# taz.de -- Buch über sexuellen Missbrauch: Querflötenstunde mit dem Frosch
       
       > Zerstörerische Eliten: Adrian Koerfer beschreibt das Aufwachsen in einer
       > kaputten, reichen Familie und seinen sexuellen Missbrauch an der
       > Odenwaldschule.
       
 (IMG) Bild: Türen, die kein Entkommen erlauben und keinen Schutz bieten: Adrian Koerfer vor dem von ihm geschaffenen Denkmal für die Opfer
       
       Elitenversagen ist historisch betrachtet eher die Norm als die Ausnahme.
       Vom Römischen Reich über die Französische Revolution bis hin zu [1][Jeffrey
       Epstein]: Immer und überall gab es zumeist Männer, die meinten, da sie sich
       bisher alles erlaubt hatten – in der wodurch auch immer gewonnenen
       Überzeugung ihrer Auserwähltheit –, ließe sich das doch gewiss in Ewigkeit
       fortsetzen.
       
       Zum Glück ist das nicht so. Und Adrian H. Koerfers Zeugnis seines durch
       Eliten erlittenen Martyriums ist jenseits literarischer Kategorien so
       wertvoll, weil zumindest die Chance besteht, dass Menschen, die Ähnliches
       erlitten haben, ihr Buch nicht mehr „Das glaubt mir doch kein Mensch“
       nennen müssen.
       
       Was seine Geschichte und die des organisierten sexuellen [2][Missbrauchs an
       der reformpädagogischen Odenwaldschule] besonders macht, ist, dass hier
       Eliten ihre Kinder Eliten zum Fraß vorwarfen. Koerfers Abrechnung mit den
       eigenen Eltern ist nicht viel weniger scharf als die mit dem Täter- und
       Ideologenpersonal, das ihn in der Odenwaldschule einst misshandelte und das
       in Person seines unbelehrbaren Vordenkers Hartmut von Hentig und seiner
       Unterstützer bis heute präsent ist.
       
       ## Mut zur Drastik
       
       Es geht bei der Odenwaldschule um Hunderte missbrauchte Kinder und
       Jugendliche, um heute schwer verletzte Erwachsene. Koerfer hat den Mut zur
       Drastik, der vielleicht einzigen Methode, um tatsächlich die Scham die
       Seite wechseln zu lassen, wie es Gisèle Pelicot uns aufgetragen hat.
       
       Als sexuell unaufgeklärter 13-Jähriger findet er sich wieder auf dem Bett
       eines dreißig Jahre älteren Mannes, „auf dem Bett eines Pädokriminellen.
       Sah seine behaarten Beine, seinen zu kleinen schwarzen Slip, seine wenig
       behaarte Brust. Seinen Bauch. […] Der Lehrer führte meine linke Hand an
       seinen Penis. Der Lehrer führte seine rechte Hand an meinen Penis. Der
       Lehrer streichelte meinen Penis. Er tat etwas, was ich selbst noch nie
       getan hatte.“ Und dann „fragte der Lehrer: ‚Soll ich jetzt kommen?‘ Ohne
       dass ich es begreifen konnte, hatte er mich damit perfide zu seinem
       Komplizen gemacht. Das schlaue Schwein. Ich antwortete nur, damit alles
       jetzt vorbei sein würde. ‚Ja‘.“
       
       Adrian H. Koerfer wächst in der Schweiz auf, als Sohn eines schwerreichen
       Unternehmers. Im Herbst 1968 wird er in die Odenwaldschule abgeschoben.
       „Ich kann mich nicht erinnern, einmal in meinem Leben an der Hand eines der
       beiden Elternteile auch nur ein kleines Stück irgendeines Weges gelaufen zu
       sein. In dreizehn Jahren nicht. Da war also nichts, was es zu vermissen
       gegeben hätte.“
       
       „Personal war ausreichend vorhanden“, aber das Einzige, was Eltern
       tatsächlich zu geben verpflichtet sind, Gefühle, Liebe, Wärme: Das gibt es
       nicht in dieser Kindheit. Gewalt und sexuelle Übergriffigkeit scheinen
       dabei immer durch. Der Vater ist ein „Rammler“, der die Mutter betrügt und
       schlägt, der seinem Sohn mitgibt, „wenn du es nicht einmal am Tag machst,
       verlernst du es“. Der Sohn begegnet dem noch heute ratlos: „Häusliche
       Gewaltobsession als Folge eines Krieges?“ Jedenfalls: „Diese
       Kaltblütigkeit. (Überall.)“
       
       ## Pädokriminelles System
       
       So unausgestattet, als ein „Gezeichneter“, kommt Koerfer, Jahrgang 1955, in
       den Odenwald, und dort in die „Familie“ des Musiklehrers Wolfgang Held, der
       im Buch nur Wolfgang H. heißt. Er, der „Frosch“ genannt, ist der Täter der
       oben zitierten Szene. Und: „Manche seiner Schüler blieben seine Jünger bis
       zu seinem Tod“, schreibt Koerfer. Ein System eben, das etabliert wird, mit
       dem einzigen Ziel, den „schonungslosen“ pädokriminellen Egoismus
       auszuleben, „größte Verstörung, tiefste Scham und Ekel“ bei den Opfern
       hinterlassend.
       
       Und Schweigen, bis es gebrochen wurde. Warum es so lang andauerte?
       
       Weil es niemand gab, vor dem ein Kind es vertrauensvoll hätte brechen
       können; weil es keine Worte gab, für das, was einem geschah, weil die Scham
       zu mächtig war; weil kaum jemand zugeneigt genug war, um das, was hinter
       der Wortlosigkeit sich verbarg, zu erspüren und wirklich wissen zu wollen;
       weil Kriminelle wie Schulleiter und Hentig-Lebensgefährte Gerold Becker
       ganz bewusst sich Schwächere aussuchten, Schwächen ausnutzten; weil
       [3][eine „protestantische Mafia“] aus angesehenen, evangelisch geprägten
       Bürger:innen der Bundesrepublik das Missbrauchssystem förderte und
       deckte. Eine Elite eben, die nicht nur – und das ist vielleicht das
       Perverseste an der ganzen Geschichte – einfach Macht hatte, sondern sich
       gleichzeitig als gesellschaftliche Gegenmacht inszenierte und das
       möglicherweise sogar selbst glaubte.
       
       So fragmentarisch und gleichzeitig redundant die Darstellung Adrian
       Koerfers oft auch ist: Die schwere Last zu übertragen, mit der er und die
       andern Überleben durchs Leben gehen müssen, während die [4][Täter von
       damals] zum allergrößten Teil unbestraft geblieben sind: Das ist ihm
       grandios gelungen.
       
       12 May 2026
       
       ## LINKS
       
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