# taz.de -- Rapper Fakemink und Xaviersobased: Sie suchen und finden Entfremdung
> Der Rap von Xaviersobased (New York) und Fakemink (London) offenbart
> einen Vibeshift weg von der Party hin zur Politik. Wie fett ist dieser
> Sound?
(IMG) Bild: Skatet er auch? Der New Yorker Rapper Xaviersobased an einer Skatebahn
Es gibt auf Tiktok eine Nische, in der Revolutionsromantik auf das absolute
Minimum heruntergebrochen mit modernem Rapsound verwoben wird. Man sieht
dann zum Beispiel ein Video vom tanzenden New Yorker Rapper Xaviersobased,
ergänzt durch die Beschreibung: [1][„Bolschewistische Revolution 1917 found
footage“]. Man kann das als ultrasimplen Zugang zur Politik verstehen oder
als großen Quatsch. Steckt womöglich mehr dahinter? Die neuen
Veröffentlichungen der beiden Rapper Xaviersobased und Fakemink, liefern
Antworten.
Der 22-jährige Xaviersobased (Xavier Lopez) kokettiert öffentlich damit,
dass er bisexuell ist, er komponierte einen Song namens „trans rights“ und
liefert in seinen Reimen immer wieder Zeilen gegen rechtsgerichtete
Politik. Man kann das als Rap mit attitude verstehen. Vor allem
transportiert seine Musik aber einen abwechselnd nihilistischen und
hedonistischen Blick auf die Welt, der stellvertretend steht für eine
Jugend, die mehrere Jahre an die Covid-Epidemie verloren hat.
Es macht Spaß, diesem Sound zu folgen, wie er auch auf dem neuen Album
„Xavier“ ungewöhnlich vor sich hin pluckert. Synthetische Sounds wabern
entrückt im Äther, mal knackt es, mal klatscht es, und irgendwann setzt
Xaviers Stimme ein. [2][Die Spannbreite dieser oft selbst produzierten
Songs kreist dann zwischen Clicks und Cuts, die an Jan Jelinek erinnern,]
bis hin zu dem, was man früher mal „Cloud Rap“ nannte – und allem, was
zwischen diesen beiden Polen möglich ist.
„Clorox“ zum Beispiel klingt wie der verschobene Blick aus einem Auto, das
mit 200 Sachen über den Highway rast. Alles überlagert sich. Es wirkt so,
als sei die Musik bei stundenlangen Jamsessions entstanden, als hätte
Xavier seine Gedanken in Echtzeit in diese floatende Wolke integriert.
## Abgelenkt nonstop
Was gesagt wird, ist oft pubertär. Es wirkt wie ein schnell abgesetzter
Kommentar bei Social Media mit dem latenten Gefühl zwar zu erkennen, aber
noch nicht zu verstehen, warum alles irgendwie entrückt ist. Diese Musik
offenbart eine Idee davon, wie es sich anfühlt, in einer digitalen Welt
nonstop abgelenkt und abdriftend zu versuchen, den Fokus zu bewahren.
Fakemink aus London, der am Veröffentlichungstag seiner neuen EP „The Boy
Who Cried Terrified“ 21 Jahre alt geworden ist, geht es ganz ähnlich. Schon
der Titel deutet darauf hin, dass es ihm trotz Oberwasser wichtig ist, die
eigene Verletzlichkeit zu verstehen, Tränen zuzulassen und sich damit von
Härte als Währung für Männlichkeit zu lösen.
„Ayy, runnin’ through the night, I feel alone“, rappt Vincenzo Camille
alias Fakemink auf „Blow the Speaker“ und vertont damit eindrucksvoll das
Gefühl von Teenage-Angst. Sein Lösungsansatz: Lautsprecher aufdrehen, den
Kopf durchpusten. Auch dafür funktioniert diese Musik gut.
Fakemink speist seinen Sound ähnlich wie Xaviersobased aus dem unendlichen
Buffet der Genres, die sich seit Anfang des Jahrtausends entwickelt haben.
Am wichtigsten ist, all die Bruchteile in eine Form zu gießen, die
funktioniert und dafür sorgt, dass die Musik nicht zerfällt. Diese fragile
Mischung aus Distortion und Gesang, aus verzerrter Stimme und linearen
Beats ist der perfekte Unterbau für das Entfremdungsgefühl, das Fakemink zu
vertonen versucht. „Like, maybe I’m an animal / Maybe half human / Life
feels like a TV show, Truman“, singt er.
Xaviersobased und Fakemink sind beide Suchende, die sich und die Welt um
sich herum genau beobachten. Es wird interessant sein, ihnen auch in ein
paar Jahren bei der Analyse ihrer Beobachtungen zuzuhören. Bis dahin sind
beide ein Garant für Sounds, die man so noch nie gehört hat. Auch das ist
eine Errungenschaft in Zeiten, in denen generische KI-Musik das Internet
flutet.
17 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Johann Voigt
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