# taz.de -- Niedecken über Jahrzehnte in der Musik: „Ich würde weiterhin verweigern“
> Mit BAP spielte Wolfgang Niedecken auf den Demos der 80er. Nun wird er
> 75. Ein Gespräch über Pazifismus, und darüber, wieso er keine Politsongs
> mehr schreibt.
(IMG) Bild: „Damals war die Springer-Presse der Hauptfeind, heute siehst du vor lauter Feinden den Wald nicht mehr“: Niedecken in Köln
Wie kaum einer steht Wolfgang Niedecken für die Verbindung von Rock ’n’
Roll und gesellschaftspolitischem Engagement der späten 70er und 80er
Jahre. Wann immer es etwas zu protestieren oder solidarisieren gab, mussten
BAP ran. Wir sind in Erfurt verabredet, wo Niedecken abends ein Konzert
spielen wird. Er sitzt mit seiner Frau und Managerin Tina Niedecken in der
Hotellobby.
taz: Herr Niedecken, ich möchte mit Ihnen über das Versagen des Rock ’n’
Roll reden.
Wolfgang Niedecken: Über was?
taz: Das Versagen des Rock ’n’ Roll, eine bessere Welt zu schaffen.
Niedecken: Ich weiß ja nicht, ob überhaupt alle diese Annahme teilen, dass
Rock ’n’ Roll das tun sollte.
taz: Unterstellen wir präziser: Die [1][von den 68ern] geprägte Alters- und
Kulturkohorte glaubte lange, mit Rock ’n’ Roll und Protest gegen den
Mainstream eine bessere Welt zu erschaffen.
Niedecken: Bei mir war zuerst die Musik. Die Beatles waren der Urknall. Das
galt eigentlich für alle meiner Generation. Vorher war nichts für uns, nur
Marschmusik, Schlager und Kirchenmusik. 1965 kam dann [2][Bob Dylan] mit
„Like a Rolling Stone“, unser damaliger Sänger hat das übersetzt. Der Song
war eigentlich nur in seiner Haltung politisch. Ein unglaublich poetisches
Wortgewitter. Ich spielte bis dahin Bass, denn Paul McCartney war mein
Held.
taz: Ein grandioser und eher unpolitischer Musiker.
Niedecken: Als ich „Like a Rolling Stone“ hörte, habe ich meinem Freund
Hein den Bass gegeben und gesagt: „Ich will jetzt singen und solche Songs
schreiben wie der Typ mit der Sonnenbrille.“ War ein bisschen vermessen,
ich war damals fünfzehn.
taz: Man muss auch Ziele haben.
Niedecken: Genau. Ich hab dann gesungen und in meinem schlechten
Schulenglisch Kram geschrieben, mit dem man mich heute erpressen könnte.
Wirklich politisiert hat mich der Vietnamkrieg, diese große
Ungerechtigkeit. Schließlich kamen auch die Songs, die sich mit Protest und
Revolte auseinandersetzten. „Revolution“ von den Beatles. Die Stones mit
„Street Fighting Man“.
taz: [3][Mick Jagger] verknüpft das Ausrufen einer Revolte mit dem
Hinterfragen seiner Möglichkeiten.
Niedecken: Ja, das lakonische „What can a poor boy do, except to sing in a
Rock ’n’ Roll Band?“, das war apologetisch …
taz: Sie meinen, Jagger dachte angesichts des Revoltenzeitgeistes, er müsse
sich rechtfertigen?
Niedecken: Ja. Es gab natürlich Bands, die stärker in die Politik gingen.
Mit diesen Bands hatte ich allerdings immer Probleme. Wenn einer immer
schon die Lösung am Start hat, werde ich vorsichtig.
taz: „Keine Macht für niemand!“, „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“
Niedecken: Die Scherben! Wobei [4][Rio Reiser eher ein Poet] war, ein
feinfühliger Kerl. Ich habe ihn ja gekannt, er war eigentlich keiner für
die großen Parolen. Aber das war eben die Zeit, die haben auf den Demos
gespielt, und dann war so was halt auch gefragt. Aber die schönsten Lieder
von Rio sind die Liebeslieder.
taz: Ach, kommen Sie: Dieser Rock ’n’ Roll wollte eine andere Gesellschaft.
[5][Woodstock 1969], Love and Peace, alternative Lebensformen, „We can
change the world“ – „Wir werden die Welt verändern“ sangen Crosby, Stills,
Nash & Young. Ist ja auch in vielen Bereichen eingetreten, aber halt nicht
durch Gitarren und Demos.
