# taz.de -- Missbrauch in der Evangelischen Kirche: Rücktritt unter Frust
> Nancy Janz tritt als Sprecherin evangelischer Missbrauchsbetroffener
> zurück. Sie beklagt Kommunikationsmängel und schleppenden Fortschritt.
(IMG) Bild: Nancy Janz spricht bei der Synode der Evangelischen Kirche 2024
Wer sich durch den 950 Seiten schweren [1][Abschlussbericht des
interdisziplinären Verbunds „Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter
Gewalt] und anderen [2][Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche] und
Diakonie in Deutschland“ (ForuM) kämpft, ist schockiert: Es gibt 2.225
Betroffene, 1.259 Beschuldigte und eine hohe Dunkelziffer.
Mehr als drei Jahre lang loteten WissenschaftlerInnen, koordiniert durch
die Hochschule Hannover, die schwärzesten Abgründe aus. Was sie
herausfanden und 2024 veröffentlichten, lässt keine Zweifel: [3][Nicht nur
die katholische Kirche hat tiefe Schuld auf sich geladen, flächendeckend
und strukturell].
Veränderung ist gefordert. Aber genau damit tut sich die evangelische
Kirche ebenso schwer wie die katholische. Das jüngste Indiz für diese
Trägheit: Der Rücktritt von Nancy Janz als Betroffenen-Sprecherin des
[4][Beteiligungsforums „Sexualisierte Gewalt“ in der Evangelischen Kirche
in Deutschland (EKD)] und ihres Sozialverbandes Diakonie. Seit Mitte 2022
hatte sie diese Position inne.
Auslöser sei „ein Konglomerat von Aspekten“, sagt sie der taz. „Das Forum
macht gute Arbeit, kann mitgestalten, mitentscheiden. Aber manche
Landeskirche ruht sich auf uns aus, sieht uns als Alibi, als
Rechtfertigung, selber nicht tätiger werden zu müssen.“
## Defizite in der Kommunikation
Außerdem gehe die Umsetzung von Fortschritten und im Forum erarbeiteten
Reformansätzen in den unabhängigen Landeskirchen und auch in der Diakonie
oft zu schleppend. „Das hat ja viel mit Haltung zu tun, damit, wie wichtig
mir das Thema ist, die Kritik insgesamt, wie gut ich das an untere Ebenen
weitergebe. Manche beziehen da sehr deutlich Position, andere nicht.“ Das
frustriere.
Hinzu komme ein Vermittlungsdefizit. „In Sachen Kommunikation ist die EKD
einfach wirklich schlecht“, sagt Janz. „Wir müssen die Leute mitnehmen,
ihnen nicht nur Ergebnisse mitteilen, sondern auch Fragestellungen,
Entscheidungsgänge, Zwischenbilanzen. Aber das ist zäh, nicht eingeübt
genug, da fehlt es an Transparenz.“
Und: „Weil vieles nicht gut nach außen kommuniziert wird, sind wir oft
Anwürfen ausgesetzt, wir seien zu kirchennah.“ Das belaste emotional.
Dass Janz keine Alibirolle akzeptiert, kann die EKD nicht verwundern. „Mein
Gestalten soll Wirkung haben, soll Prozessänderungen in Gang setzen, soll
zum Umdenken und Mitdenken anregen, soll vor allem Sinn für andere
Betroffene haben“, schreibt sie über sich auf der EKD-Website. „All die
Schrecken, die ich persönlich erleben musste, all mein Kämpfen um mein
eigenes Leben mit den Schrecken, muss für mich in Sinnhaftigkeit münden.“
Auch Detlev Zander ist auf der Website noch zu sehen. Bis Herbst 2025 war
er ebenfalls Sprecher des Forums. Sein Amt sei „derzeit ruhend“, so die
EKD. Auch Zander hatte Probleme bei der Aufarbeitung gesehen, auch er
spricht nicht mehr für das Forum. Zwei gewichtige Aderlässe, binnen nur
weniger Monate.
Beendet ist die Tätigkeit von Nancy Janz für die EKD übrigens nicht. Janz
ist Leiterin der Fachstelle Sexualisierte Gewalt der Bremischen
Landeskirche, und das bleibt sie. Auch dem Beteiligungsforum gehört sie
weiterhin an, für eine „Übergangszeit“. Aber ihr Rücktritt ist, anders als
bei Zander, ein Weggang – und zugleich, hofft sie, „eine Chance, zu sehen,
wo wir stehen, wo die Lücken sind“.
## Kirche nimmt Kritik ernst
Janz habe „das Beteiligungsforum geprägt, von Anfang an und entscheidend“,
schreibt Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst in einer EKD-Mitteilung. Wüst ist
Sprecherin der kirchlichen Beauftragten im Beteiligungsforum. Sie danke
Janz „für die offene, ehrliche und konstruktive Zusammenarbeit“.
Das Forum versteht Wüst als Ort, „Standards weiterzuentwickeln und den
Kulturwandel im Umgang mit sexualisierter Gewalt in Kirche und Diakonie
voranzubringen“.
Sie nehme die von Janz geäußerte Kritik „sehr ernst“: „Nancy Janz und ich
haben intensiv über ihre kritischen Anfragen an Tempo und Einheitlichkeit
der Umsetzung von Maßnahmen durch die Landeskirchen gesprochen. Und ich
verstehe ihre Kritik, sehe aber auch, genau wie Nancy Janz, welchen großen
Wandel wir in den vergangenen Jahren angestoßen haben.“
Janz würde das unterschreiben. Der Mangel an Sinnhaftigkeit reicht bis tief
hinein ins System Kirche. Wer ihn beheben will, muss an vielen
Stellschrauben drehen.
4 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.ekiba.de/media/download/variant/365429/abschlussbericht_forum.pdf
(DIR) [2] /Paedophilie-und-Protestantismus/!6063246
(DIR) [3] /EKD-Bericht-ueber-Missbrauch/!5984701
(DIR) [4] https://www.ekd.de/beteiligungsforum-sexualisierte-gewalt-73955.htm
## AUTOREN
(DIR) Harff-Peter Schönherr
## TAGS
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(DIR) Pfadfinder
(DIR) Sexualisierte Gewalt
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