# taz.de -- Missbrauch in der katholischen Kirche: Systematischer Täterschutz
> Neue Studie legt „Vertuschungsspiralen“ im Erzbistum Paderborn offen.
> Betroffene von sexualisiertem Missbrauch stießen lange Zeit auf taube
> Ohren.
(IMG) Bild: Udo Markus Bentz, Erzbischof von Paderborn, bei der Pressekonferenz in der Universität Paderborn am Freitag
epd/dpa/taz | Nach der Veröffentlichung einer neuen [1][Missbrauchsstudie
für das Erzbistum Paderborn] hat Erzbischof Udo Markus Bentz um Verzeihung
gebeten und Konsequenzen angekündigt. Die Studie zeige, dass Vorfälle
verharmlost und bagatellisiert worden seien, sagte Bentz am Freitag in
Paderborn. „Es ist mir persönlich wichtig, um Verzeihung zu bitten – im
Namen der Kirche von Paderborn.“
Vor allem Priester, aber auch andere Mitarbeitende im kirchlichen Dienst
hätten laut der Studie Kinder, Jugendliche und Schutzbefohlene missbraucht
und seien schuldig geworden, sagte Bentz. Schuldig geworden seien auch
Verantwortliche im Erzbistum. Es gehe nicht nur um individuelles
Fehlverhalten, sondern um institutionelles Versagen.
Laut der am Donnerstag [2][von der Universität Paderborn vorgestellten
Studie] haben im Erzbistum Paderborn in den Jahren 1941 bis 2002 deutlich
mehr Priester Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht als bisher
bekannt. Bislang galten laut 2018 veröffentlichen Zahlen der Deutschen
Bischofskonferenz für diesen Zeitraum 111 Priester als Beschuldigte.
„Diese Zahlen sind stark zu korrigieren“, sagte die Mitautorin und
Historikerin Nicole Priesching. Jetzt gebe es Hinweise auf 210
Beschuldigte, die 489 Kinder und Jugendliche missbraucht haben sollen.
Aufgeteilt auf die Amtszeiten der Kardinäle Lorenz Jaeger und [3][Johannes
Joachim Degenhardt] nannte Priesching ebenfalls Zahlen. Unter Jaeger
(1941-1973 im Amt) wurden 144 Priester beschuldigt, 316 Kinder missbraucht
zu haben. Bei Degenhardt (1974 bis 2002) waren es 98 Beschuldigte und 195
Betroffene.
## Vertuschung und Täterschutz durch Kardinäle
Unter beiden Kardinälen sei versucht worden, die Fälle zu vertuschen und
die Täter zu schützen. Die Opfer und deren Familien seien unter Druck
gesetzt worden, die Anzeigen zurückzuziehen, sagte die Historikerin
Priesching. Wenn Priester geständig waren, die Fälle aber in der
Öffentlichkeit noch nicht bekannt waren, hätten sie ihre Arbeit in der
Regel fortsetzen können.
Das soziale Umfeld in den katholischen Kirchengemeinden habe dafür gesorgt,
dass die Opfer den Beschuldigten weiter ausgeliefert blieben. Ihnen sei
suggeriert worden, dass sie selbst schuld seien. Sie hätten sich dreckig
gefühlt und gedacht, jeder gucke auf sie. Ein Opfer habe ihr berichtet, wie
ein Priester vor ihm masturbiert habe. Als das Kind dann geweint habe, habe
der Geistliche weiter Spaß gehabt. „Dann war die Kinderseele zerstört“,
sagte Priesching.
Unter dem erzkonservativen Kardinal Degenhardt hätten auch Therapien für
die Priester nur dazu gedient, dass sie ihre Arbeit anschließend fortführen
konnten. Das Schlimmste, was sie bei ihrer Forschung gelesen habe, sei ein
Brief von Degenhardt an einen gerade verurteilten Priester gewesen. „Darin
teilte der Kardinal dem Kleriker sein ganzes Mitgefühl mit“, sagte die
Studienautorin. „Danach konnte ich eine Nacht nicht schlafen.“
Für die Studie haben die Wissenschaftlerinnen zahlreiche Interviews mit
Opfern und Personalverantwortlichen des Bistums geführt, schriftliche
Quellen ausgewertet wie Personalakten, aber auch bislang geheime Akten
eingesehen. Priesching geht davon aus, dass die Zahlen der Beschuldigten
und Opfer noch deutlich höher liegen als nunmehr bekannt. „Beim Dunkelfeld
können wir nur spekulieren“, sagte Priesching.
