# taz.de -- Musiktheater mit frühen Mozart-Stücken: Karaoke aus dem Köchelverzeichnis
       
       > An der Hamburger Staatsoper scheitert Christopher Rüpings „Die große
       > Stille“ an gewollter Lässigkeit – trotz toller musikalischer Profis.
       
 (IMG) Bild: Jedes Herumstehen wirkt mühsamst choreografiert: Orchester unter der Bühne, Theater oben drauf
       
       Am Anfang ist die Sonne, also ein hell aufglühender Scheinwerfer, und am
       Ende das Ei. Dieses soll natürlich wieder der Anfang sein. Klar. Fast
       bühnenraumhoch steht es da, leuchtend weiß. Die letzten Takte sind
       verklungen, doch [1][Omer Meir Wellber] dirigiert weiter in eine „große
       Stille“- Titel des Abends! – hinein. Minutenlang, bis es knackt und
       knistert. Und die Eierschale Risse bekommt.
       
       Dann geht das Licht aus, ist das Musiktheaterprojekt vorbei, das der
       [2][Regisseur Christopher Rüping] gemeinsam mit dem Dramaturgen Malte
       Ubenauf und mit Meir Wellber, dem Generalmusikdirektor der Staatsoper
       Hamburg, ebendort erarbeitet hat. Mit Stücken von Mozart, die kaum eine*r
       kennt. Mit Kantaten, Arien, Rezitativen und dem Singspiel „Apollo et
       Hyacinthus“, das der damals Elfjährige im Jahr 1767 komponierte.
       
       Manches dieser Werke wurde neu instrumentiert, das Streichquintett g-Moll
       etwa von der israelischen Komponistin Keren Kagarlitsky für Kammerensemble
       bearbeitet und geloopt. Die dem Abend innewohnenden Notierungen, ihre
       Referenzen, Feinheiten und Varianten, liegen außerhalb meiner Urteilskraft.
       
       Zu hören sind strukturierte, vertraut wirkende Melodien, die von Gregory
       Kunde, Marie Maidowksi, Kayleigh Decker, Hubert Kowalcyk und Ana Durlovski
       und damit selbstredend von absoluten Profi-Sänger*innen auf absolutem
       Profi-Niveau interpretiert werden. Daran gibt es nichts zu rütteln.
       
       Umso mehr am Regiekonzept. Und zwar von Sonne bis Ei. Tatsächlich ist
       Christopher Rüping mit einem großen Talent für herrlich unterspannte
       Inszenierungen gesegnet, in denen er die Darsteller*innen meist nahbar,
       fast privat auftreten lässt.
       
       Seine vorwiegend Sprechtheaterarbeiten können so gewinnend und direkt sein
       wie ein zweijähriges Kind, manchmal schrammen sie mit ihrer gefühligen
       Offenheit auch nur knapp vorbei am Kitsch. Aber gerade weil sie so
       schonungslos sind, rücken sie einem wunderbar nah. Bei „Die große Stille“
       allerdings sieht man dieser untheatralen Arbeitsweise beim Scheitern zu.
       
       ## Schlecht gespielte Lässigkeit
       
       Der mitwirkende Schauspieler Damian Rebgetz ist ein Rüping-Vertrauter. Doch
       sein Versuch, gemeinsam mit Marie Maidowski und Kayleigh Decker, jene
       durchlässige Lässigkeit herzustellen, geht nicht auf. Wenn Rebgetz vom
       extraterristrischen Leben im Raumschiff – das ist der Ort der Handlung –
       erzählt, erinnert er an einen Typen, der Migräne vortäuscht, um
       melancholisch zu wirken.
       
       Die gespielten Eifersüchteleien zwischen Rebgetz, Maidowski und Decker
       erscheinen schrecklich aufgesetzt, jedes ach so lockere im Raum Herumstehen
       mühsamst choreografiert. Und die so gar nicht tiefgreifenden Gedanken zu
       Fußskulpturen, Kreuzfahrten, Gewittern und Natur lassen einem schmerzhaft
       die Zehennägel zucken.
       
       „Es gab Jahreszeiten, es gab Veränderungen, es gab Tiere im Wald“, heißt es
       da über das ferne, irdische Leben: Science-Fiction goes Märchenstunde. Wenn
       nicht gerade eine vorbeiziehende Sonne bewundert wird, wird in dem
       Raumschiff, das mehr Probebühne mit funkelnder Glühbirnenwand ist (Bühne:
       Jonathan Metz), Karaoke aus dem Köchelverzeichnis gesungen, Knie-Gymnastik
       gemacht oder der eigenen Kindheit nachgeheult.
       
       Erst gefühlte Lichtjahre später hören mit „Apollo et Hyacinthus“ alle
       vergeblichen Versuche dieser gespielten Lässigkeit auf. Erleichtert lässt
       man sich fallen in den traumschönen Gesang und freut sich unfassbar über
       jede noch so überzeichnete Operngeste. Weitere Lichtjahre knackt jene
       Eierschale und man ist noch froher, dass es anschließend still bleibt. Und
       dieses Ende keinen neuen Anfang nimmt.
       
       16 Mar 2026
       
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