# taz.de -- Armut und Pflege: Nur noch alle paar Tage gewaschen werden
       
       > Armen Haushalten steht für Pflegekosten Hilfe vom Sozialamt zu. Doch laut
       > einer Studie nehmen Betroffene in ambulanter Pflege das selten in
       > Anspruch.
       
 (IMG) Bild: Wer auf Hilfe angewiesen ist, braucht Unterstützung. Und die sollte nicht vom Geldbeutel abhängen
       
       Berlin taz | Wer sich nicht mehr alleine waschen kann und keine
       opferbereiten Angehörigen hat, für den steigen die Lebenshaltungskosten
       raketenartig in den Himmel. 34 Euro nimmt ein [1][Pflegedienst] in Berlin
       zum Beispiel für die „erweiterte kleine Körperpflege“ am Morgen, inklusive
       Anfahrt. Dazu gehört die Hilfe beim Verlassen des Bettes, das Waschen von
       Händen, Gesicht und Intimbereich, Zähneputzen, Kämmen, Ankleiden. Das macht
       an 30 Tagen im Monat mehr als 1.000 Euro nur für das morgendliche
       Aufstehen. Wird morgens der Körper komplett gewaschen, wird es noch mal
       erheblich teurer.
       
       Und ein Tag dauert lang. Für einen Pflegebedürftigen in der eigenen Wohnung
       mit dem mittleren Pflegegrad 3 kommen schnell über 80 Euro an täglichen
       Pflegekosten zusammen – wenn man drei Einsätze, darunter das abendliche
       Zubettgehen, das mittägliche Zubereiten einer Mahlzeit, das Wechseln der
       Inkontinenzvorlagen und ein bisschen Spülen und Aufräumen zusammenrechnet.
       Duschen oder anderer Luxus wie Spaziergänge sind da noch gar nicht dabei.
       
       80 Euro pro Tag macht 2.400 Euro im Monat. Die Pflegekasse zahlt im
       Pflegegrad 3 nur knapp 1.500 Euro. Es bleiben 900 Euro Eigenanteil, die
       selbst von den Pflegebedürftigen zu zahlen sind. Doch was, wenn man sich
       das nicht leisten kann?
       
       Anika Grashof, langjährige Pflegedienstleiterin und Referentin beim
       Dienstleister „Familie und Krankenpflege Bochum“, kennt dieses Problem.
       „Beim Aufnahmegespräch durch den Pflegedienst wird der Bedarf ermittelt und
       ein Kostenvoranschlag erstellt, aus dem auch der Eigenanteil hervorgeht“,
       schildert Grashof. „Dann sagen die Betroffenen oft: ‚Das kann ich mir nicht
       leisten!‘ Und dann wird gekürzt.“
       
       ## Unterversorgung droht
       
       Statt täglich werde vielleicht nur noch zweimal in der Woche komplett
       gewaschen. „Dann besteht die Gefahr einer Unterversorgung oder dass die
       Angehörigen nicht ausreichend entlastet werden“, sagt Grashof.
       
       Pflegehaushalte mit wenig Geld haben Anspruch auf ergänzende „Hilfe zur
       Pflege“ vom Sozialamt, die die Leistungen der Pflegeversicherung ergänzt.
       In voller Höhe haben beispielsweise Alleinstehende Anspruch darauf, wenn
       ihr Einkommen unter 1.126 Euro zuzüglich Wohnkosten liegt und bestimmte
       Vermögensgrenzen gewahrt werden. Dann können der Pflegebedarf ermittelt,
       der Kostenvoranschlag vom Pflegedienst und die eigenen Einkommensnachweise
       an das Sozialamt geschickt werden, soweit mindestens der Pflegegrad 2
       vorliegt.
       
       Doch in der Praxis spielt das selten eine Rolle: Nur 1,8 Prozent der 4,2
       Millionen Menschen mit den Pflegegraden 2 bis 5, die zu Hause leben und
       ambulant versorgt werden, beziehen die Hilfe zur Pflege vom Sozialamt. Zwar
       ist auch nur ein Teil von ihnen arm genug, um überhaupt ein Anrecht auf die
       Leistungen zu haben. Doch selbst aus dieser Teilgruppe realisieren im
       bundesweiten Schnitt weniger als 20 Prozent ihre Ansprüche gegenüber dem
       Sozialamt.
       
       Dies ergibt eine [2][Studie] des Paritätischen Gesamtverbandes. Zum
       Vergleich: Von den rund 800.000 Pflegebedürftigen, die in Heimen leben,
       beziehen 42 Prozent ergänzende Leistungen vom Sozialamt.
       
       ## Nur ein Fünftel realisiert die Ansprüche
       
       „Die Hilfe zur Pflege findet im ambulanten Bereich nur untergeordnet statt,
       mit Ausnahme der Stadtstaaten Berlin und Hamburg“, sagt Thorsten Mittag,
       Pflegeexperte beim Paritätischen Gesamtverband.
       
       Dass in Berlin mehr Pflegebedürftige die Hilfe vom Sozialamt für die
       ambulante Versorgung in Anspruch nehmen als anderswo, könnte laut Studie an
       der Vielzahl von Pflegewohngemeinschaften in der Hauptstadt liegen. Sie
       zählen in der Statistik zur ambulanten Versorgung.
       
