# taz.de -- Schachgenie Magnus Carlsen: Ein Wasserfall auf die Mühlen der Kritik
> Das Heimspiel in Oslo wird für den ehemaligen Schachweltmeister und
> Dominator des Sports völlig überraschend zum Desaster.
(IMG) Bild: Hat den „Breakthrough“ lange hinter sich: Magnus Carlsen, hier 2023
Ausgerechnet vor dem Heimspiel in Oslo unkten Kritiker, dass Magnus Carlsen
aus der Schachweltrangliste eliminiert werden sollte. Argument: Der
Dominator auf den 64 Feldern, der vor mehr als drei Jahren den WM-Titel
freiwillig abgegeben hatte, spielt kaum noch Turnierpartien, die für die
Elo-Spielstärkezahl den Ausschlag geben.
Die Nörgelei ließ Carlsen vor dem ersten Zug beim Norway Chess lässig
abprallen. Die „Debatte um den ersten Platz in der Weltrangliste wäre
legitimer, wenn ich in den Formaten, die ich spiele, schlecht abschneiden
würde“, befand der Weltmeister im Blitz- und Schnellschach, der seit Juli
2011 ununterbrochen das [1][Ranking des Schachweltverbandes FIDE] anführt.
Damit nicht genug: „Ich gönne niemand anderem die Nummer eins, solange ich
das Gefühl habe, immer noch der Beste zu sein“, gab der 35-Jährige eine
deutliche Kampfansage ab. So richtig an einen Wachwechsel mochte auch
keiner glauben, lag der Titelverteidiger am 1. Juni mit 2841 Elo satte 49
Zähler vor den beiden US-Amerikanern Fabiano Caruana und Hikaru Nakamura.
Das sind Welten auf den 64 kleinkarierten Feldern!
## Ungewöhnlicher Patzer
Ganz zu schweigen von Weltmeister Dommaraju Gukesh, dem 109 Elo auf Carlsen
fehlen. Der Ende Mai 20 Jahre alt gewordene Inder stand noch mehr im
Fadenkreuz der Kritiker. Der jüngste Weltmeister der Schachgeschichte
räumte dabei sogar selbst ein, dass er seit dem Titelgewinn im Dezember
2024 „weit hinter den Erwartungen“ blieb.
Die Krise von Gukesh setzte sich beim [2][6. Norway Chess in Oslo] fort:
Nach acht der zehn Runden trägt er mit acht Punkten die rote Laterne und
fällt damit im FIDE-Ranking auf Platz 22 zurück. Doch einer verlor in dem
sechsköpfigen Weltklassefeld noch mehr Elo: Carlsen! Die scharfe Kritik an
den seltenen Turnierpartie-Einsätzen des Überspielers der letzten
eineinhalb Jahrzehnte hatten nur wenige Fans für bare Münze genommen, trug
sie doch vor allem Hans Moke Niemann als Wortführer vor. Der aktuelle
Weltranglistenzwölfte aus den USA liefert sich permanent Scharmützel mit
Carlsen, die sogar schon die Gerichte mit einer Millionenklage
beschäftigte.
Aber selbst Niemann hätte wohl nicht daran gedacht, dass er in Oslo einen
ganzen Wasserfall auf seine Mühlen bekommt. Gleich vier seiner acht
Turnierpartien verlor sein Erzfeind bisher!
Nach der zweiten Niederlage gegen den Inder Praggnanandhaa Rameshbabu in
Runde acht geißelte sich Carlsen selbst für einen ungewöhnlichen Patzer:
„Das war einfach unglaublich schlecht gespielt! Ich habe einfach vergessen,
dass er seinen Läufer ziehen kann, der lange gefesselt war.“
[3][Vincent Keymer] liegt mit zehn Punkten zwar nur einen Zähler besser als
Carlsen. Der Weltranglistensechste spielte aber in den Turnierpartien weit
besser: Der Tabellenvierte sicherte sich mit einem Sieg über Gukesh drei
Zähler und remisierte bisher die restlichen sieben Partien. Der 21-Jährige
zollt dem ungewöhnlichen Turnierformat Tribut: Nach Friedensschlüssen
stehen Blitz-Armageddon-Duelle an – und hier zog der Deutsche regelmäßig
den Kürzeren. So bekam er jeweils nur einen Punkt statt 1,5. Ansonsten
hätte Keymer, der von seinem größten Erfolg in Rumänien direkt angereist
war, umgehend das nächste Topturnier gewinnen können.
Den Sieg machen so die Carlsen-Bezwinger Wesley So (USA/14), Alireza
Firouzja (Frankreich/13) und Praggnanandhaa (Indien/12) unter sich aus. Für
Keymer bleibt der Trost, dass er von allen Konkurrenten in Oslo Carlsen am
nächsten auf die Pelle rückt. 48 Elo fehlen ihm momentan auf den Norweger.
Vielleicht erübrigen sich Niemanns Giftpfeile bald gar auf dem Brett, wenn
Magnus Carlsen weiterhin so agiert wie bei seinem völlig missratenen
Heimspiel.
4 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Pat van Noe
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