# taz.de -- Banksy durch Journalisten enthüllt: Ist das Recherche oder kann das weg?
       
       > Nach 20 Jahren Anonymität haben Reuters-Journalisten Banksy enttarnt. Das
       > ist aber kein Erkenntnisgewinn, nur ein zerstörtes Geheimnis eines
       > Künstlers.
       
 (IMG) Bild: Ist die Identität gelüftet? Ein Kunstwerk von Banksy am Londoner Zoo
       
       Er heißt _____________, ist ___ Jahre alt und kommt aus _______.
       Geschlecht: _______. Endlich ist das Geheimnis gelüftet, wer hinter dem
       Pseudonym Banksy steckt. Und jetzt? Macht das seine Kunst besser?
       Schlechter? Spannender? Nö. Aber sein Leben als Künstler ist zerstört.
       Mission accomplished.
       
       Es ist nicht die angeblich endgültige Enthüllung von Banksys Identität, die
       Schlagzeilen machen sollte, sondern die drei Männer, die monatelang ihre
       Zeit mit einer derart sinnlosen und unmoralischen Jagd vergeudet haben:
       Simon Gardner, James Pearson und Blake Morrison. Nachdem es Banksy über
       zwei Jahrzehnte lang gelang, seine Identität geheim zu halten, rühmen sich
       nun die drei Reuters-Journalisten, womöglich das geschafft zu haben, woran
       die Presse seit Jahren gescheitert ist: den Graffiti-Künstler gegen seinen
       Willen zu enttarnen.
       
       Die [1][Streetart-Kunst von Banksy] erlangte Anfang der 2000er Jahre
       erstmals größere Bekanntheit, als seine Schablonen-Graffiti in London von
       Medien und Kunstszene entdeckt wurden. Die Werke sind eine scharfsinnige
       Gesellschafts- und Systemkritik: der Krieg in der Ukraine, Guantánamo,
       Nahostkonflikt, Brexit, moderne Sklavenarbeit, Umgang mit Flüchtlingen,
       Umweltverschmutzung.
       
       Am Markt prallt Banksys Kapitalismuskritik ab: Seine Kunst wird gestohlen,
       privatisiert oder verkauft. Sein „Balloon Girl“ wurde aus der Hauswand
       eines Geschäftslokals herausgetrennt und für 560.000 Euro versteigert. „The
       Devolved Parliament“ – das britische Unterhaus besetzt von Schimpansen –
       brachte 2019 bei Sotheby’s, einem der bekanntesten Auktionshäuser der Welt,
       rund 11 Millionen Euro ein.
       
       Gegen die Vermarktung 
       
       Der Künstler selbst wollte immer anonym bleiben und hat sich stets gegen
       die Vereinnahmung seiner Kunst gewehrt. 2005 schmuggelte er etwa eine
       scheinbar prähistorische Höhlenmalerei – allerdings mit einem Menschen, der
       einen Einkaufswagen schiebt – in eine Ausstellung im British Museum. 2018
       ließ er das „Girl with Balloon“ bei einer Auktion von Sotheby’s direkt nach
       der Versteigerung im Rahmen schreddern.
       
       Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel, das sich Banksy, Medien und Kunstmarkt
       lieferten. Die obsessive Suche nach seiner Identität offenbart eine
       gesellschaftliche Unfähigkeit, Unwissen auszuhalten. In Zeiten, in denen
       jeder Star auf Instagram minutiös verfolgt werden kann und alles
       kontrollierbar scheint, wird das Unerreichbare als störend empfunden. Dabei
       liegt genau darin der Wert: Unverfügbarkeit ermöglicht Fantasie, Respekt
       und Distanz – alles Dinge, die die allgegenwärtige Transparenz der
       digitalen Welt zerstört.
       
       Die Reuters-Journalisten inszenieren sich als Aufklärer im Dienst der
       Öffentlichkeit. Trotz einer Warnung von Banksys Anwalt, der betonte, dass
       seine Anonymität die Meinungsfreiheit des Künstlers schütze,
       veröffentlichten sie die Identität unter Verweis auf ein angeblich großes
       öffentliches Interesse. Nur: Welches soll das sein?
       
       Große öffentliches Interesse gibt es an der Veröffentlichung von Namen von
       Tätern, etwa aus den Epstein-Files – nicht aber von Künstler*innen, die
       ihre Kunst für sich sprechen lassen wollen. Banksys Streetart bleibt
       gleich, auch nach Offenlegung seiner Identität. Vorteile gibt es keine; die
       Enthüllung könnte im Gegenteil das Ende seiner Karriere bedeuten. Rechtlich
       betrachtet gelten seine Arbeiten als Sachbeschädigung und Vandalismus – nun
       droht ihm möglicherweise strafrechtliche Verfolgung.
       
       ## Karriere beenden
       
       Die Reuters-Recherche lässt an einen anderen Fall denken: Die
       [2][Schriftstellerin Elena Ferrante] beendete ihre Karriere, nachdem ein
       internationales Journalisten-Team mithilfe von Methoden der Steuerfahndung
       und der Kriminalpolizei nach monatelanger Recherche ihre Identität
       enthüllte. Ferrante hatte zuvor gewarnt, ihre Arbeit einzustellen, sollte
       ihre Identität offengelegt werden. Später veröffentlichte sie dennoch
       weitere Arbeiten.
       
       So traurig es ist: Banksy wäre gut damit beraten, seine Karriere zu
       beenden. Es wäre nur konsequent.
       
       Richtigstellung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es
       fälschlicherweise, Ferrante habe nach der Enthüllung ihrer Identität keine
       weiteren Werke veröffentlicht.
       
       16 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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