Niedecken: Woodstock war diesbezüglich eine Hochphase. Als Jimi Hendrix die
amerikanische Nationalhymne spielte und filetierte, mein lieber Mann, das
war schon ein Statement – gegen Vietnam. Viele in Woodstock waren entweder
schon als Soldaten dort gewesen oder mussten später hin. Dadurch wurde ein
Zeitgeist erzeugt. Das hat sich niedergeschlagen bis in die Mode. Ich bin
zu dieser Zeit in vollgekritzelten Parkajacken rumgelaufen. Und weil ich
zeichnen konnte, wollten alle, dass ich ihre Jacken auch mit Filzstift
bemale, sogar die Mädchen. Das war natürlich großartig.
taz: Sie waren dann in den späten 70ern mit BAP in der linksalternativen
Szene, richtig?
Niedecken: Wir waren in der Kölner Stollwerck-Szene, die war nicht so
radikal wie die in Berlin, das waren Architekturstudenten und Künstler, die
die ehemalige Schokoladenfabrik Stollwerck besetzten und sich einbildeten,
in diesem Sahnestück von Köln unter anderem Ateliers und Proberäume
einrichten zu können. Das war leider verstiegen.
taz: War einiges verstiegen damals.
Niedecken: Stimmt, aber manches wurde eben auch gerettet. Aber wenn Sie
darauf hinaus wollen: Ich war nie in der politischen Szene aktiv. Wenn,
dann gehörte ich in die Kunst- und Musikszene. Was aber schon stimmt: Wir
haben gehofft, dass die Leute in die Pötte kommen, dass sie sich schlau
machen. Das ist nach wie vor das A und O, dass du die Leute dazu bringst,
sich politisch zu informieren. Viele geben sich keine Mühe dabei, und dann
haben die Populisten die Macht, sie für sich zu vereinnahmen. Die fallen
dann prompt auf alternative Fakten rein.
taz: BAP war wichtig für die Friedensbewegung. „Plant uns bloß nicht bei
euch ein“, heißt es in Ihrem [6][Song „Zehnter Juni“] zur
Friedensdemonstration an besagtem 10. Juni 1982, als auf den Bonn-Beueler
Rheinwiesen gegen den [7][Nato-Doppelbeschluss] protestiert wurde.
Niedecken: Damals musste man sich für eine Seite entscheiden. Mir war schon
bewusst, dass die Friedensbewegung … ich will nicht sagen: unterwandert
war, aber da war auch ganz viel DKP Schrägstrich SED dabei. Trotzdem haben
wir da gespielt. Man brauchte große Bündnisse, um gegen so etwas wie den
Nato-Doppelbeschluss anzustinken. Heute ist das eine andere Geschichte.
taz: Inwiefern?
Niedecken: Es hat sich seither sehr viel verändert. Vor allem weiß man viel
mehr. Ich zumindest. Damals war die Springer-Presse der Hauptfeind, heute
siehst du vor lauter Feinden den Wald nicht mehr.
taz: Sie lachen?
Niedecken: Na ja. Wenn man das aus heutiger Sicht bewerten will, muss man
sagen: [8][Helmut Schmidt] war mit seiner Haltung zum „atomaren
Gleichgewicht des Schreckens“ nicht unbedingt auf dem Holzweg.
taz: Das aus Ihrem Mund?
Niedecken: Ja, das muss man zugeben können. Heute denke ich: Willy Brandt
hat sich damals ganz schön rangeschmissen an die Friedensbewegung, und der
damalige Kanzler Schmidt eben nicht. Aber hinterher bist du immer schlauer.
Zu der Zeit hat sich das anders dargestellt. Das gilt aber nicht für die
Proteste gegen die AKWs. Ich bin immer noch gegen Atomkraft. Solange es
keine sicheren Endlager gibt, darf es diese Dinger nicht geben. Wer das
immer noch nicht kapiert hat, der tut mir leid.
taz: Der Nato-Doppelbeschluss führte 1983 zur Stationierung von
Pershing-Raketen mit Atomsprengköpfen in Westeuropa und der Bundesrepublik.
Niedecken: Es war das zweite Mal in meinem Leben, dass ich wirklich Angst
vor einem Atomkrieg hatte. Eine Konfrontation, aus der ein dritter
Weltkrieg wird. Das erste Mal war die Kubakrise 1962, da war ich elf Jahre
alt. Deshalb haben wir auch gern bei den entsprechenden Protesten gespielt.
