25,5 Prozent der Stimmen
erhalten hatte und damit weit weniger als ihr sozialistischer Gegner
Emmanuel Grégoire, wieder große Chancen auf den Bürgermeisterposten
ausrechnen]. Sie hat keine Konkurrenz mehr von zwei anderen rechten Listen.
Die Liste des Macronisten Pierre-Yves Bournazel, die mit mehr als 11
Prozent zur Teilnahme an der Stichwahl berechtigt war, hat auf Druck seiner
Partei Horizons hin mit derjenigen von Dati „fusioniert“. Bournazel hatte
stets gesagt, er wolle nichts mit Dati zu tun haben, weil sie offen um die
Sympathien der extremen Rechten werbe.
Sein Name steht nicht auf der gemeinsamen Liste, zudem will er sich ganz
aus der Politik zurückziehen. Die Rechtsradikale Sarah Knafo hat ihre Liste
zurückgezogen, „um die Linke zu schlagen“. Dati erklärte, sie habe
politische Schnittmengen mit Knafo, deren Partei „Reconquête!“ rechts von
Marine Le Pens Rassemblement National (RN) angesiedelt ist.
## Heftige Kritik
Grégoire, der mit 38 Prozent am vergangenen Sonntag noch als klarer Favorit
galt, hat hingegen in der Schlussrunde gegen Dati auf der Linken mit der
Liste von Sophia Chikirous Linkspartei La France insoumise (LFI) eine
Konkurrentin. In Paris haben es die mit den Grünen (EELV) und Kommunisten
verbündeten Sozialisten abgelehnt, mit Chikirou über einen Deal zu reden.
Sie betrachten eine Allianz mit LFI und deren Spitzenkandidatin weder als
nützlich noch als politisch vertretbar. Chikirou hatte in ihrer Kampagne
die in Paris seit 25 Jahren regierenden Sozialisten heftig kritisiert.
[2][In Marseille] hatte der bisherige sozialistische Bürgermeister Benoît
Payan aus politischen Gewissensgründen jede Kooperation mit der LFI-Liste
von Sébastien Delogu ausgeschlossen. Payans liegt aber nach der ersten
Runde mit 36 Prozent nur ganz knapp vor Franck Allisio vom RN. Die
Rechtsextremen hoffen, bei diesen Wahlen die zweitgrößte Stadt Frankreichs
als schönste Trophäe zu gewinnen.
Für sie wäre das eine Generalprobe vor den Präsidentschaftswahlen 2027, bei
denen alle Umfragen den RN-Parteichef Jordan Bardella als Favoriten sehen.
Diese Gefahr hat Delogu bewogen, seine Liste zurückzuziehen. Payan kann
aufatmen, denn auf der rechten Gegenseite hält die Konservative Martine
Vassal an einer Teilnahme ihrer Liste an der Stichwahl fest.
## Verantwortungsloser Opportunismus
Keine Berührungsängste mit LFI haben die Sozialisten, Grünen und
Kommunisten andernorts – namentlich in Lyon, Limoges, Avignon, Grenoble,
Toulouse, Besançon, Nantes, Brest oder Clermont-Ferrand – wenn es darum
geht, am Sonntag doch noch gegen die Rechte oder extreme Rechte zu
gewinnen. Die Linkseinheit wird von einer Mehrheit der Wählerbasis
gebilligt oder ausdrücklich gewünscht.
Die politische Gegenseite, die nur ausnahmsweise offiziell mit der extremen
Rechten zusammengeht, verurteilt diese Allianzen mit LFI als
verantwortungslosen Opportunismus. Mit überraschend starken Resultaten in
zahlreichen Städten bei den Kommunalwahlen weckt LFI Ängste, die an den
Antikommunismus des Kalten Kriegs erinnern.
Das Programm von LFI fordert keinen revolutionären Umsturz. Die Rede ist
von einer Verfassung für eine „Sechste Republik“ mit einem neuen
institutionellen Machtgefüge und mehr direkter Demokratie. Mit seiner
Bewunderung für Castro, Chávez oder Maduro schürte Mélenchon indes den
Verdacht, dass er mehr von einem Regime träumt, das seiner eigenen
autokratischen Parteiführung gleicht.
