# taz.de -- Inhaftierte Frauen in Russland: „Vollständiger Bruch der Verbindung“
> Immer mehr Frauen werden in Russland inhaftiert – für Alltagsdelikte,
> aber auch aus politischen Gründen. Die Folgen sind oft noch dramatischer
> als für Männer.
(IMG) Bild: Frauengefängnis in Wladiwostok (Archivbild)
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Verstka öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland. [2][Den
ganzen Text lesen Sie hier auf Russisch].
Die Zahl der verurteilten Frauen in Russland steigt. Immer häufiger werden
sie wegen Drogenbesitzes, Betrugs und Landesverrats vor Gericht gestellt.
Die Gesamtzahl der Verurteilten in Russland ist niedriger als in den
2000er- und 2010er-Jahren – doch der Anteil der Frauen unter ihnen wächst
seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine ab 2022. Und hat bereits einen
Rekordwert erreicht. Wie Verstka recherchierte, machten Frauen im Jahr 2025
ein Fünftel aller Verurteilten aus – so etwas gab es im modernen Russland
noch nie. In den Strafkolonien sind Frauen zwar seltener Gewalt ausgesetzt
als Männer; sie erhalten jedoch weniger Hilfe und Unterstützung von
„draußen“.
Die Menschenrechtlerin Olga Romanova nennt mehrere Gründe für den
steigenden Frauenanteil unter den Verurteilten. Einer davon sei die
Anwerbung von Männern für den Fronteinsatz: Die Zahl der Verurteilungen von
Männern gehe zurück, ihre Strafverfahren würden „annulliert oder
verschoben“. Frauen hätten eine solche Möglichkeit, um aus ihren Verfahren
herauszukommen, nicht, so Romanova.
Parallel veränderten sich außerdem Kriminalitätsstruktur und
Strafverfolgung, sagt Romanova. Die Behörden konzentrierten sich zunehmend
auf einfache, massenhaft begangene Delikte wie Diebstahl, Betrug oder
Alltags- und Abhängigkeitsdelikte, in denen Frauen häufiger vertreten
seien. Solche Fälle ließen sich leichter aufdecken und schneller vor
Gericht bringen.
Komplexe Wirtschaftsdelikte oder Korruption seien dagegen aufwendig,
riskant und politisch sensibel, weshalb Sicherheitsbehörden ihre Quoten
eher mit einfacheren Fällen erfüllten. Laut Romanova wird der Anstieg der
Zahl der verurteilten Frauen auch durch soziale Faktoren wie die
Feminisierung der Armut und die Quote alleierziehender Mütter beeinflusst.
Im Jahr 2025 verurteilten russische Gerichte 87.305 Frauen. Das geht aus
Daten des Justizdepartements beim Oberster Gerichtshof der Russischen
Föderation hervor. Es ist der höchste Wert seit 2018, als 90.951 Frauen
verurteilt wurden. Parallel zur steigenden Zahl strafrechtlich verfolgter
Frauen wächst auch ihr Anteil an allen Verurteilten. Laut Gerichtsstatistik
lag dieser 2021 bei 14,3 Prozent, 2022 bei 14,7 Prozent, 2023 bei 15,3
Prozent und 2024 bei 16,7 Prozent. Im Jahr 2025 erreichte er mit 19,9
Prozent einen Höchstwert.
Wie Verstka unter Berufung auf das Projekt „Frauenhaft“ berichtet, bitten
inhaftierte Frauen häufig um Unterstützung für Mitgefangene – etwa um
Hygieneartikel oder Lebensmittel zu erhalten. Das verdeutliche die
besondere Situation in Frauenkolonien verdeutliche.
Auch die Zahl weiblicher politischer Gefangener in Russland steigt – und
ihre Urteile fallen laut Beobachtern oft strenger aus als die gegen Männer.
Nach Angaben des Projekts Memorial zur Unterstützung politischer Gefangener
standen im März 2026 insgesamt 1.366 Frauen auf entsprechenden Listen, 503
von ihnen waren inhaftiert.
Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation OVD-Info werden derzeit 825
Frauen in Russland aus politisch motivierten Gründen strafrechtlich
verfolgt – ein Höchststand seit Beginn der Datenerhebung. 198 von ihnen
sind inhaftiert.
Am häufigsten geht es um die Organisation extremistischer Aktivitäten,
darunter sind auch viele Anhängerinnen der Zeugen Jehovas. Sowie um die
Verbreitung angeblicher „Falschinformationen“ über die Armee sowie die
Rechtfertigung von Terrorismus.
Im Jahr 2025 verurteilten Militärgerichte in Russland – Garnisons- und
Bezirksgerichte – 209 Frauen zu verschiedenen Haftstrafen. Das ist der
höchste Wert seit mindestens 2010, seit Beginn der entsprechenden Statistik
des Justizdepartements.Militärgerichte verhandeln dabei nicht nur gegen
Soldaten, sondern auch in Fällen von Hochverrat, Spionage, Extremismus und
Terrorismus.
Frauen, denen terroristische Straftaten vorgeworfen werden, haben keinen
Anspruch auf einen Aufschub der Strafvollstreckung, wenn sie schwanger sind
oder Kinder unter 14 Jahren erziehen. Sie müssen dann in Strafanstalten
gebären. „Für Frauen bedeutet eine Inhaftierung fast immer den faktischen
Verlust des täglichen Kontakts zu ihren Kindern und manchmal sogar einen
vollständigen Bruch der Verbindung. Dies erzeugt zusätzlichen psychischen
Druck, den es in Männergefängnissen in diesem Ausmaß nicht gibt“, sagt Olga
Romanova.
Laut Gerichtsstatistiken haben die Gerichte in der ersten Hälfte des Jahres
2025 Urteile gegen 467 schwangere Frauen gefällt. Und gegen 1.707 Mütter,
die zum Zeitpunkt der Verhandlung Kinder unter drei Jahren hatten.
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13 May 2026
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