Aber ich bin kein Aktivist, ich bin nie in einer Partei gewesen.
taz: In dem Song „Deshalv spill mer he“ zur geplanten DDR-Tour 1984
adressieren Sie das SED-Regime als „Clique, die sich Volksvertreter nennt“.
Wie konnten Sie glauben, dass die Clique Sie das in Ostberlin singen lässt?
Niedecken: Das Lied war ursprünglich ganz harmlos, das sollte ein nettes
Begrüßungslied sein. Das DDR-Label Amiga wollte unsere Platte „Vun drinne
noh drusse“ veröffentlichen, dazu gehörte eine Tour durch 14 Städte der DDR
und ein Fernsehauftritt in Magdeburg. Da sollten wir drei Stücke Playback
spielen, „Kristallnaach“, „Zehnter Juni“ und das Liebeslied „Do kanns
zaubere“, und zwischen den Stücken sollte ein Interviewer mir Fragen
stellen. Die Interviews wurden merkwürdigerweise auch geprobt. Die Fragen
wurden von Mal zu Mal suggestiver, trotzdem habe ich jedes Mal frei nach
Schnauze geantwortet. Als die Sendung dann aufgenommen wurde, kam keiner
mehr zu uns auf die Bühne.
taz: Sie wurden zum Schweigen gebracht.
Niedecken: Ich war stinksauer. Danach sind wir wieder nach Hause, und ich
habe den ursprünglich netten Text der realen Situation angepasst. Als wir
dann zu Beginn der Tour Unter den Linden im Hotel waren, wollten die
plötzlich den Text sehen, und dann ging es ab. Wir mussten mit immer
höheren Instanzen bis zum Kultusministerium sprechen.
taz: Die Tour fand dann nie statt.
Niedecken: Am Vorabend des Eröffnungskonzerts im Palast der Republik hat
die Band abgestimmt und beschlossen, nach Hause zu fahren. Wir sind mit dem
Tourbus wieder rüber, Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße. Der Grenzbeamte
strahlte, als er uns sah, er sagte, er habe zwei Karten für sich und seine
Frau und freue sich total. Wir saßen da und schwiegen. Es war so bitter.
What can a poor boy do? Wir waren eine kleine Rockband und plötzlich in
dieses große Netz verstrickt. Ich musste dann zum Rias und zum SFB und
kriegte Applaus von der falschen Seite …
taz: Von wem?
Niedecken: Von den Kalten Kriegern im Westen natürlich. Die anderen sind
alle ins Hotel in der Nähe vom Zoo, wo damals Udo logierte.
taz: Udo Lindenberg?
Niedecken: Ja, und der fand das natürlich überhaupt nicht toll, weil er
alles getan hatte, um endlich eine Tour in der DDR spielen zu können. Wir
hatten ihm sozusagen die Tour vermasselt.
taz: Er hat Honecker in „Sonderzug nach Pankow“ als duften Typen gezeichnet
und nicht als Chef einer totalitären Clique.
Niedecken: Das fand ich wiederum total charmant von ihm gemacht mit seinem
speziellen Udo-Humor. Er hatte schließlich sogar im Palast der Republik vor
ausschließlich Blauhemden gespielt und hat sich dafür Lieder streichen
lassen. Udo wollte unbedingt spielen, wir nicht um jeden Preis.
Ursprünglich dachten die SED-Funktionäre wohl, wir wären eine dieser
linientreuen DKP-Bands. Die hatten sich einfach in uns vertan. Schlecht
recherchiert.
taz: In „Deshalv spill mer he“ beschworen Sie auch „Pazifisten ohne Wenn
und Aber“, den kategorischen Pazifismus dieser Zeit. Wann kam das „Aber“?
Niedecken: Das passierte endgültig, als ich 1987 mit den Komplizen in
Nicaragua war.
taz: Sie waren in der solidarischen Bewegung für die linke Sandinistische
Revolution gegen die Contras, die von den USA unterstützt wurden.
