# taz.de -- Gedenken an einen Völkermörder: Türkische Nationalisten erinnern an den Tod von Tâlat Paşa
       
       > In Berlin feiert eine Gruppe den Drahtzieher des Völkermordes an den
       > Armeniern. Als Gegenveranstaltung lädt ein antirassistischer Verein zu
       > einem historischen Rundgang.
       
 (IMG) Bild: Mehmet Talât Paşa starb am 15. März 1921 in Berlin in der Hardenbergstraße durch die Kugel eines armenischen Rächers
       
       Mehmet Talât Paşa war [1][einer der Hauptverantwortlichen für den
       Völkermord an den Armenier*innen]. Die Gruppe, die sich am
       Sonntagvormittag an der Hardenbergstraße 16 in Charlottenburg versammelt,
       sieht in ihm allerdings einen „Revolutionär“ und „Vordenker der modernen
       Türkei“. 105 Jahre nach seinem Tod kämen sie hier zusammen, um den Mann zu
       ehren, der sich für republikanische Ideen und den „Befreiungskampf“ der
       heutigen Türkei eingesetzt habe, sagt ein Redner auf Türkisch bei einer als
       „Gedenkveranstaltung“ angemeldeten Kundgebung.
       
       „Der Kampf, den Talât Paşa für das Heimatland geführt hat, wird im
       Gedächtnis der türkischen Jugend wach bleiben“, sagt der Redner. Einer der
       – eher mittelalten als jugendlichen – Teilnehmer hält eine türkische
       Flagge, ein anderer ein Bild von Talât Paşa und einen Strauß Rosen hoch.
       Nach ihrer kurzen Ansprache hängen sie die Flagge für ein Foto in einen
       Busch und stellen das gerahmte Bild und die Blumen darunter. Das Video mit
       einem Ausschnitt der Rede wird später in den sozialen Netzwerken
       verbreitet.
       
       Die Kreuzung an der Ecke Fasanenstraße ist der Ort, an dem der armenische
       Student Soghomon Tehlirian den Völkermörder Talât Paşa mit einem Kopfschuss
       am 15. März 1921 getötet hat. Mitten am Tag und mitten auf der
       Hardenbergstraße. Tehlirian war Teil eines Rächerkommandos namens
       „Nemesis“. Er hatte Talât Paşa zuvor ausspioniert und dann gezielt
       zugeschlagen. Denn der lebte damals unbehelligt in Berlin. Hierhin hatten
       sich Paşa und auch andere am Völkermord beteiligte Osmanen geflüchtet, um
       juristischer Verfolgung im damals zerfallenden Osmanischen Reich zu
       entgehen.
       
       An genau diesem Ort sei Talât Paşa „zum Märtyrer“ geworden“, sagt der
       Redner. Währenddessen nähert sich über die Hardenbergstraße eine zweite
       Gruppe, auch sie etwa ein Dutzend Leute. Es ist ein vom Verein Akebi
       organisierter Stadtrundgang zu den historischen Verflechtungen zwischen dem
       Deutschen Reich und dem Osmanischen Reich. Sie passieren die Kundgebung.
       
       ## Stadtrundgang gegen Geschichtsrevisionismus
       
       [2][Akebi, kurz für Aktivist*innenvereinigung gegen Rassismus,
       Nationalismus und Diskriminierung], ist ein in Kreuzberg ansässiger Verein,
       der zu Erinnerungskultur und dem Völkermord an den Armenier*innen
       arbeitet und sich zum Ziel gesetzt hat, Rassismus und Nationalismus „in
       Deutschland und unter den aus der Türkei stammenden MigrantInnen“ zu
       bekämpfen. Den Stadtrundgang haben sie angesetzt, um der Gruppe, die sich
       positiv auf den Völkermörder bezieht, etwas entgegenzusetzen. Dabei
       informieren sie auch über die Geschichte von Soghomon Tehlirian – und
       erzählen, das Talât Paşa 1915 die [3][Deportation von Armenier*innen
       angeordnet hatte und damit die Massaker und Vertreibungen] einleitete.
       Mutmaßlich bis zu 1,5 Millionen Menschen fielen dem zum Opfer.
       