Es sind vor allem Antisemitismusvorwürfe, die LFI zu einem umstrittenen
Partner für die anderen linken Parteien und EELV machen. Mélenchon machte
kürzlich in Lyon Wortspiele mit jüdischen Namen wie Epstein, Einstein,
Glucksmann, die an altbekannte antisemitische Witze erinnern.
## Kompromisslose Worte
Im Kreuzfeuer der Polemik steht neben Mélenchon vor allem die
LFI-Europaabgeordnete Rima Hassan. Sie kam in einem palästinensischen
Flüchtlingslager auf die Welt und bekämpft in Frankreich die israelische
Siedlungs- und Kriegspolitik mit kompromisslosen Worten, die angeblich der
antizionistischen Propaganda der Hamas entlehnt sein sollen.
Im politischen Mainstream aber wird (auch) in Frankreich ein solcher
Antizionismus spätestens seit dem terroristischen Massaker vom 7. Oktober
2023 als Form von Antisemitismus verurteilt. Dass sich LFI zunächst
weigerte, den 7. Oktober als „Terrorismus“ zu benennen, und den
Hamas-Angriff als „Widerstand“ bezeichnete, verschärfte die Attacken.
LFI ist klar propalästinensisch und richtet sich an eine Bevölkerung in der
Banlieue, wo Familien aus nordafrikanischen Staaten leben, die solidarisch
mit den Palästinensern und gegen Israel sind. Diese Strategie hat bei den
lokalen Wahlen gezogen. LFI hat sich damit zugleich Feinde gemacht, unter
anderem beim Repräsentativen Rat der jüdischen Institutionen (CRIF). Dessen
Vorsitzender verteidigt die israelische Kriegspolitik und den Völkermord in
Gaza. Von rechts bis weit in die Reihen der Linken wird verlangt, dass eine
„Brandmauer“ gegen LFI errichtet werden müsse.
Das konnte LFI bei den Kommunalwahlen weitgehend verhindern. Dank der
lokalen Wahlbündnisse wird sie wieder in der linken Familie aufgenommen.
Falls die Allianzen erfolgreich sind, wird dies der Linken für die Wahlen
in einem Jahr als positive Lektion dienen.
In der [3][aktuellen Fernverbindung], dem taz-Auslandspodcast, geht es um
die Kommunalwahlen in Frankreich.
19 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kommunalwahlen-in-Frankreich/!6162764
(DIR) [2] /Kommunalwahlen-in-Frankreich/!6157044
(DIR) [3] /Kommunalwahlen-in-Frankreich/!6163664
## AUTOREN
(DIR) Rudolf Balmer
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Frankreich
(DIR) Jean-Luc Mélenchon
(DIR) Bürgermeister
(DIR) Kommunalwahl
(DIR) Kommunalwahl
(DIR) Podcast „Fernverbindung“
(DIR) Schwerpunkt Frankreich
(DIR) Schwerpunkt Rassemblement National
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kommunalwahl in Frankreich: Paris und Marseille bleiben links
In den beiden größten Städten Frankreichs setzt sich die Linkspartei durch.
Die Rechtspopulisten sollen etwa 30 Städte für sich entschieden haben.
(DIR) Kommunalwahlen in Frankreich: Raufen sich Frankreichs Linke doch zusammen?
Zuerst wollte keiner mit der Linkspartei LFI zusammenarbeiten. Nun zeichnen
sich doch Bündnisse ab. Wie kommt das? Geht Paris trotzdem an die Rechten?
(DIR) Erste Runde Kommunalwahlen in Frankreich: Links gegen links?
Die französische Linkspartei LFI überrascht mit Erfolgen, doch andere linke
Parteien wollen möglichst wenig mit ihr zusammenarbeiten.
(DIR) Kommunalwahlen in Frankreich: In Paris und Marseille wird's kompliziert
Bei den Bürgermeisterwahlen in Frankreich hat Marine Le Pens Partei an
Stimmen zugelegt. In Paris wirbt die Konservative Rachida Dati um die
Stimmen der Rechten und der extremen Rechten.