Niedecken: Als ich [9][in Nicaragua] sah, was da los war, war es endgültig
vorbei mit meinem naiven Pazifismus. Du kannst dem Contra, der gerade eine
Frau vergewaltigt, nicht sagen: Hör mal, du hast doch auch eine Mutter. Das
funktioniert einfach nicht, so was ist vollkommen weltfremd. Im Übrigen
sind die Sandinisten, die damals in Nicaragua dran waren, mittlerweile die
korruptesten Politiker überhaupt.
taz: Das Pazifismus-Argument hört man immer noch, etwa wenn es um den
[10][Angriffskrieg auf die Ukraine] geht.
Niedecken: So was ist naiv. Manche Leute denken ja auch, wenn Putin
Russland wieder in den Grenzen der Sowjetunion haben will, dann wären wir
ja gar nicht betroffen. Die baltischen Staaten allerdings schon. Die
Ukraine sowieso und jede Menge andere auch. Die wurden allesamt unter
Stalin in die Sowjetunion gezwungen und waren froh, wieder raus zu sein. Wo
bleibt denn da eigentlich die viel besungene internationale Solidarität?
taz: Auf der Strecke.
Niedecken: Die Plakate während des letzten Bundestagswahlkampfs haben mich
sehr verblüfft. Da waren nur Friedensparteien, speziell die beiden linken,
BSW und Linkspartei, und sogar die AfD.
taz: Die Grünen nicht.
Niedecken: Nein, die galten sogar als Kriegstreiber. Es ist unfair, die
Leute mit ihrer Urangst vorm Krieg einzuseifen. So was gehört sich einfach
nicht.
taz: Das haben früher die Älteren zu uns gesagt, dass sich etwas nicht
gehört.
Niedecken: Ja, aber vor einem anderen Hintergrund, da ging es um gute
Manieren. Wenn du als politischer Mensch die Gegenwart wahrnimmst und dich
informierst, dann kann es passieren, dass du zu Erkenntnissen kommst, die
dir nicht so richtig angenehm sind. Trotzdem musst du dich dazu verhalten.
taz: Ich habe spät gelernt, dass es keine Haltungsschwäche ist, sondern
Demokratie, wenn man in einer Koalition Kompromisse macht.
Niedecken: Ja, aber die Frage ist schon: Bis wohin gehst du mit deinen
Kompromissen? Ich finde: Die grün-schwarzen Koalitionen, beispielsweise in
Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg und NRW, machen das ganz ordentlich.
Man muss zwar immer wieder tief Luft holen, aber wenn da ein gewisser
Pragmatismus herrscht, geht das schon.
taz: Wie finden Sie die Linkspartei?
Niedecken: [11][Heidi Reichinnek] macht das in den sozialen Medien sehr
geschickt: als Pippi Langstrumpf. Ich mach mir die Welt, wie sie mir
gefällt. Das hat zu unerwarteten Erfolgen geführt. Dafür muss man natürlich
relativ geschmacksbefreit sein. Aber so funktioniert linker Populismus.
taz: Leute, die nicht aushalten konnten, dass Robert Habeck auch mit der
Union eine demokratische Mehrheit bilden würde, wählten die Linkspartei.
Niedecken: Die sind leider darauf reingefallen, und den Grünen bleibt
nichts anderes übrig, als sich mit neuem Personal neu aufzustellen.
Sisyphos lässt grüßen.
taz: Wie wirkt sich denn Ihre differenziertere Weltsicht auf das
Songschreiben aus?
Niedecken: Solche Lieder wie „Zehnter Juni“ würde ich heute nicht mehr
schreiben. Meine politischen Songs, sagen wir „Wat jeht uns die Sintflut
ahn?“, „Absurdistan“ oder „Ruhe vor’m Sturm“, sind anders gestrickt. Die
sind zwar ganz schön zornig, aber nicht im Wir-gegen-die-Modus. Das sind
eher Hörspiele, bei denen man nicht sofort weiß, wer da wen ansingt.
taz: Wer ist heute „wir“?
Niedecken: Jedenfalls keine bestimmte Gruppe, für die ich spreche. Wenn ich
„wir“ singe, sind das die Menschen.
taz: Wenn man immer die Komplexität der Welt im Kopf haben muss, ist es
schwierig, mit griffigen Refrain-Parolen zu arbeiten?
Niedecken: Die Welt ist halt komplex, und das macht es auf jeden Fall
schwieriger. Ein Refrain braucht eine Text-Hookline, die sofort kapiert
wird, aber wenn es eine politische ist, dann ist es unwahrscheinlich, dass
du im Radio läufst. Da muss ja heute alles uplifting sein.
taz: Uplifting?