       In Hamburg wiederum werde besser, nämlich „leistungserschließend“, beraten,
       sagt Mittag. Dort liegen den Behörden [3][Fachanweisungen] vor, wie mit den
       Anträgen auf Hilfe zur Pflege im ambulanten Bereich umgegangen werden soll.
       Der Paritätische Gesamtverband fordert, dass im gesamten Bundesgebiet mehr
       „leistungserschließend“ beraten wird, erklärt Mittag. „Die Hürden sind zu
       hoch.“
       
       ## Bewilligung dauert zu lange
       
       Grashof hat erlebt, dass viele Berechtigte Angst hätten, die Hilfe vom
       Sozialamt in Anspruch zu nehmen, „auch weil sie eine Stigmatisierung
       fürchten. Das sind über 80-Jährige, eine Generation, die gearbeitet hat,
       die sagen: Ich will doch jetzt im Alter nicht zum Sozialfall werden!“,
       erzählt die langjährige Pflegedienstleiterin.
       
       Es käme zu selten zur Durchsetzung von Ansprüchen gegenüber dem Sozialamt,
       auch weil die Bewilligungsverfahren zu lange dauern, sagt Mittag. „Die
       Pflegedienste können ja nicht in Vorkasse gehen, wenn sie nicht die
       Sicherheit haben, am Ende das Geld zu bekommen.“ Oft dauern die
       Bewilligungsverfahren monatelang – obwohl die Pflegebedürftigen nicht so
       lange warten können.
       
       Laut Studie erhalten etwa 300.000 armutsbetroffene Pflegebedürftige trotz
       Anspruch keine Hilfe zur Pflege. Die Forscher:innen haben für dieses
       Ergebnis die Einkommenslagen aus der Statistik, die Wahrscheinlichkeit der
       Pflegebedürftigkeit und die Statistiken der Sozialämter miteinander
       abgeglichen.
       
       ## Angst vor Streichung des Pflegegeldes
       
       Es gibt noch einen Aspekt, der womöglich eine Zögerlichkeit bei den
       Anträgen auf Hilfe zur Pflege vom Sozialamt erklärt. [4][86 Prozent der
       Pflegebedürftigen,] also 4,9 Millionen Menschen, leben zu Hause. Davon
       werden 3,1 Millionen ohne professionelle Pflegedienste versorgt und
       beziehen daher ausschließlich das sogenannte Pflegegeld.
       
       Menschen, denen von den Gutachter:innen der Medizinischen Dienste der
       Krankenkassen ein Pflegegrad zugestanden wurde, können wählen, ob ihnen die
       Pflegekasse das Pflegegeld oder sogenannte Sachleistungen, also
       professionelle Hilfe, finanziert. Möglich ist auch eine Kombination.
       
       Das Pflegegeld ist erheblich niedriger als die sogenannten
       „Sachleistungen“, mit denen die Pflegedienste bezahlt werden. Es geht aber
       direkt an die Pflegebedürftigen. Das erzeugt einen Konflikt für
       Armutsbetroffene: Ergänzende Hilfe vom Sozialamt gibt es nur, wenn
       Bedarfsrechnungen vorliegen, in denen die Kosten für Sachleistungen der
       Pflegedienste aufgeführt werden. Die Pflegebedürftigen müssten also
       erstvmal vom Pflegegeld auf Sachleistung umstellen und die Zahlungen der
       Pflegekasse ausschöpfen, um dann womöglich ergänzende Hilfe vom Sozialamt
       zu bekommen.
       
       ## Häusliche Pflege ist „Dunkelfeld“
       
       Betroffene aber wollten „das Pflegegeld nicht verlieren, wenn sie Hilfe zur
       Pflege beim Sozialamt beantragen“, sagt Grashof. Sie kenne keinen Fall, in
       dem die Menschen Hilfe zur Pflege vom Sozialamt und gleichzeitig Pflegegeld
       bekommen.
       
       Frühere [5][Studien] haben ergeben, dass das Pflegegeld für arme Haushalte
       auch eine Möglichkeit bietet, laufende Ausgaben eher bestreiten zu können.
       Dies gilt erst recht für Grundsicherungsempfänger:innen, denn das
       Pflegegeld wird nicht auf die Grundsicherung im Alter angerechnet.
       
       Wie genau das Pflegegeld genutzt wird, auf welche körperliche Versorgung
       vielleicht im Einzelnen verzichtet wird, wie viele Anträge auf Hilfen von
       den Sozialämtern abgelehnt werden, darüber gibt es bisher kaum Daten. Die
       häusliche Pflege „ist ein Dunkelfeld“, sagt Thorsten Mittag.
       
       19 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://citypflege.de/unsere-leistungen/leistungskomplexe.php
 (DIR) [2] https://www.der-paritaetische.de/fileadmin/user_upload/Schwerpunkte/Altenhilfe-Pflege/doc/Expertise_Armut_in_der_haeuslichen_Pflege_2026.pdf
 (DIR) [3] https://www.hamburg.de/resource/blob/46946/5ce373799ac0179778c3624da0b12725/fa-sgbxii-61-66a-hzp-00-pdf-data.pdf
 (DIR) [4] https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/12/PD24_478_224.html
 (DIR) [5] https://www.vdk.de/assets/bundesverband/dokumente/publikationen_vdk/Pflegestudie_2021/VdK-Pflegestudie_Dritter_Zwischenbericht.pdf
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Barbara Dribbusch
       
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