# taz.de -- Krankenhaus der Zukunft: Mit warmem Licht und gesunden Snacks zur Heilung
       
       > Krankenhäuser sind bekannt für schlechtes Essen und grelles Licht. Dabei
       > ist Stress Gift bei der Gesundung. Drei Ideen, wie es besser ginge.
       
 (IMG) Bild: Frühling auf Station: Schon kleine Veränderungen können große Wirkung zeigen
       
       Ein Krankenhausbesuch beginnt meist mit einer sinnlichen Überwältigung.
       Unkontrollierter Lärm, grelles Licht und deprimierende Kunstdrucke gehen
       einher mit pampigem Essen und gestresstem Fachpersonal. Es ist die Kulisse
       eines Systems, das auf Effizienz getrimmt ist, dabei aber den Menschen als
       sinnliches Wesen oft vergisst. Bis heute gilt das Krankenhaus häufig als
       reine „Reparaturwerkstatt“: Der Körper wird behandelt, stabilisiert und
       wieder entlassen – doch was Genesung darüber hinaus braucht, wird oft als
       Nebensache betrachtet.
       
       Dabei steht das System Krankenhaus an einem Wendepunkt. Das neue
       [1][Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz] (KHVVG) und der damit
       verbundene Transformationsfonds von 50 Milliarden Euro sollen bis 2035
       einiges ändern. Ziel ist ein grundlegender Umbau: weg von der
       Fallpauschalen-Logik, die wirtschaftlichen Druck zu möglichst vielen Fällen
       erzeugt, hin zu mehr Qualitätsvorgaben und einer Finanzierung, die das
       Vorhalten notwendiger Leistungen honoriert. Das soll eine bessere
       Behandlungsqualität, weniger wirtschaftlichen Druck und eine verlässlichere
       Versorgung ermöglichen – auch im ländlichen Raum.
       
       Bis jetzt regiert in der Realität oft der Rotstift. Für gesundes Essen,
       Wohlfühl-Umgebungen oder entschleunigte Abläufe fehlt das Geld – und das
       Personal: Bis 2035 könnten laut Institut für Arbeitsmarkt- und
       Berufsforschung [2][bis zu 1,8 Millionen Stellen im Gesundheitswesen
       unbesetzt sein]. Kritiker:innen warnen in Bezug auf das KHVVG zudem vor
       Klinikschließungen und einer Verschärfung regionaler Ungleichheiten. Mehr
       denn je stellt sich die Frage: Versteht sich die Gesundheit als
       industrielle Dienstleistung oder als gesellschaftliches Gemeingut?
       
       Ein Blick auf drei Bereiche, in denen Lösungsansätze für einen wirksameren
       Aufenthalt entstehen.
       
       ## Akustik der Heilung
       
       Im Eingangsbereich der Asklepios Klinik Harburg klingeln Telefone,
       Fahrstühle summen und Schiebetüren quietschen. Stresshormone haben hier ein
       Heimspiel. Dann betreten sieben Personen mit Klangstäben die Halle, und
       klare Obertöne legen sich wie eine Decke über die erschöpften Nerven.
       
       Die Aktion ist Teil des wissenschaftlichen Projekts „Healing Soundscapes
       live“, das am Hamburger Ligeti Zentrum in Zusammenarbeit mit der Medical
       School Hamburg entwickelt wurde. „Klang ist ein direkter Zugang zur
       Gefühlsebene“, sagt Forscher und Musiktherapeut Jan Sonntag.
       
       Sein Ziel ist es, den klinischen Raum etwas runterzudimmen. Bei vielen
       Menschen kann dort nämlich „Alarm-Fatigue“ entstehen – ein Zustand der
       Erschöpfung, der durch eine überwältigende Anzahl von Warnsignalen mit
       niedriger Priorität verursacht wird. Tatsächlich liegt der Lärmpegel in
       modernen Kliniken oft dauerhaft über 70 Dezibel. Das ist vergleichbar mit
       einer vielbefahrenen Straße. Die Folge ist eine massive Ausschüttung von
       Cortisol, einem Stresshormon, das nachweislich die Wundheilung verzögert
       und das Immunsystem schwächt.
       
       [3][Laufende Untersuchungen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf]
       (UKE) zeigen, dass gezielte Klangumgebungen, sogenannte Healing
       Soundscapes, diesen Effekt umkehren können: „Obertöne und organische
       Klangverläufe wirken stressreduzierend und steigern das Wohlbefinden“,
       erklärt Sonntag. Im Hamburger Universitätsklinikum ist dieser Ansatz
       bereits in der zentralen Notaufnahme umgesetzt worden und soll künftig auch
       in einen OP-Saal integriert werden, um die Konzentrationsfähigkeit des
       chirurgischen Teams über Stunden zu stabilisieren. „Krankenhäuser müssen zu
       Orten werden, die Heilung fördern und nicht behindern“, sagt Sonntag – und
       betont: „Healing Soundscapes sind ein vergleichsweise kostengünstiges
       Mittel, um das Patientenwohl zu fördern.“
       
       ## Farben, Licht und Formen
       
       Von dem, was wir hören, zu dem, was wir sehen: grelles Licht, endlose
       Flure, Räume ohne Orientierung, die beim Betreten subtil Stress auslösen.
       Krankenhäuser sind oft so gestaltet, als solle man sie möglichst schnell
       wieder verlassen. Doch für Patient:innen und Mitarbeitende sind sie
       Lebensmittelpunkt auf Zeit – manchmal über Wochen oder gar Jahre. „Ich habe
       in Kliniken keinen Ort gefunden, an dem ich wirklich auftanken konnte“,
       sagt Miriam Burger, Pädagogin und Künstlerin. Aus dieser Erfahrung heraus
       begann sie, die Wirkung klinischer Räume an der [4][Medical School Hamburg]
       systematisch zu erforschen.
       
