# taz.de -- Kandidat für Schach-WM gesucht: Teutonischer Stil und eine frühe Feuerprobe
> Das Kandidatenturnier ist der härteste Wettbewerb im Schach. Auf Zypern
> wird der Herausforderer für den Weltmeister Gukesh Dommaraju ermittelt.
(IMG) Bild: Spielt manchmal fast übermütig: Der Deutsche Matthias Blübaum zählt noch zu den Außenseitern
Matthias Blübaum, 27, Deutschland, Weltranglistenplatz 34:
Mit [1][Matthias Blübaum] hat nun wirklich niemand in diesem Turnier
gerechnet, und trotzdem ist er sicher kein Fallobst. Seitdem er nach seinem
Studium der Mathematik sich vollständig dem Schach gewidmet hat, hat er
sich konstant verbessert und auch bewiesen, dass er gegen die Weltspitze
mithalten kann. Er pflegt einen ziemlich geraden, nachgerade teutonischen
Stil, der manchmal fast übermütig scheint. Da passt ganz gut ins Bild, dass
seine Lieblingsband Linkin Park ist.
Siegchancen: Quasi inexistent
Andrej Esipenko, 24, Fide, Weltranglistenplatz 32:
Andrej Esipenko war bis vor wenigen Jahren eine der großen russischen
Schachnachwuchshoffnungen; 2021 schlug er, damals 18 Jahre alt, Magnus
Carlsen. Seither ist er allerdings vom Weltgeschehen überrollt worden: Erst
die Pandemie, dann der Überfall Putins auf die Ukraine haben bei ihm dazu
geführt, dass er nur wenig Schach gespielt hat und entsprechend etwas
eingebrochen ist. Das Dilemma vieler russischer Spieler*innen zeigt sich
auch bei ihm: Einerseits gehörte er zu den 44 Spieler*innen, die öffentlich
das Ende des Kriegs forderten, hat sich andererseits aber auch schon mal
für Propagandazwecke – als Premierengast bei einer Kriegsfilmvorführung zum
Beispiel – hergegeben.
Siegchancen: Null Komma ein ganz kleines bisschen.
Javokhir Sindarov, 21, Usbekistan, Weltranglistenplatz 11:
Javokhir Sindarov hat einen Lauf, und obendrein hat er stets gute Laune.
War sein Spiel in den Vorjahren noch von massiven Leistungsschwankungen
bestimmt, hat er sich 2025 stark stabilisiert, obwohl er gar nicht von
seinem aggressiven, bisweilen riskanten Stil abgerückt ist. (An ihm ließe
sich hervorragend die Theorie illustrieren, dass Grinsen sublimiertes
Zähnefletschen ist.) Es wird besonders interessant sein zu sehen, ob es ihm
gelingt, sich nicht von der alten Garde abkochen zu lassen.
Siegchancen: Von allen Außenseitern ist er vermutlich derjenige mit den
größten Chancen; maximal 10 Prozent allerdings.
R. Praggnanandhaa, 20, Indien, Weltranglistenplatz 12:
Das Gegenteil von einem Lauf hingegen hatte Praggnanandhaa: Nachdem er sich
stracks in die Weltspitze gespielt hat, ging ihm ein bisschen die Luft aus
die letzten Monate. Praggnanandhaa liebt verwickelte, unübersichtliche
Stellungen; wäre er ein Superheld, dann vielleicht der Riddler.
Siegchancen: Viel hängt davon ab, ob er sich ausreichend Ruhe gegönnt hat
und wie erholt er ist; nach Sindarov ist er vermutlich jener Außenseiter
mit den größten Chancen.
Anish Giri, 31, Niederlande, Weltranglistenplatz 9:
Anish Giri gilt als der vielleicht beste Theoretiker des Spiels, aber seit
die Computer so stark geworden sind, gilt das weniger als in früheren
Jahren. Ihm wird zu Unrecht unterstellt, ein Remis-König zu sein: Sein
Problem ist eher, dass er in den entscheidenden Momenten manchmal das
Gaspedal nicht finden mag. Anish Giri ist im Übrigen dreifacher Vater –
eine Ausnahme unter Schachprofis, die normalerweise kinderlos sind.
Siegchancen: Da müsste viel zusammenkommen.
Wei Yi, 26, China, Weltranglistenplatz 8:
Wei Yi gehört, obschon noch so jung, vom Stil her zu den alten Hasen.
Früher machte er Furore mit grandiosen Opfern und einer kompromisslosen
Angriffslust, inzwischen aber ist er auf die sichere Seite gewechselt und
spielt ungewöhnlich viel Verschiebebahnhofsschach: Hauptsache, nichts
verlieren. In seiner Freizeit liest er Camus und schreibt Gedichte.
Siegchancen: Wer nicht gewinnen will, wird es auch nicht tun.
Hikaru Nakamura, 38, USA, Weltranglistenplatz 2:
Nakamura ist Schachspieler nur im Nebenberuf, hauptsächlich ist er Streamer
und Content Creator. Es dürfte seine letzte Chance auf den WM-Titel sein,
[2][um eine Karriere zu krönen], die bis heute im Schatten Magnus Carlsens
steht. Ihm kommt zugute, dass er nach wie vor eine unglaubliche Energie
ausstrahlt, er über auch in diesem Feld über ein außergewöhnliches
Kalkulationstalent verfügt und dass er in schlechteren Stellungen eine
unglaubliche Zähigkeit an den Tag zu legen in der Lage ist. Allerdings ist
Hikaru Nakamuras Form nur schwer einzuschätzen: In letzter Zeit hat er kaum
hochklassige Turniere gespielt.
Siegchancen: Hoch, wenn auch nicht ganz auf dem Niveau von Fabiano Caruana.
Fabiano Caruana, 33, USA, Weltranglistenplatz 3:
[3][Fabiano Caruana] hält sich schon seit Jahrzehnten in der Weltspitze und
hat als einziger Teilnehmer auch schon ein WM-Match bestritten: 2018
trotzte er Magnus Carlsen in 12 klassischen Partien 12 Remisen ab und
verlor erst im Tiebreak. Es wird ihm auch zugutekommen, dass es für ihn
bereits das sechste Candidates ist und er wie kein anderer im Feld dieses
Format kennt, er also der Mister Miyagi des Turniers ist.
Siegchancen: Die große Schwäche Fabiano Caruanas heißt Hikaru Nakamura:
Gegen ihn verliert er in letzter Zeit notorisch. Kann er sich da
stabilisieren, wird er der nächste Kandidat. Die beiden treffen direkt in
der ersten Runde aufeinander; das wird also eine frühe Feuerprobe.
27 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Frédéric Valin
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