# taz.de -- Netflix-Doku über Shirin David: Girl, gönn dir eine Pause
> „Barbara – Becoming Shirin David“ verrät nicht viel Neues über die
> Rapperin. Aber die Doku macht die Probleme des Rap-Business deutlich.
(IMG) Bild: Shirin David leidet unter dem Druck der Branche
Die Rapperin Shirin David steht während ihrer ersten Arena-Tour fertig
angezogen im Kleid hinter einem Vorgang und bekommt das Gesicht gepudert.
Ihr Manager versucht sie trotz Unterleibsschmerzen zum Auftritt zu pushen:
„Bist du bereit, alles auseinanderzunehmen?“, ruft er –, „Nein, ich will
ins Bett“, antwortet sie.
Die Szene in der Netflix-Doku „Barbara – Becoming Shirin David“ verdichtet
das Motiv des Films: Shirin David, eine der ersten Popstars Deutschlands,
hat es geschafft, sie ist Multimillionärin und ganz oben im Rapbusiness
angelangt. Songs wie „Bauch Beine Po“ gingen viral. Aber einfach ihren
Erfolg genießen kann sie nicht. Ihr Perfektionismus hindert sie daran und
der Druck der Branche macht sie kaputt.
Gerade weil sie Themen wie Feminismus und Beauty in die männerdominierte
Branche gebracht hat und dabei aggressiv auftritt, kassiert sie viel Hate.
Auch deswegen war das Interesse an einer Doku über ihre Person groß. In den
Tagen nach Erscheinen der Doku am 13. März beklagten einige vor allem, was
nicht zu sehen ist: echte Einblicke in Barbara Schirin Davidavičius’ Leben.
Zwar sieht man ihr Elternhaus in Litauen, ihre alleinerziehende Mutter, sie
mit ihrer Schwester beim Essen – doch alles wirkt kuratiert und zum
Narrativ der makellosen Kunstfigur Shirin David passend. Sie habe kein
Privatleben, sagt David in der Doku selbst.
## Die Tiefe fehlt
Keine Frage, Shirin David provoziert mit ihrem Auftreten. Die Doku versucht
das durch eingeblendete Hasskommentare abzubilden, in denen sie
sexualisiert wird, in denen Männer ihre Gewaltfantasien äußern. „Männer
haben gelernt, dass sie stark sein können in einer Mannschaft, aber Frauen
haben gelernt, dass sie immer in Konkurrenz zueinander stehen“, sagt David.
Sie wolle das nicht, sondern andere Frauen supporten.
Wie sie das macht, bleibt in der Doku offen. Dabei gäbe es Beispiele. Etwa
spielte sie bei jedem ihrer Tourauftritte einen Song [1][der 15‑jährigen
Rapperin Zahide ab, weil sie sie supporten will]. Es gibt kurze Momente von
Nähe – ein Lachen mit dem Manager, Offenheit über Therapie oder PMS –, doch
echte Beziehungen, insbesondere zu anderen Frauen, bleiben außen vor.
Gerade das hätte der Doku Tiefe gegeben.
Es hätte vielleicht auch die Möglichkeit gegeben, ein offeneres Gespräch
über Körperbilder zu führen. Das Körperbild, das um Shirin David herum
gezeichnet wird, ist hochproblematisch– in der Doku und weit darüber
hinaus. Sie sagt einerseits, dass sie nicht darauf reduziert werden möchte.
Für viele Fans war aber spätestens ihr Sommerhit „Bauch Beine Po“ eine
Enttäuschung, denn nach allem, was sie für sich, für Frauen im Rapbusiness
vorher getan hatte, war hier die Message: Du musst ins Gym gehen, dann
wirst du dünn und das sieht gut aus: „Du willst ’n Body? Dann musst du
pushen.“ Sie spricht und rappt offen über ihre zahlreichen Schönheits-OPs;
ein Lifestyle, den sich nur leisten kann, wer wie sie Millionärin ist.
Gewaltvoll ist dabei nicht nur, welches Ideal hier vermittelt wird, sondern
auch, dass diese Geschichte so bruchlos als Reward‑Narrativ erzählt wird:
Wer hart arbeitet, schön ist, diszipliniert bleibt, schafft es nach oben –
und kann sich dann die Body-Optimierung leisten, die alle anderen nur von
außen konsumieren. David sagt selbst in der Doku, dass sie von diesem
kapitalistischen Weltbild profitiert, aber auch darunter leidet.