       Im Zentrum ihrer Arbeit steht die Frage, wie Farben, Licht, Formen, Gerüche
       und Materialien auf Menschen wirken, die krank, erschöpft oder hochsensibel
       sind. „Krankheit verändert die Wahrnehmung. Reize kommen ungefilterter an.
       Orientierungslosigkeit im Raum wird selbst zu einer Form von Stress. Der
       Puls steigt messbar“, sagt Burger.
       
       Sie arbeitet mit Konzepten aus der Umwelttherapie. Symmetrische Formen
       wirken beruhigend, Blau kann nachweislich Stress senken, und warmes Licht
       beruhigt. Ihre Vision für die Klinik der Zukunft ist: weniger grelles Weiß,
       mehr warme Farbtöne, Ausblicke ins Grüne, klar gegliederte Räume, textile
       Materialien zur Beruhigung der Akustik. „Räume können Sicherheit geben, und
       Sicherheit ist die Voraussetzung dafür, dass Heilung überhaupt beginnen
       kann“, sagt Burger.
       
       Dass solche Effekte mehr sind als subjektives Empfinden, zeigt eine groß
       angelegte [5][Studie am Helios Universitätsklinikum Wuppertal]. Nach einer
       reinen Farb- und Lichtanpassung auf Intensivstationen sank der Verbrauch
       von Akut-Neuroleptika, also Medikamenten zur Beruhigung bei Verwirrtheit,
       um durchschnittlich 30 Prozent. Auch die Bewertung der Pflegemaßnahmen
       stieg bei den Patient:innen um 28 Prozent sowie beim Personal die
       Zufriedenheit mit der Arbeit um 12 Prozent. „Das waren minimale Eingriffe.
       Keine neue Technik, keine neue Medizin“, betont Burger. „Nur Farbe, Licht
       und Atmosphäre.“
       
       ## Mahlzeit als Medizin
       
       Kaum etwas prägt den Klinikalltag so sehr und wird zugleich so gering
       geschätzt wie das Essen. „Ernährung ist kein Service, sondern Teil der
       Therapie“, sagt Matthias Pirlich, Internist, Ernährungsmediziner und
       Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM). Die
       Realität in vielen Häusern sei jedoch ernüchternd: „Im Durchschnitt werden
       knapp 6 Euro pro Tag pro Person für Klinikessen ausgegeben. Geschmack und
       Nährwert bleiben dabei oft auf der Strecke.“
       
       Besonders problematisch sei, dass viele Patient:innen bereits
       geschwächt in die Klinik kämen. „Etwa 20 bis 30 Prozent der stationär
       aufgenommenen Menschen sind mangelernährt, meist als Folge ihrer
       Erkrankung“, erklärt Pirlich. Die medizinischen Konsequenzen sind
       erheblich: längere Liegezeiten, mehr Komplikationen, höhere Sterblichkeit.
       „Bei Mangelernährung verlängert sich die Behandlungsdauer um 40 Prozent
       oder mehr. Die Komplikationsrate ist zwei- bis dreifach erhöht.“ Auch nach
       der Entlassung wirkt sich das aus: Die Rate ungeplanter Wiederaufnahmen
       steigt deutlich.
       
       Dass Ernährung dennoch oft als Randthema behandelt wird, liegt aus Pirlichs
       Sicht weniger an fehlendem Wissen als an fehlenden Strukturen. „Das Problem
       löst man nicht allein in der Küche.“ Entscheidend seien qualifizierte
       Fachkräfte. Ein systematisches Screening auf Mangelernährung bei der
       Aufnahme wäre niedrigschwellig umsetzbar – ist aber bislang nicht
       flächendeckend etabliert.
       
       Dabei zeigen Studien: Auch wenn bessere Ernährung zunächst mehr kostet,
       spart sie am Ende Geld. [6][Erhebungen lassen vermuten], dass sich durch
       konsequentes Screening und Behandlung von Mangelernährung in deutschen
       Krankenhäusern pro Jahr mehrere Milliarden Euro netto sparen ließen. Für
       die Klinik der Zukunft fordert er deshalb einen Kulturwandel: flexible
       Essenszeiten, Reserveessen für Spätaufnahmen, gesunde Snacks auch nachts,
       für Patient:innen und das Personal. „Eine qualitativ hochwertige
       Speiseversorgung sollte Standard sein und keine lästige Notwendigkeit.“
       Essen, so verstanden, wäre nicht bloß Verpflegung, sondern tägliche
       Medizin.
       
       3 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Bundestag-verabschiedet-Klinikreform/!6160528
 (DIR) [2] https://www.dkgev.de/fileadmin/default/Mediapool/1_DKG/1.3_Politik/Positionen/2024_Positionspapier_Gesundheitsversorgung_gemeinsam_gestalten_Fachkraefte_im_Fokus.pdf
 (DIR) [3] https://www.uke.de/landingpage/centrum-fuer-musikmedizin-und-musiktherapie-cmm/healing-soundscapes/index.html
 (DIR) [4] /Neue-Spezialambulanz-fuer-Traumatherapie/!6022355
 (DIR) [5] https://axelbuether.de/wp-content/uploads/2018/03/Auswertung_Heliosstudie_Farbe_Licht_110319.pdf
 (DIR) [6] https://www.dgem.de/sites/default/files/PDFs/Stellungnahmen/LO_Stellungnahme_Klinikreform_final_end_23_04_17.pdf
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Verena Fischer
       
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