Sie bedankte sich ausdrücklich bei den Opfern, die sich für die Interviews
gemeldet haben. Für das Jahr 2027 kündigte die Professorin die zweite
Studie an. In dieser Arbeit geht es um die Zeit von Hans-Josef Beckers. Der
noch lebende Erzbischof war von 2002 bis 2022 im Amt.
## Viele Betroffene bis heute schwer traumatisiert
Im benachbarten Bistum Münster war 2022 eine unabhängige wissenschaftliche
Studie zu sexuellem Missbrauch vorgestellt worden. Zwischen 1945 und 2020
gab es nach den Untersuchungen des fünfköpfigen Forscherteams mindestens
196 Kleriker als Täter und 610 minderjährige Opfer von sexuellem
Missbrauch. Nachweisen konnten die Forscher:innen auch hier
jahrzehntelanges Versagen in der Bistumsleitung, Vertuschen und
Strafvereitelung durch Personalverantwortliche in verschiedenen Fällen.
Angesichts der neuen Paderborner Studie fordern Betroffenenvertreter
schnellere Hilfen. Reinhold Harnisch, der der unabhängigen
Aufarbeitungskommission für das Erzbistum Paderborn angehört, sprach von
einem wichtigen Meilenstein, der die Aufarbeitung „richtig in den Fokus
rückt“, sagte er WDR2.
„Das ist schon eine schlimme Situation, wenn man das mit sich rumträgt. Und
jeder hat andere Bewältigungsstrategien“, sagte Harnisch. Viele Opfer seien
„so schwer traumatisiert, dass sie den Weg ins Leben gar nicht richtig
gefunden haben, dass sie heute in prekären Verhältnissen leben, dass sie
ganz schwer geschädigt sind und gar nicht ihre Stimme erheben können, gar
nicht sprechen können“, verdeutlichte er. Sie öffneten sich in
Betroffenentreffen und seien froh, das jemand für sie spreche.
Zuvor hatte Harnisch bereits in der WDR-Lokalzeit OWL deutlich gemacht:
„Wir erwarten schon, dass das Erzbistum in Paderborn Verantwortung für die
Fälle übernimmt, nicht an andere Institution die Verantwortung delegiert,
sondern das, was der Erzbischof entscheiden kann, das soll er am besten
auch vor Ort selber entscheiden, damit es zu schnellen Lösungen für
Betroffene kommt.“
## Kirchliche Unterstützung von Opfern nicht ausreichend
Matthias Katsch von der Betroffenen-Initiative „Eckiger Tisch“ äußerte sich
im WDR5: „Es ist leider aber so, dass die Frage der Fürsorge, der
Unterstützung, auch der Entschädigung von Opfern längst noch nicht so weit
ist, wie man sich das eigentlich vorstellen würde, angesichts des Ausmaßes
nicht nur der Verbrechen, sondern auch des Systemversagens, was dahinter
steckt.“
Dafür müsse die heutige Kirche die Verantwortung übernehmen, da die
Verantwortungsträger der Vergangenheit nicht mehr zur Rechenschaft gezogen
werden könnten. „Dafür hat dieser elend lange Prozess ja gesorgt, dass da
niemand mehr da ist, an den man sich wenden könnte“, sagte Katsch.
Das Erzbistum Paderborn kündigte für die vertiefte Auseinandersetzung mit
der Studie Informations- und Unterstützungsangebote an. Mit den
Erkenntnissen der Studie solle der bisherige Weg der Aufarbeitung kritisch
abgeglichen werden. So solle etwa die Priesterausbildung im Erzbistum auf
den Prüfstand.
Erzbischof Bentz verwies auch auf ein kürzlich gegründetes Therapienetzwerk
des Erzbistums sowie auf seelsorgerliche Begleitung und Unterstützung bei
der Anerkennung des Leids. Zudem kündigte Bentz eine Bewertung der Studie
gemeinsam mit der Unabhängigen Aufarbeitungskommission an.
13 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.uni-paderborn.de/nachricht/157038
(DIR) [2] https://www.uni-paderborn.de/fileadmin/thema/MBS-Volltext.pdf
(DIR) [3] /in-kuerze-PADERBORNS-ERZBISCHOF/!1097529
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