## Ungesunde Körperideale
Besonders deutlich wird das in einer Szene, die auch im Nachhinein für viel
Diskussion sorgte. Beim Shooting für ein neues Cover fragt die Fotografin:
„Nimmst du Ozempic?“ Shirin antwortet: „Nein, ich esse nur nichts.“ Dass
diese Szene enthalten ist, ist natürlich gerade bei einer Perfektionistin
wie David alles andere als zufällig. Die Message: Hier arbeitet jemand
extrem hart an sich, „geht ins Gymmie und wird skinny“, das ist Leistung,
kein Medikament.
Genau das macht es so toxisch. [2][In einer Medienwelt, in der ohnehin
ungesunde Körperideale zirkulieren] und in der Medikamente wie Ozempic als
schnelle Lösung skandalisiert, zugleich aber glamourös aufgeladen werden,
ist ein Satz schadend. Er schreibt ein Ideal der radikalen
Selbstoptimierung vor, um überhaupt in diese Welt zu passen. Für eine Doku,
die Millionen erreichen dürfte, ist das mindestens fahrlässig. Und es zeigt
einmal mehr, dass wir uns nicht mit dem Leben von Popstars wie David
vergleichen dürfen.
Trotzdem wäre es zu einfach, alle Verantwortung allein bei David abzuladen.
Sie ist nicht das Problem, sie ist ein Symptom einer Branche, die Frauen
gnadenlos über ihr Aussehen reguliert und auch immer nur darüber spricht,
während Männer sich bei weitaus weniger Arbeit zufrieden auf die Schulter
klopfen. In ihrer Doku sitzen eben keine großen Namen der Szene, die sie
feiern, wie es in Dokus über Apache, Haftbefehl oder Gzuz der Fall ist.
Dort inszenieren Männer sich als tragische Helden: harte Kindheiten,
Gefängnis, Gewalt – aber am Ende Applaus für ihre Realness.
Wo war dort die große Debatte darüber, wie verantwortungsvoll mit Gewalt,
Frauenbildern, Männlichkeitsmythen umgegangen wird? Wo wurden dort
feministische Maßstäbe an die Szene angelegt? Wo wurden dort Körper
kommentiert (Nein, Haftbefehls drogenzerstörte Nase zählt nicht). Bei David
dagegen scheint jedes Detail ihres Körpers, jedes Wort, jede Träne ein
Anlass für Empörung zu sein – nicht nur bei ihrer Doku. Ihr öffentlicher
Wert war von Anfang an an Klickzahlen, Views und optische Präsenz
gekoppelt. Dass sie in diesem System ihr eigenes Bild immer weiter
perfektioniert, ist nachvollziehbar – und genau das, aber es muss genauso
kritisiert werden dürfen. Aber genauso müssen eben auch männliche Rapper
dafür kritisiert werden, dass sie toxisch männlich und unsolidarisch sind
mit Frauen, die in der Szene so viel Hass erfahren.
Am Ende bleibt ein widersprüchliches Gefühl von Mitleid mit David, was
natürlich von der Produktion auch so gewollt sein wird. Wie viel Mitleid
man mit einer Millionärin haben möchte, kann jede Person für sich
entscheiden. Aber es klingt wirklich schlimm, wenn David sagt, sie empfinde
jede Minute, in der sie „nichts macht“, als Verschwendung, weil man da auch
an seiner Karriere arbeiten kann.
## Ein toxischer Mix
Vielleicht ist das Entscheidende an „Barbara – Becoming Shirin David“
weniger, was wir über sie lernen, als was wir über den Umgang mit Frauen im
Rap- und Entertainmentbusiness erfahren und wo das Business mittlerweile
gelandet ist: bei einem toxischen Mix aus Selbstoptimierung, Kapitalismus
und Misogynie bei zugleich existierenden Solidaritäten und neu
aufstrebenden Künstler*innen, die es anders machen, wie Nura, OG LU oder
Donna Savage, um nur ein paar zu nennen.
Man wünscht Shirin David, dass ihr Erfolg von Menschen begleitet wird, die
sie als Mensch sehen: Leute, die sie auf einen Kaffee einladen, mit ihr im
Spa versacken und ihr sagen: „Hey, such dir eine Therapeutin.“ Damit sie
das nicht immer nur selbst machen muss und ihre mentale Gesundheit zu etwas
anderem wird als eine Randnotiz in einer makellosen Welt.
18 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Ann-Kathrin Leclère
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