       Der Bundestag hat die auch unter dem Wort „Aghet“ (Katastrophe) bekannten
       Massaker und Verbrechen 2016 [4][in einer Resolution als Völkermord
       anerkannt]. Die [5][Türkei leugnet den Genozid bis heute]. „Dass Taalat
       Pascha bis heute von türkischen Nationalisten als ‚Held‘ verehrt wird und
       auch in Berlin zu Ehrungen mobilisiert wird, zeigt, wie hartnäckig die
       politische Leugnung und Verklärung dieses Genozids fortbesteht“, schreibt
       Akebi am Abend in einem Statemnet auf Instagram. „Berlin ist auch ein Ort
       der armenischen Diaspora und der Erinnerung an den Genozid“, schreiben sie.
       „Erinnerung sichtbar zu machen, heißt, der Verherrlichung von Tätern und
       der Leugnung von Verbrechen entschieden entgegenzutreten.“
       
       Als sich die Kundgebung aufgelöst hat, kommt der Stadtrundgang zurück zu
       dem Ort, an dem Tehlirian Rache übte. „Ich habe getötet, aber ein Mörder
       bin ich nicht“, soll Tehlirian bei seinem Prozess gesagt haben. Dieser
       Prozess, den die Berliner*innen damals gespannt verfolgten, endete
       bereits nach wenigen Verhandlungstagen, das Gericht sprach Tehlirian frei.
       Im Kaiserreich, das sich im Ersten Weltkrieg mit dem Osmanischen Reich und
       mit Österreich-Ungarn verbündet hatte, wollten die Verantwortlichen von
       Verbrechen und Massakern ihres „Waffenbruders“ damals lieber nicht so viel
       wissen – und auch die eigene Beteiligung unter den Tisch kehren.
       
       Eine Teilnehmerin des Stadtrundgangs nimmt kurzerhand die Blumen, die die
       Kundgebung hinterlassen hat, und legt sie zu einem Stolperstein, der an
       dieser Ecke an den als Zeuge Jehovas verfolgten Otto Reinhold Siegel
       erinnert. Dort bleiben sie liegen, als die Gruppe zur nächsten Station
       weiterzieht.
       
       ## Lepsius-Haus in Potsdam
       
       „Wir wollten uns mal ansehen, wie hier Geschichtsrevisionismus betrieben
       wird“, sagt einer von drei Männern, die das Geschehen von der anderen
       Straßenseite beobachtet hatten. Näher dran zu stehen wollte die Polizei
       ihnen nicht gestatten. Die drei sind vom Lepsius Haus in Potsdam, einer
       gibt sich als dessen Leiter zu erkennen. Das Lepsius-Haus ist ein weiteres
       Beispiel für die engen Verflechtungen zwischen Osmanischem und Deutschem
       Reich, und ein Ort, der diese auch heute noch sichtbar macht. Die
       Forschungs- und Begegnungsstätte beschäftigt sich mit dem Genozid an den
       Armenier*innen im Osmanischen Reich.
       
       Der Theologe, Philosoph und Orientalist Johannes Lepsius hatte damals in
       einem dreihundertseitigen „Bericht über die Lage des armenischen Volkes in
       der Türkei“ beschrieben, wie die damals regierenden Jungtürken unter der
       Leitung von Talât Paşa und anderen [6][„ab Frühjahr 1915 vor allem in
       Anatolien eine „staatlich geplante ethnische Säuberung“], ausgeführt
       hatten, die „in genozidale Maßnahmen umschlug“. Heute organisiert das
       Lepsius-Haus Ausstellung, Vorträge und macht Aufklärungsarbeit.
       
       Die Kundgebung ist längst beendet, die Stadtführung ist weitergezogen, da
       läuft ein junger Mann zielstrebig auf die Straßenecke zu, in der Hand einen
       Kaffeebecher. Er stellt den Becher auf dem Boden ab, tritt an die Stelle,
       an der sich zuvor die Kundgebung aufgestellt hatte, und hebt die Hände wie
       in Ehrerbietung. Einen Moment hält er so inne. Er komme jedes Jahr an
       diesem Tag an diesen Ort, sagt er, um an Talât Paşa zu erinnern. Der sei
       ein großer Mann gewesen, und dass es da leider viele Missverständnisse
       gebe. Von der Kundgebung, die gerade einmal zehn Minuten vorbei ist, habe
       er nichts gewusst. Aber er kenne viele, die so wie er am 15. März diesen
       Ort aufsuchten, um Talât Paşa zu ehren.
       
       16 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Gedenken-an-Armenien-Voelkermord/!5755593
 (DIR) [2] https://akebi.de/2026/03/stadtrundgang-spuren-der-verflechtungen-von-deutschem-reich-und-osmanischem-reich-in-berlin-15-3/
 (DIR) [3] /Tuerkei-und-Voelkermord-an-den-Armeniern/!5680917
 (DIR) [4] /Armenien-Resolution-im-Bundestag/!5309734
 (DIR) [5] /Voelkermord-an-den-Armeniern/!5762505
 (DIR) [6] https://www.lepsiushaus.de/historischer-ort/johannes-lepsius
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Uta Schleiermacher
       
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       Deshalb tut man sich schwer, den Genozid an den Armeniern anzuerkennen.