# taz.de -- Erste Runde Kommunalwahlen in Frankreich: Links gegen links?
> Die französische Linkspartei LFI überrascht mit Erfolgen, doch andere
> linke Parteien wollen möglichst wenig mit ihr zusammenarbeiten.
(IMG) Bild: LFI-Kandidat David Guiraud: In Roubaix hat er sehr gute Aussichten, am kommenden Sonntag Bürgermeister zu werden
Es rumort im linken politischen Lager in Frankreich am Morgen nach der
ersten Runde der Kommunalwahlen, und eines ist jetzt schon klar: Die
Strategie der gemäßigten Linken, der Sozialisten (PS) und der Grünen
(EELV), sich in den vergangenen Wochen und Monaten immer deutlicher von der
Linkspartei La France insoumise (LFI) zu distanzieren und politische
Allianzen auszuschließen, hat sich nicht ausgezahlt.
Stattdessen überraschten LFI-Kandidat*innen in mehreren Städten mit starken
Ergebnissen. Dass auch die rechtsextreme Partei Rassemblement National (RN)
Zugewinne erzielte, zeigt, dass sich das Erstarken der Ränder ein Jahr vor
den Präsidentschaftswahlen weiter fortsetzt.
Im Pariser Vorort Saint-Denis, der 150.000 Einwohner zählt, wurde der
LFI-Kandidat Bally Bagayoko bereits in der ersten Runde knapp zum neuen
Bürgermeister gewählt. Schon in der Wahlnacht feierte man ihn wie einen
Helden und Vorboten kommender Siege. Noch in der Nacht änderte er seine
Selbstbeschreibung auf Instagram in „Bürgermeister“, so, als wolle er
seinen Mitstreiter zurufen: Wir sind wieder wer!
Besonders neugierig aber blicken die Analyst*innen im Moment in den
Norden Frankreichs, nach Lille und Roubaix. In der „Hauptstadt von
Flandern“, traditionell von den Sozialisten regiert, schloss die
LFI-Kandidatin Lahouaria Addouche unerwartet mit nur 3 Prozent Punkten
Unterschied zum amtierenden Bürgermeister Arnaud Deslandes (PS) auf. Erst
vor ein paar Tagen war die Führungselite der Partei nach Lille gereist, um
sie zu unterstützen.
## Muskeljungs und Comedians
In der angrenzenden Stadt Roubaix, die als eine der ärmsten Gemeinden
Frankreichs gilt, schrammte der LFI-Kandidat David Guiraud mit 46,7 Prozent
nur knapp an der absoluten Mehrheit vorbei, hat aber sehr gute Aussichten,
am kommenden Sonntag Bürgermeister zu werden. Und noch etwas hat er
geschafft: Die Wahlbeteiligung stieg in Roubaix um 10 Prozentpunkte – auf
immer noch geringe 38 Prozent.
Zweifelsohne kam Guiraud zugute, dass der amtierende, konservative
Bürgermeister erst vor drei Monaten ins Amt nachrückte, weil sein Vorgänger
wegen Steuerhinterziehung verurteilt worden war. Aber das allein erklärt
nicht den kometenhaften Aufstieg Guirauds, dem auf der Plattform Tiktok
über 700.000 Menschen folgen.
Im Wahlkampf suchte er sich Unterstützung lokaler Persönlichkeiten, die
sonst kaum mit Politik in Berührung kommen: muskelbepackte Jungs eines
Boxclubs oder einen lokalen Comedy-Content-Creator. Vor allem aber
appellierte er an den Stolz der Roubaisiens, wie man die
Einwohner*innen nennt: Er wolle der Stadt ihre Würde zurückgeben, aller
Armut und Tristesse zum Trotz.
Auch wenn Guiraud im Wahlkampf vom Label LFI möglichst wenig Gebrauch
gemacht hat, wird er von seinen Parteikollegen wie ein Heilsbringer
gesehen. Das liegt auch daran, dass die Partei – gelinde gesagt – zuletzt
viel um die Ohren hatte.
## Linkes Mit- oder Gegeneinander?
Zum einen, weil der Partei vorgeworfen wurde, Antisemitismus in ihren
Reihen zuzulassen – gerade Parteigründer Jean-Luc Mélenchon hat wiederholt
ambivalente Anspielungen gemacht und den Vorwurf genährt. Zum anderen aber
führte der Tod des rechtsnationalen Quentin Deranque, in den LFI-nahe
Aktivist*innen verwickelt sein sollen, zu einer noch deutlicheren
Abkehr seitens der Sozialisten. Von der Einigkeit des Nouveau Front
Populaire (Neue Volksfront), der zusammengeschlossenen Linken, die 2024 die
Parlamentswahl für sich entschied, ist schon lange keine Rede mehr.
Nun geht es darum, welche Bündnisse bis zum Dienstagnachmittag für die
Stichwahl geschmiedet werden, denn die Mehrheitsfindung wird umso
schwieriger, je mehr Listen in der zweiten Runde noch gegeneinander
antreten. Gerade mehrere linke Listen pro Gemeinde könnten den
Rechtsextremen in die Hände spielen. Deswegen appelliert LFI an die
traditionelle Brandmauer: „Wir reichen den anderen Listen, die sich an
diesen Wahlen beteiligen, die Hand, um eine antifaschistische Front zu
bilden“, forderte der Parteikoordinator Manuel Bompard.
In Toulouse und Avignon fand sein Ruf bereits Gehör, dort will ein
Linksbündnis verhindern, dass die Stadt in die Hände des RN fällt. Doch an
der Strategie, sich generell von den Insoumis (den Unbeugsamen)
fernzuhalten, wollen die Sozialisten auf nationaler Ebene festhalten. In
Lille laufen indes die Gespräche mit den Grünen, die sowohl von PS als LFI
umgarnt werden und das Zünglein an der Waage werden könnten. Bis kommenden
Sonntag heißt es nun: Spielchen, Charmeoffensiven und Schachereien. Wenn
sich das linke Lager für die Präsidentschaftswahlen 2027 empfehlen will,
täte es gut daran, sich nicht jetzt schon unheilbar zu zerfetzen.
16 Mar 2026
## AUTOREN
(DIR) Romy Straßenburg
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