# taz.de -- Thriller „Der Tod wird kommen“: Sie mischt die machtverliebten Typen auf
       
       > Regisseur Christoph Hochhäusler schickt in seinem traditionsbewussten
       > Thriller „Der Tod wird kommen“ eine Killerin auf Jagd in einem
       > gesichtslosen Brüssel.
       
 (IMG) Bild: Einsatz im Klo: Auftragskillerin Tez (Sophie Verbeeck) in „Der Tod wird kommen“
       
       Klar, das Spiel mit Traditionen, mit Zitaten und dem Aufgreifen bekannter
       Topoi gehört beim Genrekino dazu. Das weiß so jemand wie Christoph
       Hochhäusler, der der heute stark abgeebbten Welle der „Berliner Schule“
       zugerechnet wird, zu gut – und er betreibt es bis heute mit künstlerischem
       Stilwillen. Anstatt auf dröge Variationen baut er auf selbstreflexive
       Transition.
       
       Ganz buchstäblich in seinem [1][Großstadtthriller „Bis ans Ende der
       Nacht“], in dem er zuletzt von einer trans Frau und einem schwulen
       verdeckten Ermittler erzählte und das deutsche Genrekino in Sachen
       Sexualität und Genderfragen ins 21. Jahrhundert holte.
       
       Auch in „La mort viendra“, der in Locarno Premiere feierte und nun in
       Deutschland unter dem Titel „Der Tod wird kommen“ startet, erzählt
       Hochhäusler, inspiriert von Jean-Pierre Melvilles Klassiker „Der eiskalte
       Engel“, von einer im Übergang begriffenen Schattenwelt. Nach einem
       gemeinsam mit seinem Stammkoautor [2][Ulrich Peltzer] geschriebenen
       Drehbuch ist der Film seine Interpretation des Polar, des französischen
       Kriminalfilms zwischen Genre- und Autorenkino. Und es ist sein erster
       französischsprachiger Film, gedreht wurde in Belgien.
       
       Tradition und Gegenwart prallen gleich zu Beginn von „Der Tod wird kommen“
       aufeinander. Da sitzt Gaunerlegende Charles Mahr (Louis-Do de Lencquesaing)
       – schon der Name: der Nachtalb! – mit VR-Brille vor einer Sexpuppe und
       massiert deren Brüste. Die Haut sei vorgewärmt, erklärt sein Rivale De Boer
       (Marc Limpach) stolz, für den die Zukunft der Prostitution ein
       VR-Erotikzentrum ist. Kein Zoff mehr mit dem Gesundheitsamt, mit den
       „Mädels“ oder den Freiern!
       
       ## Frau mit wachen Augen
       
       Wenig später kommen die Ereignisse in Gang, nachdem ein Kurier von Mahr
       erschossen wird. Wer steckt dahinter? De Boer? Um das herauszufinden,
       engagiert Mahr die Auftragskillerin Tez (toll: Sophie Verbeeck). „Man sagt,
       dass Sie gut sind“, meint Mahr überzeugt beim Briefing und schickt die Frau
       mit den wachen Augen auf Ermittlungsmission zwischen die Fronten, um genau
       dies unter Beweis zu stellen.
       
       Zwischen die Fronten heißt: zwischen die Gangsterlager in diesem
       gesichtslosen Brüssel, das mal heruntergekommen und düster erscheint, mal
       glasfassadig-steril, wie jenes Frankfurt in [3][Hochhäuslers Finanzthriller
       „Unter dir die Stadt“]. Es heißt aber auch: in eine Schattenwelt, die im
       Wandel begriffen ist. Da sind einerseits augenzwinkernd-derbe
       Genre-Archetypen wie Mahr, der Pelzmantel tragende Schmierlappen De Boer
       oder eine blinde Bordellbesitzerin, deren grau verschleierte Augen dennoch
       von Durchblick zeugen.
       
       Zugleich fördert der Film teils herrlich Absurditäten unserer Gegenwart
       zutage, etwa in jener Szene mit der Sexpuppe. Oder sie zeigt sich in
       Kleinigkeiten, wenn der leidenschaftliche Raucher Mahr, dessen Gesundheit
       eine Rolle spielen wird, an seiner E-Zigarette nuckelt, eine Smartwatch
       prominent vorkommt oder Tez lieber Digital- anstatt Papierfotos möchte.
       
       Mit ihr etabliert Hochhäusler eine Heldin, die den bewaffneten Haufen
       selbst- und machtverliebter Typen aufmischt. Tez ist undurchschaubar und
       will lieber die laute Beretta anstatt des Modells mit dem Schalldämpfer. In
       einer Bar soll sie, um im Gegenzug Informationen zu bekommen, die Frauen an
       der Theke für die blinde Bordellbesitzerin beschreiben – eine tolle Szene,
       die in einem Zahnlücken- und Messerflirt mit der Barkeeperin und einem
       Kommentar zum Film selbst endet. Man könne viel damit tun, meint Tez über
       ihr Messer. „Man kann die Zeit zerschneiden. In ein Davor und in ein
       Danach.“
       
       Unterfüttert von stimmungsvollen Synthesizerteppichen von Nigji Sanges und
       eingefangen in dynamisch gleitenden Bildern von Reinhold Vorschneider,
       spinnt Hochhäusler ein doppelbödiges Intrigen- und Verwirrspiel. „Der Tod
       wird kommen“ erzählt zwischen vibrierender Ruhe und kurzen Gewalteruptionen
       – herausragend ein Kampf in engen, weißgefliesten Badräumen – von
       Veränderungen, aus denen Neues wächst.
       
       13 Mar 2026
       
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