# taz.de -- Schachgroßmeister Matthias Blübaum: Der unterschätzte Europameister
> Schachgroßmeister Matthias Blübaum macht es nichts aus, im Schatten von
> Vincent Keymer zu spielen.
(IMG) Bild: Spätstarter: Matthias Blübaum studierte Mathematik, bevor er Schachprofi wurde
„Es wäre besser gewesen, Vincent Keymer hätte statt Matthias Blübaum das
Kandidatenturnier erreicht.“ Dieser Satz kursierte unter deutschen Fans
regelmäßig. [1][Sogar der Deutsche Schachbund (DSB)] hob auf seiner
Webseite mit Blick auf seine beiden besten Großmeister darauf ab. Dass sich
diese Sichtweise auf den 64 Feldern ändert, dafür könnte die „Generalprobe“
sorgen: Als diese hatte Blübaum das illustre Feld in Wijk aan Zee
ausgerufen. Das traditionsreiche Topturnier an der niederländischen Küste
kann man auch als „Wimbledon des Schachs“ bezeichnen, haben sich doch
nahezu alle Großen dort in der Siegerliste verewigt.
[2][Bisher durfte Blübaum nur einmal] im „Challenger“ in Wijk aan Zee
mitspielen. Dass der 28-jährige Lemgoer nun vom B- ins A-Turnier aufrückte,
verdankt der Weltranglisten-43. seinem sensationellen Erfolg beim
Grand-Swiss-Turnier in Samarkand. Der zweifache Einzel-Europameister sorgte
„für die Sternstunde des deutschen Schachs“, wie der DSB nach dem
„historischen Erfolg“ auf seiner Webseite jubelte: Blübaum qualifizierte
sich in Usbekistan als Zweitplatzierter für das WM-Kandidatenturnier. In
Zypern ermitteln acht Großmeister ab dem 28. März den Herausforderer des
indischen Weltmeisters Dommaraju Gukesh. Als letzter Deutscher spielte die
vor einem Jahr [3][verstorbene Legende Robert Hübner] 1991 in einem
Kandidatenturnier mit.
Keymer trumpfte in Samarkand zwar ebenfalls auf, verpasste jedoch im
direkten Duell mit Blübaum den Sieg. So scheiterte der 21-Jährige hauchdünn
an der Qualifikation für das Kandidatenturnier. Dass die deutschen
Schachfans dem Baden-Badener Bundesligaspieler eher den Griff nach der
WM-Krone zutrauen als Blübaum, liegt an seinem kometenhaften Aufstieg:
Keymer kletterte seit September weiter und weiter in der Weltrangliste. Bis
auf Rang vier spülten ihn seine enormen Erfolge. Sogar Weltmeister Gukesh
liegt fünf Plätze hinter ihm.
## Erstmals zwei deutsche Teilnehmer im 14-köpfigen Topfeld
An Keymer als Teilnehmer kamen die schachverrückten Niederländer somit
nicht vorbei. Dass sie zudem Blübaum in das 14-köpfige Tata-Steel-Masters
einluden, sorgte für ein Novum bei der 88. Auflage des Festivals: Erstmals
durften gleich zwei Deutsche mitspielen. Weil an der Nordseeküste drei
Teilnehmer des WM-Kandidatenturniers sowie der Weltmeister an den Start
gehen, sieht Blübaum den Traditionswettbewerb als gute „Generalprobe“ an:
Die Bedenkzeit von zwei Stunden für 40 Züge ist nämlich wie auf Zypern.
Zusätzliche Zeitzugaben gibt es erst ab dem 41. Zug.
Dem Mathematiker, der erst nach dem absolvierten Studium den Sprung ins
Schachprofigeschäft wagte, traute auch in Wijk aan Zee niemand Großes zu.
Auf Twitch firmiert er auch zurückhaltend wie humorvoll als
„KeinSehrStarkerSpieler“, wie ihn einst ein anderer deutscher Großmeister
einstufte.
Damit, dass er im Schatten von Keymer steht, hat der humorvolle
Bundesligaspieler kein Problem. Gefreut hat sich der 28-Jährige aber
insgeheim schon, dass er am Montag allen Skeptikern eine lange Nase drehte:
Nach zwei Auftakt-Remis schlug Blübaum in der dritten Runde ausgerechnet
seinen topgesetzten Nationalmannschaftskameraden. Mit dem Nachteil der
schwarzen Steine hatte der bescheidene Großmeister „das ehrlich gesagt
nicht unbedingt erwartet“, gestand er und freute sich, „das macht es umso
schöner“.
## Keymer berappelt sich
Mit zwei Punkten lag der Außenseiter plötzlich mit an der Spitze. Der hoch
gehandelte Keymer verlor dagegen seine zweite Partie in Folge. Der
mittlerweile in Wien lebende Pfälzer stand so mit nur einem Zähler im
hinteren Feld. Zum Auftakt hatte der Weltranglistenvierte Anish Giri
bezwungen. Der Niederländer, der sich ebenfalls für das Kandidatenturnier
qualifizierte, erwischte einen noch schwächeren Start als Keymer. Der
deutsche Spitzenspieler berappelte sich allerdings und feierte gegen den
Inder Aravindh Chithambaram seinen zweiten Sieg, womit er mit 2,5 Punkten
wieder im Mittelfeld liegt. Den einen Punkt Rückstand in den noch
ausstehenden acht Runden auf Hans Moke Niemann (USA) sowie die Usbeken
Javohir Sindarov und Nodirbek Abdusattorov (alle 3,5) kann Keymer in
direkten Duellen noch egalisieren.
Dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen, musste auch Blübaum in der
vierten Partie erkennen. Mit Weiß entging ihm ein brillantes Springeropfer
von Sindarov. Der 20-Jährige gab dem Konkurrenten einen Vorgeschmack auf
das Kandidatenturnier, in dem der Usbeke als Weltpokalsieger auch dabei
ist. Mit 2,5 Punkten liegt Blübaum aber immer noch in Lauerstellung. Und
dass die Fans ihn durchaus mögen, beweist eine Sammelaktion: Beim
Crowdfunding, um ihm Trainer und Sekundanten für das WM-Kandidatenturnier
zu bezahlen, kamen 23.000 Euro zusammen.
22 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.schachbund.de/news/matthias-bluebaum-neue-elo-hoehen-bei-der-generalprobe-fuer-den-wm-traum.html
(DIR) [2] /Schach-Weltmeisterschaft/!6110629
(DIR) [3] /Nachruf-auf-Robert-Huebner/!6060719
## AUTOREN
(DIR) Hartmut Metz
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