# taz.de -- Roman „Toxibaby“ von Dana von Suffrin: Sie spielt mit dem Klischee, dass es eine Freude ist
> Herzchen und Toxibaby lieben und hassen sich: Der dritte Roman der
> Schriftstellerin Dana von Suffrin verschränkt amourösen und politischen
> Wahnwitz miteinander.
(IMG) Bild: Die Autorin Dana von Suffrin
Wer dieses Prosawerk inhaltlich zusammenfassen möchte, kann das entweder in
wenigen Zeilen erledigen oder einen abendfüllenden Vortrag halten.
Vermutlich wird kaum ein literarischer Text in diesem Frühjahr so
polarisieren wie Dana von Suffrins „Toxibaby“, angekündigt als der
„schlimmste Liebesroman, den man sich vorstellen kann“.
Zunächst einmal dreht sich alles um die Schriftstellerin Herzchen Goldberg
und ihren gleichermaßen geliebten wie verhassten Toxi. Der Titel- und
Antiheld wird als „paranoid, impulsiv, depressiv, ängstlich“ beschrieben,
ist offenbar ein gutes Beispiel für die „Krise der Männlichkeit“, weiß laut
Ich-Erzählerin aber auch „selbst, was für ein Loser er ist“. Das hält
Herzchen nicht davon ab, dem Mann, den sie für „komplett lebensunfähig“
hält, nach jeder Trennung wieder hinterherzulaufen.
Toxibaby – wie ihn die Erzählerin so liebevoll wie herablassend nennt –
scheint nie erwachsen zu werden, kann sein Leben kaum finanzieren, belehrt
Herzchen aber ständig, wie der Spätkapitalismus funktioniert. Toxi hatte
mal einen „befristeten Vertrag als Sozialpädagoge in einer
Brennpunktschule“, schlägt sich zwischenzeitlich als „sozialpädagogische
Fachkraft“ in Teilzeit durch und setzt darauf, dass die Freundin regelmäßig
seine Rechnungen übernimmt. Immerhin sieht er gut aus und vermag die Frau,
die sich als leidenschaftlich Liebende begreift, nicht trotz, sondern wegen
seiner Verlogenheiten für sich einzunehmen.
Rational ist in der vergifteten Beziehung bald nichts mehr: „Wir trennten
uns ständig, und dann kamen wir quasi ohne unser Zutun wieder zusammen,
zumindest redeten wir uns darauf heraus, und nur ganz am Anfang versuchten
wir noch, etwas zu verstehen.“ Dana von Suffrin spielt mit dem Klischee,
dass es eine Freude ist. Nicht selten entwickelt sich aus dem vorgeführten
Ressentiment eine bittere Wahrheit.
## Diskursive Kehrseiten
Wer mehr über die psychische Abhängigkeit vom attraktiven „Hitzkopf“
erfahren möchte, der seine theoretischen Ergüsse auch auf „einem der
aggressiven, schlecht formatierten linksextremen Blogs“ veröffentlicht,
muss sich mit den politischen Tiefenschichten des Romans befassen. Herzchen
ist eine jüdische Schriftstellerin, die ein Buch über ihre
Familiengeschichte geschrieben hat, die „überwiegend in einem der
Außenlager von Auschwitz-Birkenau geendet war“.
Ihre in „Deutschland, Österreich und Holland“ überaus erfolgreiche
Publikation ist die diskursive Kehrseite einer pseudotheoretischen
Entwicklung, für die wiederum Toxibaby exemplarisch steht. Kaum geht das
unmögliche Paar mal wieder getrennte Wege, möchte Herzchen unbedingt „über
die neuen gehässigen, postkolonialen Zeitungsartikel unserer früheren
Professoren diskutieren“ – die der Verehrte bestimmt vehement verteidigen
wird. Von Suffrins Roman ist auch als Abrechnung mit einer deutschen
Öffentlichkeit zu lesen, die sich durch die hingebungsvolle Lektüre
jüdischer Familiengeschichten zu entlasten und zugleich den Holocaust aus
der kollektiven Erinnerung zu tilgen versucht.
Dennoch hat die 1985 geborene Dana von Suffrin, die über „Wissenschaft und
Ideologie im frühen Zionismus“ promovierte, kein schnödes Debattenbuch,
sondern eine weitgehend lustige und in ihrer Übertreibungskunst äußerst
literarische Suada geschrieben, die in manchen Szenen sogar zartfühlend
daherkommt. Das Drama des Vaters, der allmählich seine Sprache verliert und
als verstummter Zeuge seiner Epoche stirbt, überzeugt auf den verschiedenen
Erzählebenen; handelt es sich nämlich auch um eine anrührende Geschichte,
die Herzchen zuweilen „ausbeuten musste, um Toxibaby zum Schweigen zu
bringen“.
## Wildwitziges Stück Literatur
Drei Jahre lang quält sich das Paar durch eine fragile Beziehung, als die
Frau sagt, „ich glaube, ich kriege ein Kind“. Zu ihrer Überraschung agiert
der Mann, der „auch ein Engel sein kann“, nach anfänglicher Skepsis äußerst
liebevoll. Doch Herzchen hat nur einen üblen Scherz gemacht, verhält sich
toxischer als ihr Toxibaby. In diesem Moment hilft dem verarschten Kerl nur
die Flucht, die zerstörerische Liebe aber wird irgendwann weitergehen.
Wenn Toxi es halbwegs geschafft hat, sich von Herzchen zu emanzipieren,
wird sie ihn sexuell bestürmen, bis er sich „hilflos wie ein Teenager“
bewegt. Wenn sie dann auch noch ihre „gierigen Anne-Frank-Augen in ihn
bohrt“, schaut der irritierte Gefährte „beschämt zur Seite“. Dieser Roman
mag für Leute, die sich oft in pathetischen Projektionen versteigen und die
mit solchen Szenen persifliert werden, eine Zumutung sein. Wer Dana von
Suffrins politischen Humor mag, wird „Toxibaby“ als wildwitziges Stück
Literatur feiern.
14 Mar 2026
## AUTOREN
(DIR) Carsten Otte
## TAGS
(DIR) Roman
(DIR) Judentum
(DIR) Postkolonialismus
(DIR) Antisemitismus
(DIR) deutsche Literatur
(DIR) Antisemitismus
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Judenhass im Kunstbetrieb: Weitgehend ohne Konsequenzen
Nach dem Angriff der Hamas auf Israel brach auch in der Kultur der
Antisemitismus durch. Der Sammelband „Judenhass im Kunstbetrieb“ klärt auf.
(DIR) Longlist für den Deutschen Buchpreis: Inwärts gekehrt
Familien- und Zeitgeschichte: Davon erzählen viele Romane auf der Longlist
zum Deutschen Buchpreis. 13 Autorinnen und 7 Autoren wurden ausgewählt.
(DIR) Autorin über Judenhass in der Literatur: „Humor ist die einzige Waffe“
Dana von Suffrin kennt Antisemitismus im deutschsprachigen
Literaturbetrieb. Erst begegnete sie dem mit Memes auf Instagram. Dann
wurde es ihr zu viel.