Niedecken: Gute Laune verbreitend. „Kristallnaach“ war 1982 ein Radiohit,
in Holland Top Ten, und der Song war nun überhaupt nicht uplifting.
taz: Ein Song über Neofaschismus? Wahrlich nicht.
Niedecken: Damit kämst du heute niemals ins Radio. Wenn jemand ein neues
Album bespricht, kann schon mal ein politisches Lied gespielt werden, aber
das kommt niemals in die Computer-Rotation, um tagsüber zu laufen. Das ist
überhaupt der Begriff zur Situation: Es muss alles und immer uplifting
sein.
taz: Wie halten Sie es heute mit der Bundeswehr? Joschka Fischer sagte
unlängst, er würde heute zum Bund gehen.
Niedecken: Mal abgesehen davon, dass ich mit 75 nicht mehr unbedingt
eingezogen würde: Ich würde weiterhin verweigern, bin aber für ein
verpflichtendes soziales Jahr. Eine Bundeswehr brauchen wir offensichtlich.
Alles andere wäre, sich einen schlanken Fuß zu machen à la Linke und BSW.
taz: Bundeswehr ja, aber Sie nicht?
Niedecken: Ich habe wirklich lange drüber nachgedacht, ich würde mich auch
heute nicht in den Krieg schicken lassen. Für Kriegsdienst denke ich auch
zu individualistisch. Ich stelle keine Blankoschecks aus. Keiner kann mir
garantieren, dass ich von einer demokratischen Regierung aufs Feld
geschickt würde. Da muss man nur mal kurz in die USA unter Trump gucken,
dann weiß man, was ich meine. Ich versuche, nach meinen Werten zu leben.
Ich denke auch nicht, dass ich durch mein Vegetarier-Tun die
Massentierhaltung abschaffen kann. Trotzdem kann ich es persönlich nicht
verantworten, Fleisch zu essen. Deshalb lasse ich es sein. Da kann ich wie
damals sagen: Plant mich bloß nicht bei euch ein.
taz: Aber die Jüngeren sollen eingeplant werden?
Niedecken: Nein, eben nicht, die sollen sich entscheiden können, ob sie
Zivildienst machen oder zur Bundeswehr gehen. Mir hat der Zivildienst sehr
gutgetan.
taz: Inwiefern?
Niedecken: Ich habe damals auch erst gekotzt, als ich eingezogen wurde, ich
hatte nach dem Kunststudium gerade die ersten guten Ausstellungen, und dann
sollte ich Essen auf Rädern herumfahren. Aber dabei habe ich sehr viel
begriffen. Ich war vorher auf dem Weg in den Elfenbeinturm, so in die
Richtung: Ich mache Kunst, lasst mich mit den Niederungen der Realität in
Ruhe. Der Zivildienst hat mich wieder auf den Boden zurückgeholt.
taz: Sind Sie Patriot?
Niedecken: Nö.
taz: Wieso nicht?
Niedecken: Ich kriege schon von dem Begriff hektische Flecken. Ich bin …
unvernünftigerweise Fußballfan. Das reicht mir schon.
taz: Das ist doch jetzt ein klares Ausweichmanöver.
Niedecken: Mag sein, aber da darf ich unvernünftig sein, ich leide mit dem
[12][1. FC Köln] und freue mich, wenn es ihm gutgeht. Das reicht mir.
Während eines Fußballspiels denke ich auch nicht über irgendwas nach, was
mich nervt. Samstagnachmittags bin ich ausnahmsweise mal incommunicado.
taz: Wir Linke haben uns wegen allem, was bei Patriotismus mitzuschwingen
scheint, auf Habermas’ Definition von Verfassungspatriotismus geeinigt.
Niedecken: Okay, das kann man ja sagen. Die Demokratie ist nun wirklich
nicht perfekt, aber sie ist das Beste unter all den schlechten Systemen,
die sich die Menschheit hat einfallen lassen.
taz: Sie wurden vergangenes Jahr von einem Radiosender für Ihr „Lebenswerk“
geehrt. Ist das angenehm? Es klingt für mich immer so, als stehe der
Geehrte kurz vor dem letzten Atemzug.
Niedecken: Was glauben Sie, wie viele Lebenswerke ich zu Hause rumstehen
habe? Der schönste Satz dazu ist von Udo Lindenberg. Er sagte: „Hinterm
Lebenswerk geht’s weiter.“
29 Mar 2026
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